CCS im Vormarsch – „CDRterra“ verweigert Diskussion
Die energiepolitische Debatte ist auf die destruktiven Vorhaben von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) und auf Möglichkeiten, sie zu verhindern, fokussiert. Weniger öffentliche Beachtung finden die auf breiter Front startenden Aktivitäten zur Installation der CCS (Carbon Capture and Storage)-Technik. Mit dem falschen Versprechen, dass das bei der Verbrennung fossiler Stoffe freigesetzte CO2 durch Verpressung in den Untergrund unschädlich gemacht werden könnte, wird CCS als Rechtfertigung für unabsehbare Weiterführung der fossilen Energiewirtschaft herangezogen.
Gewisse Einschränkungen, die im bisherigen CCS-Gesetz enthalten waren, sind mit dessen kürzlicher Novellierung beseitigt worden. Nun soll es voll zur Sache gehen. Riesige Investitionen samt staatlicher Unterstützung stehen an.
Exxon Mobile beantragte, auf einer Fläche von mehr als 2.700 Quadratkilometern den Nordseeboden auf Tauglichkeit für CO2-Verpressung zu untersuchen. Über mehrere Jahre sollen sich die Arbeiten hinziehen, durch die die Unterwasserwelt extrem geschädigt wird. Dabei hatte die Bundesregierung längst festgestellt, dass in geologische Strukturen, wie sie unter der Nordsee gegeben sind, „große CO₂-Mengen injiziert und sicher über geologische Zeiträume gespeichert werden“ können.
Wofür dann die Untersuchung? Offensichtlich war das, was die Bundesregierung in die Form einer Feststellung kleidete, in Wirklichkeit nur eine Behauptung. Aber das ist die Art “Logik“ und „Stimmigkeit“, wie man sie im Terrain „CCS & Co“ auf Schritt und Tritt findet.
Allenthalben werden derzeit CO2-Pipelines in Richtung Nordsee geplant. Dabei sind die Untersuchungen des Nordseebodens noch nicht einmal genehmigt! Steht schon fest, dass sie genehmigt werden und ihr Ergebnis CCS-positiv sein wird?
CCS war von Anfang an eine Vorspiegelung falscher Tatsachen, eine bloße Umbenennung des EOR/EGR (Enhanced Oil/Gas Recovery). Seit den frühen 1970er Jahren wird das in den USA praktiziert: Man presst CO2 in das Feld. Dadurch wird mehr Öl beziehungsweise Gas nach oben getrieben. Ein Teil des CO2 steigt mit hoch und gelangt sogleich in die Atmosphäre, ein anderer Teil bleibt – zunächst – unten. Das wurde nun als „Storage“ (Speicherung) deklariert. Es ist aber nur ein Taschenspielertrick, denn durch die vermehrte Förderung der Kohlenwasserstoffe mit anschließender Verbrennung wird mehr CO2 freigesetzt als – einstweilen – im Untergrund verbleibt.
Dass dieses Verfahren für Fossil-Konzerne Sinn macht, kann man ja nachvollziehen. Dass es aber als Klimaschutzmaßnahme ausgegeben wird, sollte dem Fass eigentlich den Boden ausschlagen. Doch auch die deutsche Bundesregierung listet in ihrem CCS-Evaluierungsbericht (2022) treuherzig auf, dass es sich bei 70 Prozent der „CCS“ genannten Anlagen um EOR/EGR handelt – also um „Klimaschutz“ durch vermehrte CO2-Emission!
Mark Jacobson, Professor an der Stanford University in Kalifornien, hat das gesamte CCS & Co als „Betrug“ bezeichnet.
Damit ordnet er die Sache nicht nur in die passende Kategorie ein, sondern bringt eine kulturpolitische Frage auf den Tisch: Wie ist es um die Denk- und Urteilsfähigkeit einer Gesellschaft bestellt, die, statt einen Betrug zu erkennen, sich in eine jahrzehntelange ernsthafte Auseinandersetzung um ihn verwickelt? Welch gewaltiges Potential wird allein schon dadurch der Energiewende und dem nötigen Umbau unserer Daseinsweise auf dem Planeten entzogen! Wie kann es dazu kommen, dass selbst der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) für CCS wirbt?
Um solchen Fragen nachzugehen, nahm sich eine Gruppe von Wissenschaftlern, Organisationen und Akteuren der Energiewende das „Synthesefactsheet“ des Konsortiums „CDRterra“ vor. Es trägt den Titel: „Potentiale und Risiken der landbasierten CO2-Entnahme in Deutschland: was wir jetzt wissen – und was zu tun ist“ und fasst vierjährige, vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt finanzierte Forschungen von über 100 WissenschaftlerInnen zusammen.
Bedauerlicherweise musste die Gruppe feststellen, dass im Factsheet unbewiesene Behauptungen der Pro-CCS-Kräfte kritiklos wiederholt werden. So werde etwa die „Langzeitsicherheit“ sogenannter geologischer CO2-Speicher als nicht zu hinterfragendes Faktum hingestellt. Gegenteilige wissenschaftliche Erkenntnisse würden ignoriert. Publikationen – wie etwa die Studie von Ralf Krupp „Geologische Risiken der CO2-Verpressung in der Nordsee“ oder die Arbeit von Grant Hauber „Norway’s Sleipner and Snøhvit CCS: Industry models or cautionary tales?“ (Die norwegischen CCS-Projekte Sleipner und Snøhvit: Vorbilder für die Branche oder warnende Beispiele?) – figurierten nicht einmal im Literaturverzeichnis.
Das von „CDRterra“ formulierte Leitprinzip, „CO2-Entnahme darf niemals als Vorwand dienen, um vermeidbare Emissionen aus Bequemlichkeit oder Kostengründen weiter in Kauf zu nehmen. Emissionen zu reduzieren und im Idealfall gänzlich zu vermeiden, muss das Leitprinzip jeder Klimaschutzstrategie sein“, begrüßte die Gruppe. Ohne praktische Umsetzung fehle ihm allerdings die Sinnhaftigkeit. Kritische Hinterfragung der erdgasbasierten Politik der Bundesregierung sei daher unumgänglich, erfolge seitens „CDRterra“ aber nicht.
Die Gruppe richtete ein Offenes Schreiben mit kritischen Fragen zum Factsheet an „CDRterra“ und schlug einen öffentlichen Austausch vor. Es genüge nicht, dass Webinarteilnehmer lediglich Fragen und punktuelle Meinungen vorbringen können, vielmehr sollte „CDRterra“ ein Format zur Verfügung stellen, in welchem die Öffentlichkeit zu qualifiziertem Input aufgerufen ist.
Das wurde abgelehnt. Ein solches Format würde Geld kosten, und „CDRterra“ sei dafür verantwortlich, dass die erhaltenen Steuergelder nicht zweckentfremdet werden. Die Frage, wieso es sich um Zweckentfremdung handelt, wenn das geschieht, was „CDRterra“ im Factsheet selbst anmahnt, nämlich „gesellschaftliche Verständigung“ und „große Debatten“, blieb unbeantwortet. So hat man es also auch bei „CDRterra“ mit fehlender Stimmigkeit zu tun, genau wie im gesamten übrigen Terrain des CCS.
Oder gibt es unter den 100 für CDRterra tätigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vielleicht doch auch Einige, die die „gesellschaftliche Verständigung“ und die „großen Debatten“ nicht bloß auf der Mattscheibe wollen, sondern in der Realität – und die auch den vollständigen Wechsel von Gas, Öl und Kohle zu den erneuerbaren Energien nicht als theoretisches Postulat betrachten, sondern als den unmittelbar und dringend zu vollziehenden praktischen Schritt?
Nicht alles ist schlecht im Factsheet. Dass der Blick auch auf die Biodiversität gelenkt wird und dass ohne deren Sanierung das Klima nicht saniert werden kann, ist ein wichtiger, noch nicht genügend verbreiteter Gesichtspunkt. Hierzu gibt es von Verfassern des Offenen Schreibens bereits Ausführungen: von Peter Droege den Artikel „Beyond Paris: emergency imperatives for global policy and local action“ und von Bernhard Wessling die Arbeit „Nachhaltigkeit durch Bio-Landwirtschaft: Reduzierung von Kohlendioxid (CDR) und Wiederherstellung der Biodiversität“.
Es wäre gut für Klima und Biodiversität, wenn es zu einem gemeinsamen Wirken von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus vielen Bereichen käme, auch aus dem „CDRterra“-Konsortium!
— Der Autor Christfried Lenz, politisiert durch die 68er Studentenbewegung, Promotion in Musikwissenschaft, ehemals Organist, Rundfunkautor, Kraftfahrer und Personalratsvorsitzender am Stadtreinigungsamt Mannheim, Buchautor. Erfolgreich gegen CCS mit der BI „Kein CO2-Endlager Altmark“, nach Zielerreichung in „Saubere Umwelt & Energie Altmark“ umbenannt und für Sanierung der Erdgas-Hinterlassenschaften, gegen neue Bohrungen und für die Energiewende aktiv (https://bi-altmark.sunject.com/). Mitglied des Gründungsvorstands der BürgerEnergieAltmark eG (http://www.buerger-energie-altmark.de/). Bis September 2022 stellvertretender Sprecher des „Rates für Bürgerenergie“ und Mitglied des Aufsichtsrates im Bündnis Bürgerenergie (BBEn). Seit 2013 100-prozentige Strom-Selbstversorgung durch Photovoltaik-Inselanlage mit 3 Kilowattpeak und Kleinwindrad. —
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