Nationaler Wasserstoffrat legt neue Bedarfsprognose vor
Die zugespitzte geopolitische Lage, die wachsende Unsicherheit durch die Politik der USA und neue politische Schwerpunkte in Deutschland und in der EU haben den Nationalen Wasserstoffrat (NWR) bewogen, seine Prognose zum Wasserstoff-Bedarf zu aktualisieren.
Die Experten gehen davon aus, dass der deutsche Gesamtbedarf an Wasserstoff und seinen Derivaten in den späten 2040er-Jahren bei 275 bis 555 Terawattstunden liegen wird. Das entspricht rund 8,25 bis 16,65 Millionen Tonnen. Davon entfallen 140 bis 300 Terawattstunden auf die Industrie, 75 bis 135 Terawattstunden auf den Verkehr und 60 bis 120 Terawattstunden auf die Strom- und Fernwärmeversorgung.
Für die kommenden Jahre basieren die Prognosen auf heute zu beobachtenden Entwicklungen. Die langfristige Abschätzung fußt auf den Ziel vollständiger Klimaneutralität und energetischer Resilienz der heimischen Industrie.
Zahlreiche Vorhaben sind gefährdet
Der NWR bemängelt, dass der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft nicht ansatzweise im benötigten Tempo erfolgt. So verhindern der bestehende regulatorische Rahmen und die schwierigen finanzwirtschaftlichen Bedingungen Investitionen in nennenswertem Umfang. Unzureichende Angebotsmengen bei konstanter oder steigender Nachfrage steigern die Kosten, was zahlreiche Projekte entlang der gesamten Wertschöpfungskette gefährde, zu Stillstand oder gar zur Aufgabe zwinge. Von einem Wasserstoffhochlauf könne man angesichts dieser Situation derzeit kaum sprechen.
Der von der vormaligen Bundesregierung eingerichtete NWR dient der Politik als unabhängiges, überparteiliches Beratungsgremium. Der Rat erarbeitet Vorschläge, Stellungnahmen und Studien, die den Markthochlauf von Wasserstofftechnologien in Deutschland beschleunigen sollen.
Größte Nachfrage kommt aus der Chemieindustrie
In der Prognose kommt der NWR zu dem Ergebnis, dass die Industrie den mit Abstand größten Anteil an der künftigen Nachfrage haben werden. In der Stahlindustrie bedeuten die aktuell verfolgten Projekte zum Einsatz von Wasserstoff in Direktreduktionsanlagen einen potenziellen Wasserstoffbedarf von bis zu 400.000 Tonnen pro Jahr. Damit könne die Branche zum zentralen Nachfrageanker für den Wasserstoffhochlauf werden.
Voraussetzung dafür ist nach Ansicht des Gremiums, dass der klimaneutrale Wasserstoff nicht nur in ausreichender Menge, sondern vor allem auch zu wettbewerbsfähigen Preisen zur Verfügung gestellt wird. Hierfür müssten entsprechende regulatorische Rahmenbedingungen in Brüssel und Berlin geschaffen werden.
Größter Nachfrager wird die Chemieindustrie sein. Hier setzt der NWR den langfristigen Bedarf mit 107 bis 243 Terawattstunden allerdings deutlich niedriger an als in der letzten Prognose von 2024. Gründe dafür liegen unter anderem in einem spürbaren Produktionsrückgang, hohen Energiekosten und unzureichenden regulatorischen Bedingungen.
Wasserstoff für Busse und schwere Lkw
Auch im Verkehrssektor hat der NWR seine Prognose reduziert. Bei PKW und leichten Nutzfahrzeugen spielt Wasserstoff als direkt genutzter Energieträger künftig nur eine stark untergeordnete Rolle. Bei Bussen und im Schwerlastverkehr wird der Bedarf mit etwa 17 Terawattstunden Anfang des kommenden Jahrzehnts deutlich größer sein. Dazu trägt auch die neue Förderung für Wasserstoff-Tankstellen und -Lkw des Bundesverkehrsministeriums bei. Damit kann ein Grundnetz an Wasserstofftankstellen entstehen, mit dem eine Wasserstoff-Lkw-Flotte von einigen tausend Fahrzeugen bis 2030 möglich ist, so die Experten.
Bei der Produktion von E-Fuels erwartet der NWR zu Beginn der 30er Jahre einen Bedarf von bis zu sechs Terawattstunden. Die gleiche Menge setzt das Gremium in den späten 30er/frühen 40er Jahren in der Luftfahrt an. Diese Menge wächst zum Ende des Jahrzehnts auf rund 27 Terawattstunden an.
Im Energiesektor sieht der NWR allein in der Strom- und Fernwärmewirtschaft eine nennenswerte Nachfrage. Für 2035 erwarten die Experten hier einen Bedarf von 5 bis 30 Terawattstunden, der 2040 auf 30 bis 40 Terawattstunden ansteigt und 2045 eine Menge 60 bis 120 Terawattstunden erreicht.
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