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Eine „verrückte Vision“ wird mehr als doppelt so wahr

2012 lautete die „Burning Ambition“: 300 Gigawatt pro Jahr bis 2025. Heute wird diese einst „verrückt“ genannte Vision mit sagenhaften 698 Gigawatt sogar mehr als verdoppelt.
Sonne, NASA
2012 lautete die „Burning Ambition“: 300 Gigawatt Photovoltaik pro Jahr bis 2025. | Foto: NASA

„300 Gigawatt Photovoltaik pro Jahr in 2025 weltweit, mindestens 200 Gigawatt für Deutschland insgesamt“: Was wir im September 2012 bei einem Weltmarkt von 27 bis 30 Gigawatt als „Burning Ambition“ zur Inspiration und Ansporn in die Branche getragen haben, wurde vom globalen Markt „überrannt“. Und so gab es nie ein Jahr mit 300 Gigawatt Zubau –  diese Marke ist einfach grandios übersprungen worden und 2025 ist laut aktuellen Zahlen der IEA-PVPS mit einer neu installierten Photovoltaik-Leistung von 698 Gigawatt zu Ende gegangen.

Fast 3 Terawatt sind nun global installiert. Nachdem das erste Terawatt noch fast 40 Jahre brauchte, erfolgt die Verdreifachung nun binnen dreier Jahre.

In Deutschland sind wir bei 126 Gigawatt angekommen – fast 2,5 mal mehr als der noch bis Sommer 2020 geltende „52 Gigawatt-Deckel“ vorsah. Er stammt aus 2012, als die kumuliert installierte Leistung bei 34 Gigawatt lag. Der Photovoltaik-Anteil an der deutschen Stromproduktion betrug damals rund 4,5 Prozent, im Jahr 2025 sind wir bei 16 bis 16,9 Prozent. Fast 6 Millionen Photovoltaik-Anlagen sind in Deutschland registriert, allein die 2012 nicht messbare Nische „Guerilla-PV, alias Balkon oder Stecker-Solar“ zählt über 1,3 Millionen Systeme. Neben dem bereits heute beeindruckenden Anteil an der Gesamtversorgung ist die Photovoltaik in großer Breite direkt in der Gesellschaft angekommen – mehr als 15 Prozent aller Haushalte nutzen aktiv die Kraft der Sonne. 

Allein Deutschland hat 2025 mehr neue Leistung installiert als die gesamte EU im Jahr 2012 und wir wissen alle, dass die EU bis heute weit hinter ihren finanziellen und technischen Potenzialen für die jährliche Neuinstallation der Photovoltaik zurückbleibt. In der EU können derzeit nur neue Solar- oder Windparks ohne jegliche Subventionen oder andere Vorteile errichtet werden. Neue Gaskraftwerke oder die wenige Atomkraftwerke verlangen immer massive Subventionen und extreme Sonderrechte für Jahrtausende.

2025 ist dann auch das Jahr, in dem aufgrund des massiven Photovoltaik-Zubaus, der ca. 1,4 Milliarden Solarmodule umfasste und Energieerzeugung im Äquivalent von 150 großen Atomkraftwerken ermöglichte, erstmals der Verbrauch an fossilen Energien für die Erzeugung trotz eines globalen Mehrverbrauchs gesunken ist.

Eine gewaltige Wegmarke ist somit erreicht: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/energie/stromerzeugung-erneuerbare-energien-104.html

Was für überwältigende Erfolge und eindrucksvolle Belege für die auch weiterhin unbändige Kraft der Solartechnologie: „Mehr erfüllt als selbst von sehr Ambitionierten versprochen“. Und sie sind eine kraftvolle Inspiration sowohl für die nächsten „Burning Ambitions“ als auch für den täglichen Kampf um die nächsten Schritte in der laufenden (erneuten) elektrischen Revolution.

Noch ein paar Zahlen, die eindrucksvoll unterstreichen, wie sich im Jahr 2025 die „erneute elektrische Revolution“ weiterentwickelt hat:

Der globale Markt für Elektroautos ist um 20 Prozent auf über 20 Millionen Fahrzeuge gestiegen:  https://source.benchmarkminerals.com/article/global-ev-sales-reach-20-7-million-units-in-2025-growing-by-20

Der globale Markt für Batteriespeicher ist um über 50 Prozent gewachsen.

Ein solch extremer Leistungsbeweis verdient einen kurzen Rückblick, Schlüsse für die Kämpfe der Gegenwart und Ideen für die nächsten „Sprünge“.

Der 26. September 2012 ist ein bewölkter Tag, als in Frankfurt am Main auf der EU PVSEC die pv magazine/Solarpraxis-Initiative „200 Gigawatt in Deutschland /300 Gigawatt weltweit bis 2025“ vorgestellt wird. Mit dabei der damalige Institutsleiter des Fraunhofer ISE, Eike Weber, und der damalige Geschäftsführer des Reiner Lemoine Instituts, Christian Breyer.

Vor dem Hintergrund eines sehr schwierigen Jahres und des weltweiten Photovoltaik-Marktes von am Ende 27 bis 30 Gigawatt Zubau im Jahr 2012 „Burning Ambition“ mit einer prognostizierten Verzehnfachung oder mehr aufzuwarten, löste neben Inspiration auch Stirnrunzeln („das ist verrückt“) oder gar Ablehnung aus. Besonders das für Deutschland genannte Ziel von 200 Gigawatt (Gesamtinstallation) wurde von ängstlichen Branchenteilnehmern als „brandgefährlich, da die Politik einen großen Schreck bekommen könnte“ bezeichnet. Deutschland hatte mit am Ende fast 8 Gigawatt 2012 einen Weltmarktanteil von über 25 Prozent, der EU-Markt lag mit über 16 Gigawatt bei über 60 Prozent des Weltmarktes und China baute in dem Jahr ganze 3 Gigawatt zu.

Es gab sehr große Sorgen in der Branche in jenem Spätsommer 2012. Denn EU-weit gingen die Markteinführungsprogramme abrupt zurück oder zu Ende und ein großer Zollkonflikt mit China drohte. Ein ganze Reihe seinerzeit großer Photovoltaik-Hersteller war schon pleite gegangen oder wackelte bedenklich. In Deutschland hatte die damalige Regierung nie verstanden, welche industriellen Fähigkeiten und Kapazitäten Deutschland seinerzeit aufgebaut hatte. Sie sah bei der legendären „EE-Fallbeilnovelle“ im Februar 2012 nur hohe EEG-Einspeisevergütungen und in keiner Weise die technologisch-industrielle Dimension.

Die Politik der Regierung führte dann auch zu einer beispiellosen Pleitewelle in der deutschen Solarwirtschaft, vor allem vernichteten sie die damals bestehende technologische und industrielle Vorreiterrolle Deutschlands, was bis heute nachwirkt. Was heute etwas verniedlichend als „Altmaier-Delle“ beschrieben wird, hatte schon  2012 katastrophale Auswirkungen auf die Branche, mehrere zehntausend Arbeitsplätze gingen allein 2012 verloren. Wie immer starben die oft mittelständisch oder auch handwerklich geprägten Unternehmen einen leisen Tod und weder Medien noch Politik nahmen Anteil. Es dürfte in der Geschichte der Bundesrepublik keinen wirtschaftspolitischen Moment gegeben haben, an dem man aufgrund einer toxischen Mischung aus strategischer Unfähigkeit und beinharter Ideologie binnen so kurzer Zeit eine Zukunftstechnologie in Teilen vernichtet sowie massiv zurückgeworfen hat.

Animation zur 300 GW-Initative von pv magazine und Solarpraxis vom 20.09.2012
Animation zur 300 GW Imitative von pv-magazine und Solarpraxis vom 20.09.2012 | Kampagnenbild: pv magazine/Solarpraxis//Foto: NASA

Man muss das so hart sehen, um die Lage der Solarbranche im September 2012 etwas genauer zu verstehen. Und um auch die heute unübersehbaren Folgen von extrem schlechter oder besser gesagt nicht vorhandener Wirtschaftspolitik zu verstehen. Die Solarindustrie wird heute von China dominiert, das ab 2012 auf Innovation und Wachstum setzte – etwas von dem wir damals hofften, dass es passieren würde, damit die Solarwirtschaft durch die deutschen Fehlentscheidungen nicht gleich global zurückgeworfen oder gar „beerdigt“ würde.

Cover von pv magazine aus dem Jahr 2012
Cover aus dem Jahr 2012.

Mit der „300 Gigawatt Initiative“ wollten wir dann auch klarstellen, dass es eine große Zukunft für die Branche geben wird und es sich lohnt, trotz all der extremen Probleme dranzubleiben.

Technologisch gab es 2012 noch eine wichtige Rahmenbedingung für unsere „Burning Ambition“: Batteriespeicher waren sehr teuer und kosteten über 1000 Euro/Kilowattstunde. Auch gab es bis zum Sommer 2012 kein elektrisches Serienauto, mit dem man sicher 200 Kilometer Reichweite hatte. Heute findet sich fast kein Serien-Elektroauto mehr, das nicht mindestens 200 Kilometer Reichweite hat, und die Batteriepreise sind um über 90 Prozent gefallen. Dank der extremen Massenproduktion gehen die Innovationen in einem hohen Tempo weiter, während die Kosten fallen. Damals, also vor 13 Jahren, war das alles auch „Vision“, für die man sogar noch mehr belächelt wurde als für die Prognosen zu den Solarerzeugern.

Und so hatten die Wissenschaftler und wir unsere eigentlich noch vielfach größeren Erwartungen zum Potenzial des Photovoltaik-Marktes zunächst auch etwas „zurückgenommen“. Mit den Speichern und der eingetretenen massiven Kostensenkung bei Solarzellen und -modulen bei Massenfertigung liegt das Potenzial eher bei mehreren tausend Gigawatt Zubau jährlich.

 Was für ein Erfolg!

Neue Ambitionen / „Burning ambitions“

Der globale Energiemarkt ist mit über 170.000 Terawattstunden pro Jahr viel größer als der heutige Strommarkt. Die „erneute elektrische Revolution“ zielt darauf ab, diesen Markt dauerhaft vollständig zu bedienen – vielfach effizienter als heute und umweltfreundlich. Soll das erreicht werden, liegt eine neue Marke für die globale solare Neuinstallation bei 3 Terawatt jährlich – was lediglich etwas mehr als eine Vervierfachung zur 2025 erreichten Zahl bedeuten würde – und keine Verzehnfachung, wie einst 2012 gefordert. Batteriespeicher und viele weitere Zutaten sind nun schon massenhaft verfügbar. Alles wird immer effizienter und kostengünstiger.

Also warum nicht jetzt: „3000 Gigawatt jährlich bis 2035 – make it happen!“

— Der Autor Karl-Heinz Remmers ist seit 1992 als Solarunternehmer tätig. Zu Beginn mit der Planung und Montage von Solaranlagen sowie der Produktion von Solarthermie-Kollektoren. Seit 1996 dann parallel unter dem Namen Solarpraxis mit eigenen Fachartikeln, Buch- und Zeitschriftenverlag und dem bis heute aktivem Solarpraxis Engineering. Zu den erfolgreichen Gründungen zählen auch die nun von namhaften Partnern gemachte pv magazine Group und die Konferenzserie „Forum Solar Plus“. Neben Solarpraxis Engineering sind heute Entwicklung, Planung, Errichtung und Betrieb von Solaranlagen als „IPP“ im Fokus der Aktivität. Zudem betreibt er aktive politische Arbeit im Rahmen des Bundesverbandes Neue Energiewirtschaft (bne). Mehr hier: https://www.remmers.solar/ueber-mich/ —

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Kommentare

Jörg Buschbeck
Jun 08, 2026

Super Karl Heinz, „if you can dream it, you can make it“ – Für den nächsten Schritt muss die Doppelnutzung von eh nötigen Bauteilen zur Stromerzeugung noch mehr kommen. Dach, Wand und Zaun können selbst im November noch genügend Strom für 100% Stromautarkie von „Nosumern“ liefern. Wenn die Bauteile nebenbei Strom erzeugen, spielt die „Überdimensionierung“ keine Rolle – bei der total überdimensionierten PV-Anlage eines Solartaschenrechners interessiert dies auch keinen. Totale Autarkie vom Stromnetz ist einfach beim Solartaschenrechner so praktisch wie beim eigenen Haus, dann kann einen auch die ganze Netzbürokratie kreuzweise – geht aber regelmäßig nur mit hybrider Auslegung des Heizsystems.