Die nächste Weltwirtschaftskrise, verursacht durch eine fundamentale Erdölverknappung, steht offensichtlich vor der Tür

Hans-Josef Fell

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Im Jahre 1972 hatte der Club de Rome einen die ganze Welt sensibilisierenden Bericht zur Endlichkeit der Ressourcen vorgelegt. Erstmals wurde der Glaube erschüttert, man könne für immer und für ewig auf billiges Erdöl, Erdgas, Kohle und Uran zurückgreifen. Bis heute dominieren aber diese Rohstoffe das Weltwirtschaftssystem, mit gigantischen Gewinnen für Erdöl-, Erdgas- und Kohlekonzerne und dem katastrophalen Nebeneffekt, dass das Weltklima mit wachsender Temperaturerhöhung kollabiert, denn es treten auch schon heute zunehmend Naturkatastrophen ein, welche unvorstellbares Leid in weiten Weltregionen schaffen.

Doch weder die Warnungen, dass die Ära des billigen Erdölzeitalters eines Tages vorüber sei, oder die furchtbaren Entwicklungen infolge der Erdüberhitzung, haben die Menschheit zur Abkehr von fossilen Energien geführt.
Exzessiv werden weiter Erdöl, Erdgas und Kohle gefördert und verbrannt, ohne Rücksicht auf Umwelt, Klima, nur mit dem Argument, kommende Versorgungsengpässe zu vermeiden.

Bisher wurden alle Warnungen, vor einer Verknappung der Verfügbarkeit der endlichen Rohstoffe und einer damit unweigerlich einhergehenden Energiepreissteigerung und Wirtschaftskrise in den Wind geschlagen, mit dummen Sätzen wie: „Die Steinzeit wurde auch nicht wegen einem Mangel an Steinen beendet.“ Solche Sätze sollten suggerieren, dass es schon irgendwie automatisch gelingen werde, einer Verknappung der Rohstoffverfügbarkeit rechtzeitig entgegenzuwirken.

Doch nun haben die jüngsten großen Preissprünge von Erdöl, Kohle und Erdgas Verbraucher, Regierungen und Medien aufgeschreckt. Beschwichtigend wird schnell versichert, dass dies nur ein vorübergehendes Phänomen sei, welches wohl im Frühjahr 2022 wieder verschwunden sei. Als Gründe, für die Preissteigerungen – die auch alle durchaus eine Rolle spielen – werden genannt: Geopolitische Machtspiele, Spekulationen an Energiemärkten, regionale Versorgungsengpässe, aber insbesondere werden Klimaschutzmaßnahmen, wie CO₂-Steuer und Emissionshandel als Ursache für die Energiepreissteigerungen ins Feld geführt. Dabei ist es angesichts der massiven Preissteigerungen für fossile Rohstoffe und der mit ihnen steigenden Strompreise absurd zu behaupten, Klimaschutzmaßnahmen und die Kosten für Erneuerbare Energien würden den entscheidenden Einfluss auf diese Preissteigerungen haben – doch genau dies wird vielfach behauptet.

Wie immer spielt die Frage, ob denn ein Rückgang der Energierohstoffförderung die starken Verknappungen auf den Weltmärkten hervorruft und so die treibende Kraft hinter den Energiepreissteigerung wäre, in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle. Dabei deuten jüngste Äußerungen und Studien genau darauf hin.

Bemerkenswert ist ausgerechnet der letzte World Energy Outlook 2021 der IEA in Paris. Bemerkenswert ist er vor allem deshalb, weil die IEA seit ihrer Gründung nach der OPEC-Krise 1993 den Auftrag hatte, die fossile und atomare Energierohstoffverfügbarkeit zu günstigen Preisen für die westliche Welt zu analysieren und zu organisieren. So zeichneten sich bis 2020 alle IEA-Reporte vor allem dadurch aus, dass sie zwei entscheidende Signale sendeten: Die Verfügbarkeit fossiler Rohstoffe ist zumindest bei genügend Investitionen stets gesichert. Mit großen Preissprüngen sei nicht zu rechnen. Zweitens sei der Ausbau der erneuerbaren Energien sowie deren sinkende Preisentwicklung zu langsam, als dass sie in den kommenden Jahrzehnten eine ernstzunehmende Alternative zu fossilen und atomaren Quellen seien. Eine schlimme Fehlbotschaft für die Welt durch die IEA, die damit eine der Hauptschuldigen ist, dass die Weltgemeinschaft nicht zum Klimaschutz gefunden hat. Dabei sind längst Solar- und Windenergie kostengünstiger als Erdöl, Erdgas, Kohle und Atomkraft. Sogar versorgungssichere Erzeugung aus 100 Prozent erneuerbaren Energien, also inklusive Speichertechnologien sind heute wettbewerbsfähig mit fossilen und atomaren Erzeugungsanlagen, wie es eine jüngste Studie der Energy Watch Group nachweist.

Doch zurück zur Frage, ob hinter den jüngsten Preissteigerungen im fossilen Energierohstoffsektor nicht doch Verknappungen fundamentaler Art stecken. Die Frage also, ob die Förderung insbesondere bei Erdöl und Erdgas überhaupt noch die globale Nachfrage stillen kann.

Niemand kann diese Frage im Moment genau wissenschaftlich beantworten, zu viele Einzeldaten fehlen, insbesondere weil die großen Förderländer wie Saudi-Arabien oder Russland sich nicht in die Karten ihrer Erdöl- und Erdgasfelder schauen lassen. Doch Indizien gibt es genug, die längst hätten aufhorchen lassen und eine weltweite Diskussion über die physische Verfügbarkeit von Energierohstoffen hätte entfachen müssen.

Ausgerechnet die IEA, die wie oben dargestellt, immer beschwichtigt hat, hat nun im jüngsten World Energy Outlook 2021 eine dramatische Analyse vorgelegt. So hat die Association for the Study of Peak Oil (ASPO Deutschland) den Bericht näher analysiert und in der Fig 6.18 des WEO 2021 eine dramatische Entwicklung gefunden. Im Erdölsektor geht die IEA danach von einem sofortigen jährlichen Rückgang der Ölförderung aus existierenden und bekannten neu zu erschließenden Erdölfeldern von 7,7 Prozent jährlich aus, sofern es keine neuen Investitionen in Förderungen gibt. Doch die sind mangels Neufunde großer Erdölfelder und einer aus Klimaschutzgründen um sich greifenden Divestmentbewegung großer Finanzhäuser mehr als fraglich.

7,7 Prozent jährlicher Rückgang der globalen Erdölförderung ist dramatisch, bedeutet es doch, dass schon 2025 ein Rückgang der Weltölförderung um mehr als ein Drittel zu verzeichnen wäre. Kein Land in der Welt ist darauf vorbereitet, in 2025 nur noch ein Drittel der heutigen Erdölversorgung zur Verfügung zu haben. Selbst der aktuell schnell steigende Ausbau der Erneuerbaren kann dies (noch) nicht auffangen.

Besorgniserregende Meldungen, die aber keinen Eingang in die Analystenhäuser, geschweige denn in die großen Medien finden, lassen diesen dramatischen Rückgang der Erdölversorgung als wahrscheinlich erscheinen.

So hat kürzlich der Chef des weltgrößten Erdöllieferanten Saudi Aramco, Amin Nasser, seine große Sorge geäußert, dass die weltweite Verfügbarkeit von Erdöl in der nächsten Zeit sehr schnell zurückgehen könne, exakt entsprechend der jüngsten Analyse des WEO 2021. Dies ist besonders bemerkenswert, weil er ja geschäftsschädigend für sich befürchten muss, dass viele seiner Erdölkunden sich wegen Preissteigerungen neue Energiequellen, insbesondere billige Erneuerbare-Quellen zur Eigenversorgung suchen werden und so für immer für Saudi Aramco als Energiekunden verloren sein werden.

Auch die Erdölplattform Tecson hat am 30. Oktober berichtet, dass das JTC (Joint Technical Committee) der OPEC-Plus vorausberechnete, dass sich das globale Marktdefizit im vierten Quartal 2021 noch stärker ausbilden wird als bisher erwartet. War man bislang von einer Unterversorgung des Ölweltmarktes von 0,67 Million Barrel/Tag ausgegangen, so werden jetzt eine Million Barrel/Tag an Fehlmenge prognostiziert. Der jüngste Beschluss der OPEC die Fördermengen um lediglich 0,4 Million Barrel/Tag anzuheben, reicht offenbar nicht aus. Weitere Preissteigerungen der Rohölpreise sind in den nächsten Monaten zu erwarten.

Es erscheint wahrscheinlich, dass die OPEC gar nicht anders kann und eben die momentan wieder steigende Ölnachfrage der Weltwirtschaft nicht mehr ausreichend wird decken können. Denn gerade die OPEC kann kein Interesse daran haben, wegen steigenden Erdölpreisen, immer mehr Kunden zu verlieren, die entdecken, dass die Erneuerbaren  in Heizungen (beispielsweise mit Wärmepumpen) und Autos (etwa mit E-Autos) wesentlich billiger sind.

Es erscheint also offensichtlich, dass selbst die OPEC ein solch großes Defizit der Weltölförderung nicht mit einer Steigerung der Erdölförderung wird ausgleichen können.

Die Hoffnung, dann die rückläufige Verfügbarkeit von Erdöl mit mehr Erdgas auszugleichen, steht auf tönernen Füßen. In weiten Teilen, wie zum Beispiel in den Niederlanden, geht die Erdgasförderung dem Ende entgegen. Russland hat in den letzten Jahren zwar immer neue Erdgaspipelines nach Europa oder China gebaut, aber die Erdgasförderung stagniert seit einem Jahrzehnt auch in Russland, und offensichtlich können nicht mehr alle Kunden voll bedient werden. China musste dem gravierendem Kohlemangel mit einer Anordnung zur schnellen Förderungserhöhung bestehender und Reaktivierung alter geschlossener Kohlgruben begegnen – eine Katastrophe für den Klimaschutz.

Doch wo sollen die neuen Erdöl-, Erdgas-, Kohlemengen herkommen, wenn in weiten Bereichen deren Förderung zurückgeht und völlig notwendig aus Klimaschutzgründen kaum mehr Investitionen in die Erschließung neuer Förderung getätigt werden?

Es ist zu befürchten, dass die Welt erst am Anfang der seit wenigen Monaten explodierenden Rohstoffpreise von Erdöl, Erdgas und Kohle steht. Die Energiepreiskrise kann also mittelfristig nur mit einem rasanten Umstieg auf Erneuerbare Energien gelöst werden, denn hier gibt es nie Versorgungsengpässe mit Energierohstoffen. Immerhin scheint die Sonne jährlich 10 000-mal Energie auf die Erde, als die Menschheit jährlichen Energiebedarf hat.

Da die erneuerbaren Energien, sogar eine systemsichere Vollversorgung rund um die Uhr nun billiger bereitstellen können als die fossilen und atomaren, wird es in den kommenden Jahren einen unerwartet großen Run auf sie geben. Noch können aber die Produktionsstätten der Technologien nicht mit dem notwenigen Ausbau mithalten.

Daher ist die wichtigste Antwort auf die steigenden Energiepreise eine Offensive für den Neubau vieler Solarfabriken, Windkraftfabriken, Bioenergieanlagenhersteller, Geothermieausstatter und Wasserkraftproduzenten, genauso wie neue Fabriken für Speicher, Wärmepumpen oder E-Mobile, damit die rasant steigende Nachfrage überhaupt gestillt werden kann. Auch eine Handwerkeroffensive ist erforderlich, um die Techniken an die Kunden zu bringen.

Wird es keine solche schnelle Offensive für neue Fabrikationsanlagen für erneuerbare Energien geben, dann wird die Weltwirtschaft in einem solchen Chaos versinken, wo die Lehman-Pleite 2009, damals ausgelöst durch Erdölpreise auf Rekordniveau, im Vergleich nur ein Kinderspiel war.

Solange aber die öffentliche Meinung, transportiert von vielen Medienkommentaren, von der falschen These ausgeht, dass Klimaschutz Hauptursache für die Energiepreissteigerungen sei, wird die Weltgemeinschaft nicht den einzig möglichen Ausweg aus den wirtschaftlich belastenden Energiepreissteigerungen finden.

Der Absturz in eine Weltwirtschaftskrise, verbunden mit dem Absturz in die Klimaüberhitzung ist vorgezeichnet, wegen der jahrelangen Blindheit großer Teile der Gesellschaft, von Medien, über Wirtschaftsbosse bis hin zu Regierungen. Sie alle sehen heute immer noch nicht, dass die schnelle Transformation hin zu 100 Prozent erneuerbare Energien der einzige Ausweg aus der zunehmenden Verknappung fossiler Rohstoffe und der Erdüberhitzung ist.

— Der Autor Hans-Josef Fell saß für die Grünen von 1998 bis 2013 im Deutschen Bundestag. Der Energieexperte war im Jahr 2000 Mitautor des EEG. Nun ist er Präsident der Energy Watch Group (EWG). Mehr zu seiner Arbeit finden Sie unter www.hans-josef-fell.de. —

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