Eine Dekade im Leben des europäischen Photovoltaikmarkts – Höhen und Tiefen einer Branche, die dem Welpenschutz entwachsen ist

Das nunmehr 10-jährige Bestehen der pvXchange GmbH mit ihrer Online-Handelsplattform für Photovolatik-Komponenten habe ich zum Anlass genommen, die Marktentwicklung der letzten Jahre Revue passieren zu lassen. Lesen Sie daher hier einen Rückblick auf die sehr wechselhafte Entwicklung des deutschen und europäischen Photovoltaik-Marktes.

Vier Jahre nach Inkrafttreten des Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) setzt in Deutschland 2004 erstmals ein Nachfrageboom ein, der das Angebot zu übersteigen droht. Es entsteht ein Verkäufermarkt, der durch ein hohes Preislevel und Intransparenz geprägt ist. In anderen europäischen Ländern existiert damals noch kein relevanter Markt. Erst 2007 sollte zunächst in Spanien eine verstärkte PV-Nachfrage einsetzen, 2008 Italien dann nachziehen, obwohl es dort schon seit Jahren eine Regelung zur Einspeisevergütung gibt, die aber undurchsichtig ist und erst später vereinfacht werden sollte.

Die spezielle Ausgestaltung des Degressionsmechanismus im deutschen EEG – der Absenkung der Vergütung jeweils zum 1.1. – beschert der PV-Branche in den Jahren 2005 bis 2011 jeweils einen Jahresendrun. Die Folge ist chronischer Angebotsmangel, anziehende Preise und allgemeine Hektik. Jeder möchte die geplante Anlage noch rechtzeitig ans Netz bringen, macht Überstunden und bezahlt fast jeden Preis für die begehrten Module. Oft wird sogar zwischen Weihnachten und Neujahr noch emsig montiert. Auch die Mitarbeiter der Energieversorger oder Netzbetreiber brechen regelmäßig zusammen unter der Last der vielen Anträge.

Im Angesicht des Erreichens der Förderobergrenze und des daraus resultierenden Endes der Goldgräberzeiten, zieht im April 2008 in Spanien die Nachfrage nochmals gehörig an. Europäische Anbieter können den Markt schon lange nicht mehr alleine bedienen, immer mehr neue Hersteller, vornehmlich mit Produktionsstandort in China, drängen auf den Markt. Die Qualität der angebotenen Produkte ist teilweise jedoch unterirdisch und hat noch nichts mit den hier gebräuchlichen Standards zu tun. Dennoch wird aus der Not heraus alles gekauft und verbaut, was wie ein Modul aussieht. Das wird sich später noch rächen, mit zahlreichen Problemen und Ausfällen ganzer Megawatt-Parks.

Im Oktober 2008 kommt dann das abrupte, aber zu erwartende Ende des spanischen Booms. Zunächst gibt es keine Anschlusslösung, nur Ratlosigkeit bei allen Beteiligten inklusive der spanischen Regierung. Später wird auf ein halbgares Ausschreibungsmodell umgestellt, welches zu einem kompletten Einschlafen der Nachfrage auf der iberischen Halbinsel führt.

Der wegbrechende spanische Markt kann durch die Nachfrage in anderen europäischen Ländern nicht vollständig kompensiert werden, was zu einer Stagnation der Ausbauzahlen im Jahr 2009 in Europa führt. Auch der deutsche Markt will lange Zeit nicht in Gang kommen, obwohl die Modulpreise von den Herstellern nun kontinuierlich nach unten korrigiert werden. Insgesamt ist das Jahr durch den massivsten Preisverfall gekennzeichnet, den die PV-Branche bis dato erlebt hat, insgesamt fast 40% bis zum Jahresende. Diese Marke wird allerdings zwei Jahre später schon wieder überboten, als die Modulpreise für chinesische Ware insgesamt rund 47 Prozent nachgeben.

Bereits ab Ende 2009 sehen sich Projektierer und Installateure erstmals mit einem Wechselrichter-Engpass konfrontiert, welcher sich durch Aufstocken der Kapazitäten bei den Herstellern nur schleppend auflösen lässt. Es etabliert sich die sogenannte „kalte Inbetriebnahme“ in Deutschland, also der Nachweis der Betriebsbereitschaft der Module gegenüber dem Netzbetreiber – ohne bereits gelieferte oder installierte Wechselrichter – um eine Vergütungszusage in gewünschter Höhe zum Stichtag zu bekommen.

In Frankreich erfreuen sich derweil Kleinanlagen und dachintegrierte Systeme dank einer erhöhten Einspeisevergütung großer Beliebtheit, so dass in diesem Segment vergleichsweise hohe Installationszahlen erreicht werden. Auch in Italien werden BIPV-Anlagen überproportional vergütet, wobei die endgültige Zusage erst nach dem Netzanschluss erfolgt, was die Planungssicherheit gefährdet. Viele Hersteller reagieren auf die erhöhte Nachfrage und bieten neu entwickelte Integrationskonzepte an.

Nachdem der von deutschen Politikern vorgesehene Zubaukorridor für Photovoltaik im Jahr 2010 zum wiederholten Male droht, deutlich überschritten zu werden, setzen diese den Rotstift an. In kurzer Abfolge werden trotz massiver Proteste seitens der Branche mehrere Kürzungen beschlossen, die letzte im August sogar rückwirkend zum 1. Juli des Jahres. Dennoch wächst die zugebaute Leistung 2010 um 80 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf über 7 Gigawatt.

Nach diesem allgemeinen Boom-Jahr regen sich jedoch Widerstände allerorts. Insgesamt wird die von der konventionellen Energiewirtschaft gestützte politische Gegenwehr ab Ende 2011 zu einer deutlichen Bremse für den Photovoltaikausbau in Europa. Gesamteuropäisch sinken die Installationszahlen bereits, getrieben durch den starken Rückgang in Italien. Währenddessen stagnieren sie in Deutschland noch bis Anfang 2013, bevor es dann zu einem massiven Markteinbruch um ca. 55 Prozentpunkte kommt. Dass es zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch adäquate Vergütungsmodelle für Solarstrom in Europa gibt, ist sicherlich auch der Atomkatastrophe in Fukushima, Japan, zu verdanken – so traurig dieser Umstand auch sein mag.

Die Preise für Solarmodule sind in den vergangenen Jahren weltweit dramatisch zurückgegangen. (Grafik: pvXchange GmbH)

Spätestens 2011 setzt aufgrund dieser negativen Entwicklungen ein Firmensterben in allen Ebenen der Wertschöpfungskette ein, das bis heute anhält. Global operierende Hersteller wie mittelständische Installationsbetriebe halten dem Druck oft nicht stand und müssen aufgeben, ihre Unternehmen oftmals in die Insolvenz führen.

2012 wird, bezogen auf die lokalen Märkte, insgesamt ein eher durchwachsenes Jahr. In Deutschland ist es geprägt durch eine umfangreiche EEG-Novelle, in der erstmals ein Ausbauziel und Zubaukorridore in Verbindung mit einem sogenannten „atmenden Deckel“ festgeschrieben werden, eine zusätzliche Anpassung der Vergütung in Abhängigkeit von vorhergehenden Zubauzahlen. Außerdem gibt es erstmals eine monatliche Degression, um die gehassten Jahresendrallyes zu vermeiden. Durch den seit Jahren anhaltenden starken Preisverfall bei kristallinen Modulen und die immer unattraktiveren Vergütungssätze für Großanlagen verlieren Dünnschichttechnologien nun zunehmend an Boden. Die noch vor kurzem erst als zukunftssicher angepriesenen Produkte will keiner mehr einsetzen. So verschwinden viele Hersteller, welche mit viel Medienrummel und hohen Investitionsvolumina gerade erst aufgebaut und angefüttert wurden, wieder von der Bildfläche.

Über das Jahr 2013 hinweg steigen die Preise für chinesische Module erstmals wieder leicht. Schuld ist eine von einer Handvoll Branchenvertretern initiierte Anti-Dumping- und Anti-Subventions-Untersuchung der EU-Kommission, welche zunächst zur Androhung von Schutzzöllen und schließlich zur Einführung einer Mindestpreisregelung, sowie der Festlegung von Importobergrenzen für chinesische Produkte führt. Früh im Jahr, bevor die angekündigten Maßnahmen in Kraft treten, werden noch große Mengen asiatischer Module nach Europa importiert, welche über die kommenden Monate dann abverkauft werden sollen. Reste dieser Ware sind jedoch bis heute in Hafen-nahen Lagern zu finden.

Die letztlich mit China vereinbarte Mindestpreisregelung führt zwar bis heute zu keiner kompletten Angleichung der Preise für Module aus allen Herkunftsregionen, zumindest aber zu einer deutlichen Annäherung. Klafft die Schere Anfang 2013 mit über 40 Prozent Preisunterschied zwischen chinesischen und europäischen Produkten noch weit auseinander, so kann sie Ende 2014 mit nur noch etwa 10% deutlich geschlossen werden. Freilich treten Produkte aus anderen Regionen Asiens, die keiner Regulierung unterworfen sind, an die Stelle der billigen Chinaware. So sichert das Eingreifen der EU-Kommission aus heutiger Sicht wohl keinem europäischen Produzenten das Überleben, der nicht aus eigener Kraft bereits ein massives Kostenreduktionsprogramm stemmen und eine zielgruppenspezifische Ausrichtung vornehmen konnte.

2014 wird die Photovoltaik-Welt – zumindest in Europa – auf den Kopf gestellt. Erstmals klettert ein vergleichsweise sonnenarmes Land wie Großbritannien an die Spitze der Installationsstatistiken. Mit deutlich über 2 Gigawatt überholt der Inselstaat den bisherigen Spitzenreiter Deutschland, wo die 2 Gigawatt-Grenze – wenn überhaupt – nur mühsam erreicht wird, wogegen Italien mit unter 1 Gigawatt weit abgeschlagen auf Platz 3 landet. Insgesamt sinkt der jährliche Zubau zum dritten Mal in Folge auf nunmehr 7.5 Gigawatt, nur noch rund ein Drittel des Spitzenwertes von 22.3 Gigawatt im Jahr 2011 und gerade einmal 16 Prozent des weltweiten Zubaus.

Photovoltaik als Investitionsmodell scheint tot zu sein, zumindest außerhalb des Vereinigten Königreichs. Die Branche benötigt dringend neue Konzepte: Eine Lösung dürfte sein, weitgehend unabhängig von gesetzlich verordneter Vergütung zu bauen und die Wirtschaftlichkeit der Anlage durch Direktvermarktung und/ oder zusätzliche Nutzungsaspekte wie Notstromversorgung oder Unabhängigkeit vom Netzbetreiber sicherzustellen. Aus einem bisher recht simpel zu vermarktenden Geschäftskonzept (Investitionsmodell mit einer Rendite von x-Prozent) und einfacher Anlagentechnik wird plötzlich ein hochkomplexes System, welches Energieangebot, Netzanforderungen und Verbrauchsverhalten in Einklang bringen muss.

Zahlreiche Installateure, Großhändler und Hersteller mit festgefahrenen Strukturen werden diese Transformation, diesen Paradigmenwechsel vermutlich nie schaffen. Übrig bleiben aber viele kleinere, flexible und hoch innovative Unternehmen, die sich mit überarbeiteten Konzepten mutig neue Märkte erschließen und das riesige Potenzial heben werden, welches zweifelsohne in der Photovoltaik 2.0 steckt. Beobachten wir gespannt, welche Firmen und Produkte die Stars des Jahres 2015 werden.

— Der Autor Martin Schachinger beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit dem Thema Photovoltaik und Regenerativen Energien im Allgemeinen. Er ist innerhalb der Photovoltaik-Branche bestens vernetzt, was nicht zuletzt auf sein kontinuierliches Engagement für die internationale Online-Handelsplattform für Solarkomponenten www.pvXchange.com zurückzuführen ist, welche er 2004 zusammen mit zwei Partnern ins Leben rief. Dort wird ein breites Spektrum an Markenprodukten, Neu- und Gebrauchtware mit unterschiedlichsten Spezifikationen angeboten. —