Datenanalyse für Stromverbraucher und -einspeiser

Abhay Gupta hat nicht weniger als die Stromverbraucher auf dem gesamten Planeten im Blick. „Wir haben die Mission“, erklärt er in einemInternetvideo, „zu verändern, wie Menschen Energie benutzen.“ Gupta ist CEO von Bidgely, einem US-Start-up aus dem Silicon Valley. Er verkauft seinen Service an Netzbetreiber und hat doch die Privatkunden im Blick, deren Verbrauchsdaten es analysiert. „Bisher sind sie nur benutzt worden, um Rechnungen zu schreiben“, erklärt er. „Dabei liegt in ihnen ein so großes Potenzial.“ Er und seine Mitstreiter können aus den Verbrauchsdaten herauslesen, wo die Bewohner Energie nicht effizient nutzen. Auch der Eigenverbrauch von Photovoltaikanlagen ist Teil der Analyse.

Stromverbrauchsdaten sind zwar in der großen Masse ganz gut vorhersehbar, da sich die Unterschiede zwischen einzelnen Haushalten ausmitteln. In Deutschland rechnen die Versorger daher mit standardisierten Verlaufskurven; morgens steigt der Verbrauch, mittags gibt es einen Peak (obwohl es ja nicht mehr der Regelfall ist, dass zuhause gekocht wird), abends wird es wieder weniger.

Analyse der Zählerdaten

Datenexperten können aus den Millionen von Bits, die ein einzelner Haushalt produziert, aber ziemlich viel mehr herauslesen. Elektrogeräte haben unterschiedliches Verhalten, wenn sie eingeschaltet werden. Bei manchen steigt der Stromverbrauch schnell, bei anderen langsam, bei manchen fluktuiert er. „Disaggregation“ nennt Bidgely das Verfahren, mit dem es auf Basis der Daten Verbrauchern sagen kann, welche Anteil am Stromverbrauch der Herd, der Kühlschrank oder der Heizlüfter haben, den der Sohnemann jeden morgen im Bad einschaltet. Kombiniert man diese Informationen mit Wetterdaten, vergleicht man sie mit denen der umliegenden Häuser, kann man Tipps geben, wie man wie viel Euro beziehungsweise Dollar sparen kann. Man kann Geräte bewusster betreiben, anders klimatisieren oder Geräte austauschen. Die Analyse gebe es zum Beispiel her zu bestimmen, was der Kauf eines neuen Kühlschrankes ökonomisch bringen wird.

Laut einem White Paper von Bidgeley hat eineUntersuchung an 150 Haushaltenergeben, dass im Schnitt sechs Prozent des Stromverbrauchs eingespart werden konnte. Das Minimum habe bei 4,7 Prozent, das Maximum bei 7,4 Prozent gelegen.

Dabei kommen auch Photovoltaikanlagen ins Spiel. „Solar Disaggregation“ ist nach einer Veröffentlichung ebenfalls möglich. Auf Basis von Wetterdaten und den Nettoverbrauchsdaten, also Verbrauch minus Solarstromerzeugung, machen die Analysten Prognosen für den Solarstrom, der in das Netz eingespeist werden wird. Das sollte für Netzbetreiber interessant sein. Laut einemArtikel von Bidgely zur Solar Disaggregation liegt die Genauigkeit der Vorhersage des Soll-Wertes bei 5,5 Prozent.

Doch auch dem Hausbesitzer kann Bidgeley Tipps geben, wie er seinen Eigenverbrauch erhöhen kann. „Und wir können Hinweise geben, wann es sich lohnt, eine Solaranlage zu installieren, wie groß sie am besten sein sollte und was diese für eine Auswirkung auf die Stromrechnung haben würde“, sagt Gupta.

Wie gut ist das Monitoring?

Auch das extra Monitoring will er ersetzen. Das System könne es in Zukunft übernehmen und eine Warnung schicken, falls die Solarstromproduktion unter zum Beispiel 80 oder 85 Prozent fällt. Wie gut das funktioniert, hängt natürlich von der Genauigkeit der Disaggregation und der Ertragsprognose ab. Die 5,5 Prozent für die Ertragsprognose wären jedenfalls ein sehr guter Wert, der bestimmt noch zu Diskussionen und Widerspruch führen wird. Auch bei lokalen Systemen ist es ja schon schwierig, die Einstrahlung genauer als auf drei bis fünf Prozent zu bestimmen.

Damit hat Bidgely eine Alternative zu dem in Deutschland eher verbreiteten Ansatz, den Verbrauch der einzelnen Geräte zum Beispiel über spezielle Funktsteckdosen direkt zu messen. Thermostatdaten reichen nach Ansicht von Gupka außerdem nicht aus, „nur ein Viertel der Energie wird von ihnen gesteuert“, sagt er. Am Ende dürften der Aufwand und der Preis entscheiden. Gupta glaubt nicht, dass „500 Dollar für Sensoren“ in jedem Haus verbaut werden können. Die Hausautomatisierung kommt seiner Ansicht nach nicht aus den Puschen, da sie zu viel kostet, außerdem glaube er nicht daran, dass zum Beispiel „Trockner automatisch eingeschaltet werden“.

Da die Datenanalysten ihr Geschäft relativ günstig skalieren und vielleicht nicht auf den  ganzen Planeten, aber doch auf etliche Länder ausdehnen können, ohne dass wesentlich mehr Hardware verbaut werden muss, könnten sie durchaus einen Vorteil haben.

Um die Daten für Bidgely bereitzustellen, gibt es mehrere Möglichkeiten. Zum einen sind die da die Versorger, die die Daten haben. Wer ein Smart Meter mit einer sogenannten Zigbee Schnittstelle hat, das ist einer der Standards in der Haustechnik, kann bei Bidgely aber auch eine Box kaufen, die das Gerät per Funk ausliest und die Daten per Internet zu den Analysten schickt. Das kann wichtig sein, falls sonst kein Zugriff auf die Daten möglich ist (in den USA verpflichtet dieGreen Button Initiative Versorger eigentlich, die Daten zugänglich zu machen, trotzdem funktioniert das wohl nicht überall). Wer kein Smart Meter hat, kann einen Aufsatz für den Zähler kaufen, der die Anzeige ausliest und die Daten ebenfalls versendet.

Die Frage dürfte am Ende auch sein, wie weit Bidgely die Investitionskosten drücken kann und wer sie übernimmt. Die Smart Meter, deren Einführung in Deutschland Lobbygruppen auch für Kleinverbraucher und für die Betreiber von Photovoltaikanlagen durchdrücken wollen, werden auf 50 bis 70 Euro Mehrkosten pro Jahr angesetzt,was viel zu viel ist, wenn sie Verbraucher oder Kleinanlagenbetreiber bezahlen müssen.

Mehrwert Kundenbindung

Grundsätzlich ist die Idee, dass der Service für die Nutzer umsonst ist. Das Geschäft will Bidgely mit den Versorgern machen. Zum einen hilft dabei die Regulierung in den meisten US-Bundesstaaten – Versorger sind danach verpflichtet, jedes Jahr den Stromverbrauch ihrer Kunden zu senken und suchen dazu nach den günstigsten Möglichkeiten.

Versorger sollten aber auch unabhängig davon ein Interesse an der Technologie haben. „Kunden rufen oft an und beschweren sich, dass die Rechnung zu hoch sei“, sagt Gupka. Da wäre es doch für die Kundenbindung ein Segen, wenn man darauf mit Vorschlägen, wie die Rechnung reduziert werden kann, antworten würde. Sonst würden unzufriedene Kunden einfach den Anbieter wechseln. Kundenbindung sei das, was Versorger in Zukunft brauchen und wo Bidgely unterstützen könne. Außerdem bekommen Versorger Informationen über die Kunden, so dass sie besser indentifizieren können, bei wem zum Beispiel intelligente Thermostate sinnvoll seien. Ein anderes Feld, wo Bidgely helfen will, sind die in den USA verbreiteten Demand Respond Programme, mit denen zur Netzentlastung Lasten verschoben werden.

Finanzierung mit Wagniskapital

Bidgeley ist ein typisches Technologie getriebenes Start-up und hatte entsprechend lange Entwicklungszeiten, das jetzt umso schneller wächst. Abhay Gupka und sein Mitgründer Vivek Garud, so erzählt Gupka, haben beide etwas hoch Innovatives machen vollen. Garud habe dafür sogar seine Job bei Microsoft aufgegeben. Vor zweieinhalb Jahren haben die beiden Gründer mit Bidgely begonnen, erst seit diesem Jahr versuchen sie, die Dienstleistungen zu verkaufen. „Wir arbeiten inzwischen mit mehr als zwölf Versorgern zusammen“, sagt er. Das Unternehmen ist mit acht Millionen US-Dollar Venture-Capital finanziert. Bidgely heißt übrigens Elektrizität auf Hindu.

Im September konnte das Unternehmen einen weiteren Erfolg verbuchen. Der Hawaii Energy Excelerator hat das Unternehmen in sein Programm aufgenommen es mit 900.000 US-Dollar. In Kooperation mit zwei Versorgern solle 10.000 Haushalte erreicht werden.

Bidgely ist allerdings nur eines der vielen Unternehmen, die derzeit in diesem Markt entstehen und sich mit ihren Konzepten durchsetzen wollen. Der Platzhirsch ist Opower. Das Unternehmen will auch rein dadurch, dass es gute Hinweise gibt, die Energieverbrauch bei Stromverbrauchern reduzieren. Den Clou erklärt Gründer und Präsident vonOpower Alex Laskey in einem sehr charmanten Video-Auftritt. In einem Experiment zeigte Studenten, dass es am meisten Effekt hat, wenn man Menschen darauf hinweist, was ihre Nachbarn tun. Der Hinweis auf Kosteneinsparung oder darauf, dass man die Umwelt rette, habe „Null Effekt“ gehabt. Auch dasStart-up Firstfuel, in das Eon investiert hat, macht ähnliches wie Bidgely für Gewerbebauten. Auch das Start-up Ecopower analysiert die Verbrauchsdaten, bietet aber automatisierte Verfahren zur Lastverschiebung an. In Deutschland hat ist im weitesten SinneTado dabei, diesen Markt zu erobern. Das Münchner Start-up setzt dabei aber mehr auf automatisierte Lösungen und lässt die Heizung und Kühlung direkt regeln. (Michael Fuhs)

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