Geld für Visionen

Crowdfunding kann eine feine Sache sein, wenn man eine gute Idee, aber kein Geld hat. So wie das Ehepaar Brusaw. Sie haben die Vision, die Straßen und Wege in den USA mit Solarzellen zu pflastern. Diese sollen dann sauberen Solarstrom produzieren und gleichzeitig schädliches CO2 einsparen helfen. Lange Zeit versuchte das Ehepaar, Forschungsgelder oder Bankkredite für sein Projekt zu bekommen. Doch niemand wollte die Vision finanzieren. Die Brusaws entschlossen sich, das Geld über die Crowdfunding-Plattform Indiegogo einzusammeln. Nach schleppendem Start gelang es ihnen, dort zehntausende US-Amerikaner für ihre Idee zu gewinnen. Eine Million US-Dollar wollten sie einnehmen, um ihre Solarstraßen in verschiedenen Bundesstaaten in Serie produzieren zu können. 2,2 Millionen US-Dollar kamen schließlich über das Crowdfunding zusammen. Nun müssen die Brusaws liefern.

Neben Crowdfunding hat sich mittlerweile auch das Crowdinvesting durchgesetzt. Teilweise werden Investoren dabei Renditen versprochen, die mit herkömmlichen Kapitalanlagen kaum noch zu erzielen sind. Auch die Solarbranche in Deutschland hat diese Form des Geldeinsammelns mittlerweile für sich entdeckt. Dies zeigt etwa das Beispiel DZ-4. Das Hamburger Unternehmen hat über Crowdinvesting eine Refinanzierung seiner bereits gebauten Photovoltaikanlagen erreicht. Dazu nutzte DZ-4 die Plattform Econeers. Mittlerweile gibt es in Deutschland einige Plattformen, die sich beim Crowdfunding auf die Themenfelder Energiewende, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit spezialisiert haben. Neben Econeers zählen auch Crowdenergy, Leih Deiner Umwelt Geld, Green Crowding oder Bettervest dazu.

Für das Crowdinvesting fasste DZ-4 seine ersten 28 gebauten und verpachteten Photovoltaikanlagen, die Hälfte davon mit Speichersystemen, in einer Betriebsgesellschaft zusammen. Von den Gesamtinvestitionen in Höhe von rund 468.000 Euro sollten nun 180.000 Euro über das Crowdinvesting refinanziert werden. Nur elf Tage brauchte das Unternehmen, um das Geld einzusammeln. Insgesamt 143 Crowdinvestoren beteiligten sich, darunter viele Mitarbeiter der Firma, Verwandte und Mitglieder des DZ-4-Netzwerks. In einer Exklusivphase gab es für sie ein Vorzugsangebot. Die 61 Investoren, die insgesamt 100.000 Euro gaben, werden auf ihre Beiträge eine jährliche Verzinsung von fünf Prozent erhalten. Die übrigen Crowdinvestoren bekommen 4,5 Prozent, wobei die Laufzeit für alle zehn Jahre beträgt. Jährlich werden dabei zehn Prozent der Investitionssumme getilgt. Mit Beträgen zwischen 250 und 10.000 Euro konnten sich die Crowdinvestoren beteiligen. Das durchschnittliche Investment pro Kleinanleger habe bei 1.259 Euro gelegen, hieß es bei DZ-4 nach Abschluss.

Risiko des Totalverlusts besteht

Risikolos ist Crowdfunding nicht. Gerade die Verbraucherzentralen warnen vor dieser Art des Investments. Bei Crowdfunding und Crowdinvesting besteht in aller Regel das Risiko eines Totalverlusts. „Jeder sollte daher nur so viel geben, dass er einen solchen Verlust tragen und ertragen kann“, sagt Christian Urban von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Die Plattformen weisen oftmals noch unzureichend auf dieses Risiko hin, bemängeln die Verbraucherschützer.

Zwar wird auf den meisten Plattformen auch eine Risikoanalyse der Projekte angeboten. Eine Prospektpflicht besteht beim Crowdfunding und -investing wegen der dort üblicherweise genutzten Anlageformen derzeit nicht. Dies könnte sich im Zuge der Neugestaltung durch das Kapitalanlegerschutzgesetz zumindest teilweise ändern, wie Urban sagt. Im derzeitigen Entwurf des Vermögensanlagengesetzes sei vorgesehen, dass künftig beim Crowdfunding, bei dem Investoren mehr als 10.000 Euro anlegen können, Prospektpflichten bestehen werden. Momentan sind die Geldsammler auf Crowdfunding-Plattformen davon noch befreit.

Kleinere Crowdfunding-Projekte treffe diese Pflicht unter gewissen Voraussetzungen nicht, so Urban weiter. Sie müssten den Anlegern aber zumindest ein Vermögensanlagen-Informationsblatt, eine Art Beipackzettel, auf dem die wesentlichen Informationen zu der Anlage knapp zusammengefasst werden, zur Verfügung stellen. Nur wenn der Anleger nicht mehr als 250 Euro investiere, entfalle auch diese Pflicht.

Im Fall von DZ-4 und Econeers sind die möglichen Investoren an verschiedenen Stellen auf diese Gefahr des Totalverlusts aufmerksam gemacht worden. Es sei immer wichtig, dass die Investoren die Projekte auch verstehen und Berechnungen nachvollziehen können. Nur dann können sie das Risiko abschätzen und sollten investieren, so der Tipp der Verbraucherschützer. Dabei sehen sie auch die aus ihrer Sicht langen Laufzeiten als problematisch an. „Zehn Jahre sind lang“, sagt Urban. Gerade in der Solarbranche kann in dieser Zeit einexAnzeigeHier Schlagworte einfügenMenge passieren. Mit den Einspeisetarifen, die über das EEG für 20 Jahre festgelegt werden, besteht bei Investitionen in bestehende Projekte aber eine gewisse Sicherheit.

Doch bei der Beteiligung an einem Unternehmen – wie etwa der Betreibergesellschaft bei DZ-4 – sollten Investoren immer darauf achten, wie groß das Insolvenzrisiko ist und was im Insolvenzfall geschieht. Oftmals sind Crowdinvestoren nur nachrangige Gläubiger und müssen ihre Investition weitgehend abschreiben. DZ-4-Mitbegründer Florian Berghausen betont, dass man bewusst die Einnahmen und Ausgaben der Betreibergesellschaft langfristig fixiert und Puffer eingerechnet hat, um das Insolvenzrisiko – insbesondere aus Liquiditätsgründen – gering zu halten. Weiterhin sei bewusst auf ein Bankdarlehen verzichtet worden, damit die Crowdinvestoren nicht nachrangig zu einer Bank stehen, so Berghausen weiter. Doch diese Strukturierung wird sicher nicht bei jedem Crowdinvesting der Fall sein.

Allerdings wird ja auch bei anderen Kapitalanlagen mitunter viel versprochen und wenig gehalten. Jüngstes Beispiel ist etwa Prokon. Das Unternehmen hat Genussscheine ausgegeben und ist mittlerweile insolvent. Die Gläubiger werden wohl nur wenig ihres eingesetzten Geldes zurückbekommen. Ein weiteres Negativbeispiel ist die „Volksaktie“ Telekom. Viele Kleinanleger haben sich die Papiere zu hohen Preisen gesichert – auch vor dem Versprechen schöner Renditen und langfristiger Sicherheit. Mittlerweile sind die Telekom-Aktien weit unter dem damaligen Ausgabekurs, den sie wohl auch nie wieder erreichen werden.

Beim jedem Crowdfunding gibt es eine sogenannte Fundingschwelle. Dies bedeutet, die Minimalsumme, die das Unternehmen einsammeln will, um sein Angebot in die Tat umzusetzen. Beim Angebot von DZ-4 lag sie bei 100.000 Euro. Dieses Geld hatte das Hamburger Unternehmen nach wenigen Tagen erreicht, und zwar in seiner Exklusivphase, also mit dem starken Rückhalt aus seinem eigenen Netzwerk. Die Fundingschwelle ist auch für den Plattformbetreiber Econeers eine wichtige Grenze. Erst wenn diese erreicht wird, bekommt auch er seinen Anteil. Econeers verlangt für erfolgreiche Projekte fünf bis acht Prozent der eingesammelten Gelder, sagt Michael Brey, Sprecher von Econeers.

Aus Sicht der Verbraucherschützer gilt es immer zu hinterfragen: Ist das Portal nur Vermittler oder hat es eigene Interessen an den beworbenen Projekten? Bei Econeers müssen sich die Projekte bewerben. Sie werden dann nach verschiedenen Kriterien geprüft, die aber eher formaler Natur sind. „Die Projekte müssen zu uns und unserer Crowd passen“, sagt Brey. Daher würden auch nicht alle Bewerbungen akzeptiert. Dennoch sei Econeers nur ein Vermittler, betont Brey. Ein eigenes Interesse an den Projekten gebe es nicht.

Für DZ-4 war das Crowdfunding eine Art Testlauf. „Mit dem Crowdfunding wurde nun zum ersten Mal ein kompletter DZ-4-Zyklus von Kundengewinnung über Anlagenvorfinanzierung, Anlagenerrichtung bis hin zur abschließenden Refinanzierung durchlaufen. Das ist sehr wichtig im Hinblick auf die Skalierung des Geschäftsmodells und das weitere Wachstum“, erklärte DZ-4-Gründer Tobias Schütt. Er kündigte auch direkt eine baldige Wiederholung an.

Ein Blick auf die Vision der Solarstraßen zeigt – bei aller Skepsis, wie risikobehaftet ein Angebot ist: Crowdfunding und -investing setzt neue Energien frei. Menschen bewerten Visionen und fördern Innovationen, die sonst vielleicht nie realisiert würden. Manche Unternehmen, zum Beispiel Tado (Seite 64), setzen es sogar direkt zur Marktforschung ein. Ein Crowdinvestor kann wirklich etwas bewegen, sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass er nicht mehr investieren sollte, als er unter Umständen bereit ist zu verlieren.

Hinweis der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen zum Crowdinvesting

Über das Crowdinvesting werden Anlageprodukte vertrieben, wie Anleger sie auch bei ihrer Bank oder bei Anlagevermittlern erhalten. Es handelt sich letztendlich nur um eine andere Vertriebsform. Aus diesem Grund gelten auch hier die allgemeinen Regeln der Geldanlage. Beispielhaft seien hier einige wichtige Aspekte genannt.

1. Können Sie einen Totalverlust des investierten Geldes verkraften?

2. Bedenken Sie die oft sehr langen Laufzeiten.

3. Achten Sie auf die Kosten.

4. Verstehen Sie das Projekt? Können Sie Berechnungen (etwa zu Energieeinsparungen, Gewinnprognosen oder produzierter Energie) nachvollziehen und beurteilen?