Kohle statt Atom – das neue Feindbild

Dieser Koalitionsvertrag beinhaltet keine Energiewende mehr, die einst unter schwarz-gelb als Jahrhundertprojekt gefeiert wurde, sondern allenfalls ein Energiewende-Torso. Der Ausstieg aus der Atomkraft bis 2022 bleibt zwar wie beschlossen, aber die Kohle erfährt eine unerwartete Renaissance – vor allem dank der SPD.

 

„Kohle“ statt „Atom“ könnte deshalb das neue Feindbild einer neuen Umwelt- und Energiewende-Bewegung heißen. Am vorletzten Wochenende demonstrierten bereits 16.000 Umwelt- und Energiewendebewegte in Berlin gegen die geplante Energiepolitik der Großen Koalition. Danach soll der Ausbau der Erneuerbaren gedrosselt und die Energieeffizienz vernachlässigt werden. Die Protestbewegung gegen diese Politik erfindet sich bereits neu, umzingelt schon mal das Kanzleramt und zeigt weniger Anti-Atom-Plakate als früher, aber mehr Anti-Kohle-Sprüche wie „Kohle ist das Problem von morgen“ oder „Kohle ist die Energie von gestern“. Die Demonstranten rufen: „Keine Kohle, kein Atom – sondern nur noch Ökostrom“.

 

Wo früher auf den Demonstrations-Bühnen jahrzehntelang die legendäre Anti-Atom-Sonne strahlte, steht jetzt: „Energiewende retten“. Und das geht natürlich nicht mit dem Klimakiller Nr. 1 Braunkohle. Über 90% der Deutschen sind bei Umfragen für die Energiewende.

 

Aus der bisherigen Anti-Atom-Bewegung wird jetzt eine Anti-Kohle-Bewegung. Sie wird in den Jahren der Großen Koalition stärker werden und vor allem der SPD zu schaffen machen. Deren „Fukushima“ ist absehbar.

 

Mit der alten Kohlepolitik führen wir einen Dritten Weltkrieg gegen die Natur. Wir verbrennen heute an einem Tag so viel Kohle, Gas und Öl wie die Natur in einer Million Tagen angesammelt hat. Und das soll Zukunft sein? Und Klimaschutz? Und Energiewende? Die Kohleförderung wurde weltweit seit dem Jahr 2.000 um etwa 60 % gesteigert. Trotz aller Lippenbekenntnisse zum Klimaschutz.

 

Die Energieversorger sind mit ihrem alten Geschäftsmodell so lange auf die Hilfe der Politik angewiesen wie sie nicht im großen Stil auf die Produktion von Windmühlen, Solaranlagen und Bioenergietechnologien umsteigen. Denn eine RWE-Sonne oder einen E.on-Wind gibt es nun mal nicht. Sonne und Wind gehören allen. RWE und E.on haben angekündigt, viele Tausend Arbeitsplätze abzubauen.

 

Immerhin werden 2013 in Deutschland bereits 25% Ökostrom produziert, aber weitgehend ohne die alten Strom-Oligopolisten. Sie haben schon bisher mehr Subventionen benötigt als alle erneuerbaren Energiequellen zusammen. Diese Abhängigkeit wird sich verstärken, aber die Erneuerbaren werden immer preiswerter.

 

Deren mittel- und langfristige ökonomische Vorteile beginnen gerade zu greifen: Sonne und Wind schicken keine Rechnung. Den Stoff gibt es umsonst. Deshalb kommt die von Peter Altmaier so vehement geforderte Strompreisbremse ganz von selbst: Die Gegner der Energiewende hatten noch im Wahlkampf eine Explosion der Strompreise vorausgesagt. Und schuld seien natürlich die erneuerbaren Energien. Diese mussten Jahre lang als Sündenbock für die hohen Strompreise herhalten. Doch diese Zeiten gehen jetzt zu Ende.

 

Weil Sonne und Wind und Wasserkraft und Erdwärme weitgehend kostenlose Geschenke der Natur sind und auch kaum Folgekosten verursachen, halten inzwischen die meisten Stromanbieter ihre Preise für das nächste Jahr stabil und garantieren diese sogar bis Ende 2014

 

Nun ist in der Branche plötzlich nicht mehr vom „teuren Ökostrom“ die Rede. In den nächsten Jahren kommt die „Ökostrom-Dividende“. Die neue Energiewende-Bewegung wird  die „Ewigkeitskosten“ der Kohle-Förderung und –Verbrennung thematisieren. Der Anteil des Ökostroms wird weiter steigen, schon deshalb, weil es inzwischen in Deutschland über 800 Bürger-Energie-Genossenschaften gibt und beinahe täglich neue gegründet werden.

 

Trotz Großer Koalition: Bürgerinnen und Bürger werden die Energiewende selbst in die Hand nehmen. Der Anteil des Ökostroms wird weiter steigen, während die alten Energieversorger ums nackte Überleben kämpfen.

 

Die Droschken-Besitzer konnten im 19. Jahrhundert auch nicht den Ausbau der Autobahnen und im 20. Jahrhundert nicht den Siegeszug des Autos aufhalten. Ebenso wenig werden die großen vier Energieoligopole die Energiewende stoppen können.

 

Die Frage ist nur: Welche Partei versteht diese Zukunftsperspektive am ehesten und wird Zukunft gestalten? Analog zur Computer- und IT-Technologie werden in den nächsten Jahren die Technologien der Erneuerbaren und deren Speichertechnologien voranschreiten. Wenn wir gut sind, werden Deutschland und Europa in 20 bis 30 Jahren zu 100 Prozent erneuerbar. Und der Rest wird folgen, weil technologisch niemand zurückfallen möchte. Welch eine Chance! Aber nichts für Bedenkenträger.

 

Öl, Kohle, Gas und Uran gehen rasch zu Ende, aber die Sonne scheint ewig, der Wind weht immer und Biomasse wächst zuverlässig nach. Deshalb wird eine intelligent gestaltete Energiewende das große Gewinnerthema von morgen.

 

Schon die nächste Generation wird vom Klimawandel stark betroffen sein. Aber sie hat in dieser Großen Koalition nur eine schwache Lobby.

– Der Autor Franz Alt ist Journalist, Buchautor und Fernsehmoderator. Er wurde bekannt durch das ARD-Magazin „Report“, das er bis 1992 leitete und moderierte. Bis 2003 leitete er die Zukunftsredaktion „Zeitsprung“ im SWR, seit 1997 das Magazin „Querdenker“ und ab 2000 das Magazin „Grenzenlos“ in 3sat. Die Erstveröffentlichung des Beitrags erfolgte aufwww.sonnenseite.com. Franz Alt schreibt dort regelmäßig. –