Blackout des Monats Oktober

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Der Blackout des Monats Oktober geht an:

Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE)

Seine Worte:

Aber wer das [Atomausstieg, Anm. d. Red.] will, der muss dann auch akzeptieren, dass Braunkohle verstromt wird, um die Kernkraft zu ersetzen und den erneuerbaren Energien den Weg zu ebnen. (taz, 19./20. Oktober 2013)

Fachliche Begründung:

Es ist kein Gesetz, dass Braunkohle die Kernkraft ersetzt. Es ist viel eher politischer Wille, wie der Kraftwerkspark heute gestaltet wird und wie viele Umwege und Investitionen wir bis zu einem nahezu Erneuerbaren System tätigen müssen.

Im Moment erzeugen die Erneuerbare Energien etwa 25% des deutschen Stromes, allerdings ergibt sich die aktuelle Menge zeitlich je nach aktuellem Wetterangebot. Das bedeutet, dass die Netze manchmal sehr voll sind und zu anderer Zeit zusätzlicher Bedarf an Elektrizität besteht. Benutzt man Braunkohle als sogenannte Schattenkraftwerke, verstärken sich einige Phänomene und werden sogar zum Problem für den Strompreis der Endkunden, für das deutsche Stromnetz und auch für unsere Nachbarländer. Wenn viel Strom aus Wind oder Sonne vorhanden ist, gehen die Braunkohlekraftwerke nämlich nicht aus dem Markt. So schnell können, wollen oder dürfen sie nicht reagieren. Sie laufen weiter und es ist dann zu viel Strom in den Netzen.

Um einen sinnvollen Ausgleich zu schaffen benötigen die Erneuerbaren Energien also einen flexiblen und verlässlichen Partner. Gaskraftwerke könnten das sein, weil sie schnell hoch und runter fahren können. Statt Braunkohle benötigt der deutsche Strommarkt neue Gaskraftwerke. Leider werden sie nicht gebaut, weil sie bei dem derzeitigen Strommarktdesign unrentabel sind. Die Strompreise an der Börse sind zu niedrig. Die Photovoltaik drückt stetig den Preis genau zu den Zeiten, wo früher der Strom knapp und dadurch die Preise hoch waren. Von solchen regelmäßigen Engpässen haben Gaskraftwerke gelebt. Das ist vorbei und deshalb werden keine mehr gebaut oder die Betreiber wollen ihre Kraftwerke sogar aus Rentabilitätsgründen stilllegen.

Die Politik ist gefragt! Es gibt viele kurzfristige, mittelfristige und langfristige Handlungsoptionen.

Kurzfristig gäbe es verschiedene Optionen. Steigende CO2 Zertifikate könnten sowohl den europäischen Klimaschutz steigern, als auch Gaskraftwerke rentabler werden lassen. Gaskraftwerke sind umweltfreundlicher und benötigen weniger Zertifikate. Steigt der Preis, gehen Braunkohlekraftwerke aus dem Markt. Dann entstehen neue Chancen für Gas. Leider hat Herr Rösler in der letzten Legislaturperiode diese einfache Lösung auf europäischer Ebene vehement verhindert.

Es gäbe aber auch die Möglichkeit, ähnliche Effekte vorrübergehend durch eine nationale CO2-Steuer zu erreichen. Der Sachverständigenrat der Bundesregierung plädiert beispielsweise derzeit für diese Lösung.

Mittelfristig können Gaskraftwerke auch durch veränderte Marktmechanismen wieder mehr Marktrelevanz bekommen. Werden sie zum Beispiel durch einen gut durchdachten Kapazitätsmarkt (der im Idealfall auch Lastmanagement und Speicher einbezieht) gestützt, dann haben sie den Vorrang und Braunkohlekraftwerke verlassen aus Rentabilitätsgründen den Markt. Auch durch eine Abschaffung oder Veränderung der Merit Order an der Strombörse könnten solche Effekte erzielt werden.

Alle diese kurz- und mittelfristigen Handlungsoptionen hätten sogar noch positive und preissenkende Effekte auf die EEG-Umlage.

Langfristig benötigen wir ein Gesamtsystem, das auf die Erneuerbaren Energien ausgelegt ist. Hier sind viele Optionen zu betrachten und es wird sicher auch aufgrund der derzeitigen starken Lobby für fossile und atomare Kraftwerke eine schwere Entscheidung. Deshalb wäre es ein deutlicher Gewinn für eine sachliche und zielführende Diskussion, wenn diese ganzheitlichen Aspekte noch etwas reifen dürfen, bis die Lobby von Kernkraft und Kohle in Deutschland schwächer wird. Dann haben die Politiker vielleicht einen etwas klareren Kopf und können besser denken und sich für einen ökonomisch und ökologisch sinnvollen Weg entscheiden.

Klar ist, dass langfristig nur die Gaskraftwerke ein sinnvoller Partner sein können. Dies ergibt sich aus der hohen Flexibilität und dadurch, dass der einzige saisonale Speicher der Erneuerbaren Energien über die Herstellung von Wasserstoff oder Methan denkbar ist. Es wäre also zielgerichtet und nachhaltig, den Kraftwerkspark auf diese Technik auszurichten, statt weitere Umwege über unflexible und dreckige Energieproduzenten zu gehen.

Wenn Energiewende sinnvoll und kostengünstig umgesetzt werden soll, dann muss die Politik jetzt vorausblickende Weichen stellen.