Langer Atem gefragt

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Dieser Konflikt berührt sogar die europäische Schuldenkrise. Als Antwort auf den Streit mit der EU um solares Preisdumping deutete die staatliche Pekinger Zeitung China Daily im vergangenen Jahr die Möglichkeit an, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt könne ja den Kauf europäischer Staatsanleihen drosseln, sollte die EU mit ihren Untersuchungen gegen chinesische Solarproduzenten fortfahren. China hält mit umgerechnet rund 3,2 Milliarden US-Dollar die größten Devisenreserven der Welt und hatte angekündigt, diese verstärkt in Staatsanleihen der Eurostaaten anzulegen.

Zwar wird es so weit kaum kommen, da das Solarbusiness nur einen Bruchteil der Handelsbeziehungen zwischen den Volkswirtschaften ausmacht – doch China hat jüngst andere Mittel ergriffen, um zu kontern. Nachdem die Regierung in Peking bereits im Juli 2012 infolge einer Klage mehrerer chinesischer Siliziumproduzenten eine Antidumpinguntersuchung gegen Wettbewerber aus den USA und Südkorea angekündigt hatte, beendete sie im November die Schonfrist für Europas Branchenunternehmen. Das Handelsministerium kündigte an, auch die Subventionspraktiken in Europa untersuchen zu wollen. Gegenüber der Welthandelsorganisation WTO monierte es Anreize für lokale Hersteller im Rahmen der Förderung regenerativer Energien in manchen europäischen Staaten. Strafzölle auf den Import von solarem Silizium könnten die Folge sein. Spätestens bis kommenden Mai will China darüber entscheiden.

Vor dem Hintergrund dieses Konflikts scheinen chinesische Siliziumanbieter, die schon vom Markt verschwunden waren, einen zweiten Frühling zu wittern. Jedenfalls verweist die australische Investmentbank Macquarie in einem ihrer regelmäßigen Siliziumberichte unter Bezugnahme auf einheimischeQuellen darauf, „dass offenbar in Erwartung von Antidumping-Importzöllen sechs einheimische Polysiliziumproduzenten den Betrieb wieder aufgenommen haben, nachdem sie ursprünglich ihre Werke geschlossen hatten. In der Folge sieht es nun so aus, als würden 14 einheimische Hersteller wieder produzieren“, schreiben die Analysten.

Sollte China tatsächlich Importzölle auf Silizium erheben, könnte sich der globale Verdrängungskampf, den die Banker bis dato vor allem in China gesehen haben, geografisch verschieben: „Mit der Einführung chinesischer Importzölle dürfte sich das Problem der globalen Siliziumüberkapazitäten außerhalb Chinas erheblich vergrößern“, so die Bank weiter. Darunter werde die Profitabilität vor allem der Unternehmen mit den höchsten Produktionskosten leiden. Ein erstes Opfer dürfte die koreanische Hankook Silicon gewesen sein, die Ende November vergangenen Jahres Insolvenz anmelden musste. Doch auch in China reiche der Siliziumbedarf der weiterverarbeitenden Industrie nicht aus, um alle heimischen Produzenten zu beschäftigen, warnt die Bank.

Dramatischer Preisverfall

Überkapazitäten erzeugen Preisdruck. Bei kaum einem anderen Industrierohstoff war dies in den letzten Jahren deutlicher zu beobachten als bei Silizium. Während viele andere Metalle aufgrund wachsender Weltnachfrage und sinkender Ausbeuten kontinuierlich teurer werden, gilt für den Solarrohstoff das Gegenteil. Kostete ein Kilogramm des silbernen Metalls 2008 in der Spitze 475 Dollar, liegt der Preis für kurzfristige Mengen (Spot) heute nur noch bei fünf Prozent dieses Werts. Seit Jahren wächst zwar die Nachfrage, das Angebot aber weit mehr. Auch 2012 dürfte die Nachfrage nach Reinstsilizium der Solarbranche laut Macquarie gegenüber 2011 um gut zwölf Prozent auf 228.000 Tonnen angestiegen sein. Doch das Gesamtangebot wird um 13 Prozent auf 300.000 Tonnen noch stärker zugelegt haben. Damit ist die Überschussquote (Verhältnis von Überschuss zu Gesamtangebot) von 12 auf 13 gestiegen und wird im neuen Jahr bei 16 Prozent gesehen.

Nach Auskunft von Chinas Marktführer GCL-Poly Energy Holdings war der Durchschnittsverkaufspreis für ein Kilo Silizium aus seiner Produktion in den ersten neun Monaten 2012 auf 23 Dollar gefallen – ein Minus von 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im dritten Quartal 2012 lag der erzielbare Preis nur noch bei 20,1 Dollar. Das ist ein nicht näher definierter Durchschnittswert von Spot- und Langfristpreisen.

Am Markt für kurzfristige Lieferungen (Spot) sind die Preise laut Macquarie-Analyst Robert Schramm-Fuchs „mittlerweile klar unter 20 Dollar gefallen und werden sich wegen der bestehenden Überkapazitäten auch kaum vor dem zweiten Halbjahr 2013 erholen“. Goldman Sachs rechnet mit einem bis mindestens 2014 anhaltenden Preisabschwung, der bis auf 15 Dollar führen könne. „Wer zu diesen Spotpreisen verkauft, verdient kein Geld“, sagt Solaranalyst Johannes Bernreuter von Bernreuter Research. Für Langfristverträge sind laut Marktinformationen je nach Qualitäten derzeit noch Abschlüsse von 25 Dollar und mehr möglich.

Die Unternehmen sind in einer Zwickmühle. Sie müssen Kapazitäten erneuern und Prozesse optimieren, um die Produktionskosten zu senken. Zugleich verschärfen sie damit das Problem der Überkapazitäten und den Preisdruck. Beispiel Renesola: Der chinesische Polysiliziumproduzent verfügte Ende September über eine Siliziumproduktionskapazität von 4.000 Tonnen. „Als Folge von Optimierungen in der Fertigungstechnologie“ ist es der Firma aus Sichuan eigenen Angaben zufolge gelungen, „die internen Produktionskosten auf annähernd 23,6 Dollar je Kilogramm Ende des dritten Quartals 2012 zu senken, verglichen mit 33 Dollar zum Ende des ersten Quartals“. Das ist immer noch nicht genug, weshalb die Kapazitäten bis zum ersten Quartal 2013 auf 10.000 Tonnen ausgebaut werden sollen. Die Produktionskosten hofft die Firma damit auf 22 Dollar drücken zu können. Sollte das auch nicht ausreichen, müsste Renesola wohl die älteren Linien stilllegen. Die neuen Produktionseinheiten, so der Siliziumspezialist, „erreichen alleine eine Kostengröße von 18 Dollar“.

Geringerer Energieverbrauch

GCL wähnt sich schon weiter. Durch den zügigen Ausbau auf 65.000 Tonnen Kapazität seien die Produktionskosten im ersten Halbjahr von 22 auf 18,9 Dollar gefallen, teilte die Firma aus Jiangsu mit. Um weitere Kostensenkungen in den bestehenden Linien zu erzielen, setzen die Firmen in der Fertigung auf eine steigende Energieeffizienz und einen verminderten Energieverbrauch. Damit hoffte GCL die „Produktionskosten unter 18 Dollar bis Ende 2012“ zu drücken.

Allmählich treten die Unternehmen beim Ausbau auf die Bremse. So ist die südkoreanische OCI wegen des „radikalen Preisverfalls infolge anhaltender Überkapazitäten“ von ihren ursprünglichen Plänen abgerückt, die Produktionskapazitäten durch den Bau neuer Fabriken (P4 und P5) bis 2013 auf 86.000 Tonnen zu verdoppeln. Stattdessen sollen sie bis September dieses Jahres durch die „Beseitigung von Flaschenhälsen“ in denbestehenden Linien um lediglich 10.000 auf insgesamt 52.000 Tonnen angehoben werden. Von der rund 100 Millionen Dollar schweren Investition verspricht sich der Chemiekonzern aus Gunsan eine Kostenentlastung in der gesamten Produktion von zwei Dollar je Kilogramm. Auch der neue Q-Cells-Großaktionär Hanwha ist vorsichtiger geworden. Wie Hanwhas Vice President J.C. Song in einem Interview erklärte, solle die kommerzielle Siliziumfertigung des Newcomers im koreanischen Yeosu erst 2014 und damit ein Jahr später als zunächst geplant die Arbeit aufnehmen. Rund die Hälfte der 10.000-Tonnen-Fertigung werde intern durch die Modultochter Hanwha Solarone benötigt. Nach dem Einstieg bei Q-Cells gibt es einen weiteren potenziellen konzerneigenen Abnehmer.

Zwar hat auch die deutsche Wacker Chemie ihren Zeitplan für den Produktionsstart der neuen Fertigung in den USA um einige Monate auf das Jahr 2014 verschoben. Unternehmenssprecher Christof Bachmair verweist aber darauf, dass diese Entscheidung auch wieder geändert werden könne. „Das ist abhängig von der aktuellen Marktlage.“ Auch OCI bleibt in den Startlöchern und betont, dass die Pläne für die neuen Fabriken jederzeit aktiviert werden könnten. „Die Kapazitätspläne für P4 und P5 bleiben unverändert.“

Licht am Ende des Tunnels

Und es keimt Hoffnung am Horizont auf. So zieht Analyst Bernreuter in seiner jüngsten Solarsilizium-Studie den Schluss, dass sich die Polysilizium-Industrie bis 2014 langsam vom Überangebot auf dem Markt erholen werde. Seine Analyse basiert dabei auf einer optimistischeren Annahme der Nachfrageentwicklung, als sie bei den meisten Marktbeobachtern zu finden ist, und einem Vergleich vergangener Erwartungen mit der Wirklichkeit. So untersuchte Bernreuter 72 Analysten-Prognosen zur weltweit neu installierten Photovoltaikleistung im Zeitraum 2008 bis 2011 und stellte fest, dass der Durchschnitt der Voraussagen mehr als 30 Prozent unter den tatsächlichen Ergebnissen lag. Für 2012 rechnet er nun mit neuen Installationen weltweit von bis zu 37,5 Gigawatt.

Macquarie erwartet demgegenüber nur 31 Gigawatt und Goldman Sachs gar lediglich 28 Gigawatt. Bevor es zu einem Aufschwung für die solare Siliziumindustrie kommen kann, sieht auch Bernreuter 2013 als ein weiteres Jahr der Konsolidierung. „Der Produktionsüberhang muss noch abgetragen werden und weitere Produzenten vom Markt verschwinden“, sagt er.

Erst nach der Bereinigung werde es wieder aufwärts gehen können. 2015/16, so seine Prognose, könnte mit der weiter steigenden Nachfrage eine neue Siliziumknappheit auftauchen. Die Frage werde in diesem Falle sein, wie schnell die Firmen, die ihre Expansionspläne zunächst zurückgestellt haben, die neuen Kapazitäten an den Markt bringen können. „Ein erfahrenes Unternehmen könnte wohl in einem halben Jahr so weit sein“, schätzt Bernreuter.

Bis dahin aber bleiben die Firmen unter Druck. 2012 ist das Gros der Produzenten in die roten Zahlen gerutscht. Dabei macht den Siliziumproduzenten nicht nur der Preisverfall zu schaffen. Laut Wacker Chemie ist auch damit zu rechnen, dass mancher Kunde im Zuge der voranschreitenden Konsolidierung der Solarbranche nicht überleben werde und so die Rohstofflieferanten Forderungen nicht erfüllt sehen könnten. Solche Wertberichtigungen aber belasten die angespannte Wirtschaftslage der Firmen weiter. Bis wieder sonnige Zeiten anbrechen, wird die Siliziumbranche also noch an verschiedenen Fronten zu kämpfen haben.