Volle Fahrt am Stau vorbei

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Nicht nur auf Autobahnen gibt es Staus, sondern auch in der Wertschöpfungskette der Photovoltaikindustrie. Kommt es auf einer der Etappen zum Engpass, müssen alle Beteiligten irgendwann bremsen. Viele Zellhersteller steuern derzeit aber mit Vollgas auf das Stauende zu: den Einbruch auf der Nachfrageseite. Insgesamt stieg die Zellproduktion 2010 um 83 Prozent auf 16,7 Gigawatt an. Die zehn Größten haben daran einen Anteil von rund 8,8 Gigawatt.

Blind sind die zubauenden Zellhersteller trotzdem nicht. Stefan de Haan, Analyst beim Beratungs- und Marktforschungsunternehmen IHS iSuppli in München, wundert sich zumindest nicht über dieses Verhalten. „Wenn sich der Markt im Abschwung befindet, sollte man expandieren, beispielsweise durch den günstigen Zukauf frei werdender Kapazitäten. Wer die Zyklen des Auf und Ab rechtzeitig erkennt, kann nachgebende Märkte dazu nutzen, seine Anteile auszubauen.“ Besonders für Hersteller, die sich nur oder hauptsächlich auf die Zellproduktion konzentrieren, kann dieseine sinnvolle Strategie sein. „Ich investiere dann offensiv in den Abschwung hinein“, erklärt de Haan. „Damit verdiene ich zwar im Moment erst mal kein Geld. Aber sobald der Markt wieder anzieht, bin ich derjenige, der wirklich vorne mit dabei ist.“

Karten neu gemischt

Trotzdem verfolgen einige der zehn größten Hersteller auch eine andere Strategie. Zum Beispiel dann, wenn sie vertikal stark integriert sind. Ob in einer Krise verstärkt ausgebaut wird oder nicht, ist auch eine Frage der generellen Ausrichtung eines Unternehmens. „Integrierte Konzerne, die einen gleichmäßigen Ausbau auf allen Wertschöpfungsstufen anstreben, können nicht so schnell massiv ihre Zellkapazitäten ausweiten“, sagt de Haan. Sie müssten dann zeitgleich die anderen Segmente mit ausbauen oder ihr Geschäftsmodell ändern. Das führt dazu, dass auch dieses Jahr die Karten neu gemischt werden.

Der neue Anführer des Rankings, das chinesische Unternehmen JA Solar, isteigentlich auf die Zellherstellung spezialisiert. Die Geschäftsführung setzt mit dem Ausbau der eigenen Wafer- und Modulproduktion neuerdings aber verstärkt auf Integration. „Die bauen aus wie verrückt“, sagt de Haan. Im Vergleich zum Jahr 2009 hat JA Solar seine Kapazitäten in der Zellproduktion verdoppelt, die Produktion sogar knapp verdreifacht. „Für 2011 haben sie jetzt Pläne veröffentlicht, dass sie die Kapazität auf über drei Gigawatt steigern wollen.“ Doch nicht nur im Zellgeschäft tut sich etwas. Mit den hauseigenen Modulen geht das Unternehmen jetzt auch zu seinen eigenen Kunden in Konkurrenz. Laut Dirk Morbitzer, Marktforscher von Renewable Analytics in San Francisco, stellt sich für JA Solar im kommenden Jahr vor allem die Frage, ob sich seine Kunden aus dem Modulgeschäft erfolgreich in den Installationsmärkten behaupten können. „Gerade kleinere nichtintegrierte Hersteller könnten bei einer Konsolidierung Schwierigkeiten bekommen, weil sie aller Wahrscheinlichkeit nach höhere Modulpreise verlangen müssen“, meint Morbitzer. „Daher kann es passieren, dass die Nachfrage nach Zellen durch nichtintegrierte Hersteller sinkt.“ Dies wären dann die Kunden, die JA Solar zukünftig fehlen könnten.

Suntech ist seit jeher ein integrierter Zell- und Modulhersteller. Aufgrund geringer Kapazitäten in der Waferproduktion hatte das Unternehmen laut Stefan de Haan im letzten Jahr aber stark unter den hohen Waferpreisen zu leiden. Das soll sich nun ändern. Im Jahr 2011 plane Suntech den Ausbau der Waferkapazitäten auf 1,2 Gigawatt, erklärt de Haan. Seit Anfang dieses Jahres bietet Suntech seine Zellen auch auf dem Markt an. Dies sei vorher nicht der Fall gewesen, sagt Morbitzer. „Es deutet darauf hin, dass Suntech auf der Modulseite ein Absatzproblem hat.“ Dass es sich um Überkapazitäten bei der Zellproduktion handelt, hält Morbitzer für unwahrscheinlich. „Im vergangenen Jahr hat Suntech eigene Zellen von anderen Modulherstellern zu Suntech-Modulen verarbeiten lassen.“ „Für Q-Cells ist das Jahr 2009 ein ziemliches Horrorjahr gewesen“, sagt Stefan de Haan. Nun hat sich das Unternehmen aber erst mal gefangen. „Im Jahr 2010 haben sie wieder ordentlich Gewinn gemacht. Im zweiten und dritten Quartal erreichten sie eine EBIT-Marge von neun Prozent. Das sieht also deutlich besser aus als im Jahr zuvor.“ Dass es nun wieder bergauf geht, liegt auch daran, dass sich das Unternehmen im Jahr 2010 relativ stark umstrukturiert hat, sagt Christian Rath von HSBC Trinkaus in Düsseldorf. „Der Hauptgrund sind wahrscheinlich verbesserte Einkaufspreise für Wafer. Auf der anderen Seite haben sich auch die Preise für Solarzellen im Jahr 2010 besser entwickelt als im Vorjahr.“ Außerdem setzt auch Q-Cells auf mehr Integration. Neben dem Ausbau der eigenen Modulproduktion engagiert sich Q-Cells immer mehr im Projektgeschäft. Für Dirk Morbitzer ist das ein wichtiger Schritt in Richtung schwarze Zahlengewesen. „Sich seine eigenen Absatzkanäle zu sichern ist für jeden Hersteller sinnvoll“, sagt er.

Aufsteiger aus Taiwan

Motech Industries ist im photovoltaik -Ranking im Vergleich zu 2009 um sechs Plätze auf Position vier aufgestiegen. Wie andere taiwanesische Hersteller auch hat sich Motech anfangs voll auf den Ausbau der Zellproduktion fokussiert. Als Outsourcing-Partner produziert das Unternehmen hauptsächlich Zellen, die in Modulen anderer Firmen verbaut werden. Im Jahr 2010 hat Motech nach Meinungvon Dirk Morbitzer vor allem davon profitiert, dass viele zusätzliche nichtintegrierte Modulhersteller in den Markt gegangen sind. So konnten neue Absatzpartner gefunden werden. Der Einstieg von Taiwan Semiconductor in das Unternehmen habe außerdem noch mal für einen weiteren Sprung in der Qualität und der Fertigungspräzision gesorgt. Doch auch bei Motech wird mittlerweile mehr Integration angestrebt. „Die bauen jetzt auch Wafer- und Modulkapazitäten auf“, erklärt de Haan. „Bei Wafern steigern sie die Kapazität im Jahr 2011 noch auf ein halbes Gigawatt.“Yingli Green Energy und Trina Solar Energy, jetzt auf den Plätzen fünf und sechs, schreiben die Erfolgsgeschichte der Jahre 2009 und 2010. „Die beiden haben vorgemacht, was man durch eine vertikale Integration gewinnen kann“, sagt de Haan. Dadurch hätten sie auch das Problem erhöhter Werkstoffpreise im Jahr 2010 weniger gespürt. „Yingli wächst gleichmäßig auf allen Wertschöpfungsstufen und hat jetzt sogar eine eigene Siliziumfertigung aufgebaut.“ Im Vergleichzu vielen anderen Zellherstellern ist Yingli zudem sehr profitabel. „Die haben operative Margen von jenseits 20 Prozent und sind unter den absoluten Spitzenwerten, was kristalline Zellhersteller angeht“, sagt de Haan. „Das ist sicherlich auch so, weil sie ihre eigene Waferproduktion im Haus haben und so deutlich Kosten sparen können.“ Engpässe in den einzelnen Wertschöpfungsstufen sind bei Yingli wohl auch im Jahr 2011 nicht zu befürchten. „Es stehen genügend Silizium- undWaferkapazitäten zur Verfügung“, sagt Morbitzer. Die Situation bei Trina ist ähnlich wie bei Yingli. De Haan erklärt: „Auch Trina ist sehr profitabel und kann durch seine vertikale Integration die ganze Lieferkette sehr gut managen.“ Durch einen extrem niedrigen Lagerbestand könne Trina außerdem zusätzliche Kosten sparen.

Das taiwanesische Unternehmen Gintech ist auf die Herstellung von Solarzellen spezialisiert und folgt auf Platzsieben. Wie bei JA Solar und Motech befürchtet Dirk Morbitzer, dass es auch Gintech als nichtintegrierter Hersteller etwas schwerer haben wird, den Absatz im Jahresverlauf 2011 zu sichern. Im Gegensatz zu JA Solar oder Motech zeigt Gintech allerdings kein Interesse daran, die Produktion auf andere Wertschöpfungsstufen auszuweiten. „Wir wissen von keinerlei Integrationsplänen“, sagt de Haan. Dies könne sich vielleicht sogar als Vorteil erweisen. „Wenn sich 20 Firmen vertikal integrieren wollen und jede davon auch noch zehn Prozent Marktanteil haben will, dann müssen am Ende ein paar Firmen den Kürzeren ziehen.“ Technologieführer auf einer Wertschöpfungsstufe zu sein und dort außerdem Kostenvorteile durch Skaleneffekte zu nutzen, könne ebenfalls eine Erfolg versprechende Strategie sein. „Es geht nicht nur durch Integration, indem sie Margen kürzen, sondern auch durch Technologievorsprung“, sagt de Haan.

Effizienz als Erfolgskonzept

„Sunpower war mit seiner effizienten Zelltechnologie eigentlich immer Technologieführer und ist das auch heute noch“, sagt de Haan. Was die Profitabilität angeht, habe Sunpower derzeit allerdings etwas zu kämpfen. Trotzdem liegt das Unternehmen auf Platz acht. „Sie haben aufgrund ihrer hocheffizienten Technologie auch höhere operative Kosten. Das Ergebnis war im Jahr 2010 gerade so im schwarzen Bereich“, erklärt de Haan. „Was die reine Profitabilität angeht,liegen sie im Vergleich zu den Chinesen etwas zurück. Sie expandieren aber auch nicht ganz so aggressiv.“ Die Zellkapazitäten von Sunpower sind deutlich höher als die Modulkapazitäten. Daher werden die Module zu einem großen Teil von Auftragnehmern hergestellt und als Sunpower-Module vermarktet. „Das ist ein Weg eines westlichen Anbieters, mit notgedrungen höheren Kosten und schlechterem Zugang zu Kapital ein wettbewerbsfähiges Business aufzubauen“, sagt de Haan. Anfang des Jahres 2010 hat Sunpower außerdem die Akquisition eines Projektentwicklers gestartet. Dadurch hat das Unternehmen nun eine relativ starke Projektpipeline auch in Italien. Je nachdem wie sich der italienische Markt entwickelt, könnte das noch zu einem deutlichen Abschreibungsbedarf führen, sagt Morbitzer. Was Sunpower dazu gebracht hat, jetzt Zellen von Q-Cells zu kaufen, darüber könne man zurzeit wirklich nur spekulieren.

Ein typisch taiwanesisches Unternehmen ist Neo Solar: 2005 gegründet, konzentriert es sich ganz auf die Zellproduktion – und auf Wachstum. „Der Ramp-up verlief 2010 viel schneller als erwartet“, sagt de Haan. Für 2011 hat Neo Solar das Jahresziel von 1,2 auf 1,8 Gigawatt erhöht, als Langfristziel wurden sogar schon Pläne für vier Gigawatt veröffentlicht. „Neo Solar produziert noch zu höheren Kosten als beispielsweise Gintech“, so de Haan, das sei aber für ein noch recht junges Unternehmen nicht ungewöhnlich. „Neo Solar legt den Schwerpunkt imMoment vor allem auf Wachstum, weniger auf Profitabilität.“ Die japanische Firma Sharp Electronics hat ein sehr breites Produktportfolio. Dabei ist die Photovoltaiksparte eher ein kleiner Teil des Geschäfts. „Durch die Produktion in Japan ist Sharp sicher auch nicht der kostengünstigste Produzent“, sagt Morbitzer. „Insgesamt handelt es sich aber natürlich um einen etablierten Hersteller.“ Neben der Herstellung kristalliner Zellen setzt Sharp immer stärker auf die Produktion von Dünnschichtmodulen. Morbitzer vermutet, dass daher auch der Kapazitätsausbau für kristalline Zellen etwas stagniert. Sharp agiere allerdings auch sonst – für japanische Unternehmen typisch – vorsichtig bei der Erweiterung von Produktionskapazitäten und riskiere dadurch, Jahr für Jahr an Wettbewerbsposition einzubüßen. De Haan glaubt, dass Sharp auch weiterhin ein großer Hersteller bleiben wird. „Das ist ein etwas nachhaltigeres Modell, was da verfolgt wird.“ Wie sich die Energiepolitik in Japan zukünftig entwickeln wird, bleibt abzuwarten. Kommt es zu einer verstärkten dezentralen Energieerzeugung, werde Sharp davon sehr deutlich profitieren, sagt Morbitzer.

Fazit: „Wir denken, dass das Überangebot im Jahr 2011 noch nicht so dramatisch sein wird“, sagt de Haan. „Aber die zusätzlichen Kapazitäten, die gerade aufgebaut werden, übersteigen die Nachfrage mittelfristig in jedem Fall.“ Christian Rath von HSBC Trinkaus bestätigt dies: „Basierend auf dem immer noch hohen Auftragseingang und den Auslieferungen der Equipment-Hersteller, gibt es im Moment deutlich mehr Kapazitätsaufbau auf der Angebotsseite als auf der Nachfrageseite.“ Eine Einschätzung, die auch Morbitzer teilt. Welches Unternehmen und welches Konzept sich in der erwarteten Abschwungphase als das erfolgreichste erweist, wird sich wahrscheinlich erst in ein paar Jahren genau sagen lassen. „Diejenigen Hersteller, die jetzt besonders aggressiv Kapazitäten aufbauen, setzen nicht auf den Markt 2013 – die setzen auf den Markt 2015 plus“, sagt de Haan. Um die anstehende Konsolidierungsphase zu überstehen, rät de Haan den Unternehmen, die Kosten im Auge zu behalten und sich frühzeitig die Wachstumsmärkte der Zukunft zu erschließen. „Entscheidend wird vor allem sein, sich die Absatzkanäle zu sichern.“