Solarstrom vom Discounter

Teilen

Dach so weit das Auge reicht. Hier und da erheben sich Lichtkuppeln auf der riesigen begrünten Fläche. 37.000 Quadratmeter – das ist so groß wie fünf Fußballfelder. Noch dazu in bester Lagerhallen-Lage: umgeben von Weinbergen, die Autobahn A6 in Sichtweite. Zwei Dachdecker schaufeln Granulat und Pflanzen mit gelben und lila Blüten samt deren Wurzelwerk auf eine Motorschubkarre. Auf extra breiten Reifen zieht diese langsam und lärmend ihre Bahnen. Dort wo die Modulreihen aufgeständert werden, muss zuerst die Dachbegrünung entfernt werden. Auf der Nordseite schwebt bereits neues Gewicht heran. Ein Kran hebt Paletten mit Betonsteinen auf das Dach. Weiter vorne werden diese verbaut. Zwei Kollegen schrauben Montagegestelle an den Betonstreifen fest. Andere befestigen Module auf Metallbügeln.

In Kirchheim an der Weinstraße, rund 100 Meter von der Ortschaft entfernt, steht eins von 69 deutschen Zentrallagern der Discountergruppen Aldi Süd und Nord. Ein Megawatt photovoltaischer Leistung wird auf dem Dach installiert.

Über 700.000 Quadratmeter

Seit 2006 verpachtet der Discounter über die Hälfte seiner Lagerhallendächer für Photovoltaikinstallationen. Das sind bereits über 700.000 Quadratmeter allein auf Aldi-Süd-Dächern. Rund 26 Megawatt sind schon am Netz. Projektierer ist die Pohlen-Solar GmbH aus dem nordrhein-westfälischen Geilenkirchen, ein Unternehmen der Pohlen-Gruppe. Wie die Dachflächen von Aldi beschaffen sind und wann sich eine Solarinstallation darauf lohnt, das weiß niemand so gut wie die Dachdecker von Pohlen. Denn Pohlen dichtet Aldis Dächer, seit über 40 Jahren.

Bis zum Ende des Jahres wird Pohlen 80 Prozent der Dachflächen von Aldi Süd mit Photovoltaik belegt haben und auch einige Aldi-Nord-Dächer. „Ziel ist es, alle Dachflächen der Logistikzentren in Nord und Süd für die Solarstromproduktion zu nutzen“, sagt Igor Rauschen, technischer Leiter bei Pohlen-Solar für die Planung und Ausführung großer Photovoltaikanlagen. Obwohl die Erträge an den nördlichen Standorten geringer ausfallen, lohnt sich die Investition in diesem Jahr dennoch – durch die fallenden Modulpreise.Im Vergleich zu den Lagerhallen anderer Discounter haben die Aldi-Logistikzentren einen entscheidenden Vorteil, meint Rauschen. Aldi setze in allen Bereichen auf Qualität.

Deshalb seien die Hallen statisch mit großzügigen Reserven ausgestattet. Das zusätzliche Gewicht der aufgeständerten Module inklusive Ballast zur Befestigung können die meisten Hallen ohne Probleme aufnehmen. Bereits 2005 hat Pohlen das erste Aldi-Dach zum Solarkraftwerk aufgerüstet.

Auch bei der Dachabdichtung lässt sich der Discounter nicht lumpen. „Andere Kunden lassen ihre Hallendächer lediglich mit 1,5-Millimeter-PVC dichten. Aldi wünscht zwei Millimeter Sarnafil. „Das ist der höchste Standard“, sagt Rauschen. Auf das flexible Polyolefin, kurz FPO, gibt Pohlen eine Garantie von 20 Jahren. Als PVC-freier Belag wird es nicht spröde und kann das Dach 30 Jahre lang dicht halten. Damit sind beste Voraussetzungen für Photovoltaikinstallationen im großen Maßstab gegeben.

Größter Umweltfond

Eigentlich wollte Pohlen-Solar mit kleineren Projekten starten. Doch es kam anders als gedacht. Mit nichts weniger als dem größten deutschen Umweltfonds stiegen die Dachabdichter aus Geilenkirchen ins Solargeschäft ein. „Aldi hat immer öfter Anfragen von potenziellen Pächtern bekommen, die auf den Lagerhallen Photovoltaik installieren wollten“, sagt Igor Rauschen. „Die wurden dann immer zu uns geschickt.“ Pohlen-Dach sollte das technische Okay für die Zusatznutzung der Dachflächen geben. Den lukrativen Großkunden Aldi wollte Pohlen nicht an die Konkurrenz verlieren. So initiierte Pohlen-Solar gemeinsam mit der DCM AG und Centrosolar 2006 einen Solarfonds, für den Pohlen 30 große Hallendächer von Aldi in Deutschland und in Spanien pachtete und mit einer Leistung von insgesamt rund 23 Megawatt ausstattete.

Das Münchener Emissionshaus DCM kaufte noch weiter spanische Projekte hinzu. Innerhalb weniger Monate konnte die DCM die Anteile als grüne Geldanlage unters Volk bringen. Bis heute ist der sogenannte Solarfonds 1 mit einer Investitionssumme von 170 Millionen Euro der größte deutsche Umweltfonds.

Die Bedingungen für das Gelingen des Solarfonds waren optimal. Ein Projektierer, der alle Dächer selbst abdichtet, mit FPO-Folien und 20-jähriger Garantie. Und ein Kunde, der aus dem Stand 30 große Dachflächen zur Verpachtung freigibt. Denn einen einzigen Verpächter für ein Großprojekt zu gewinnen, bringt in der Durchführung viele Vorteile. Zum Beispiel musste die Pohlen-Gruppe das Vertragswerk nur einmal auflegen – eine Tatsache, die Pohlen viel Zeit und Geld einsparte.

Einen entscheidenden Beitrag zur Qualitätssicherung leistet außerdem das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg. Die Photovoltaikexperten erstellten nicht nur die von der Bank geforderten Ertragsgutachten der Solarkraftwerke. Sie nahmen die Anlagen nach dem Netzanschluss ab und führen seitdem das Monitoring aller 30 Anlagen über die gesamte Laufzeit durch. Projektleiter Klaus Kiefer schaut sich gemeinsam mit Rauschen unterschiedliche Anlagenkonfigurationen genau an. Durch das Feedback aus Freiburg holt Rauschen aus seinen Anlagen immer mehr Kilowattstunden heraus. „Wir haben beispielsweise verschiedene Wechselrichterkonzepte gebaut, dadurch konnten wir uns von Jahr zu Jahr verbessern“, erklärt Rauschen. „Uns kann kein Wechselrichterhersteller mehr etwas vormachen.“ Auch die Modulleistung verschiedener Hersteller nimmt Rauschen unter die Lupe. Module mit kristallinen Zellen von Solara, Suntech und Kyocera stehen auf den Aldi-Dächern.

Partner in Sachen Modullieferung ist Centrosolar. In Rauschens Auftrag prüfen die ISE-Mitarbeiter stichprobenartig einige Module aus jeder Lieferung. Über diese Praxis sind auch die Modulhersteller informiert. „Das Verfahren hat sich bewährt“, bestätigt Klaus Kiefer. „Innerhalb kürzester Zeit hatten wir nur noch mit Plus gelabelte Module.“ Das sind solche, die eine etwas höhere Leistung bringen, als im Datenblatt angegeben. Und das bringt in der Performance der Anlage ein Plus von drei bis vier Prozent.

Systematische Fehlersuche

Als mittelständisches Familienunternehmen läuft Pohlen seit 1892 nun in der fünften Generation. Im Foyer des Firmensitzes in Geilenkirchen blickt Gründer Hermann Pohlen aus dem Bilderrahmen auf die Besucher herab. Klaus Kiefer schätzt die Gewissenhaftigkeit, mit der Pohlen 2004 ins Solargeschäft eingestiegen ist. Denn nicht alle Projektierer sind bereit, so offen über ihre Konzepte zu sprechen wie Pohlen. Kiefer führt das auf die traditionsreiche Firmengeschichte zurück. „Firmen, die aus der Baubranche kommen, haben ganz andere Vorstellungen von Qualitätssicherung. Für die sind externe Prüfungen selbstverständlich“, meint der Freiburger Wissenschaftler. „Pohlen nimmt die Sache sehr ernst und hat ein Interesse daran, sich ständig zu verbessern.“

Die Auslegung der eigenen Montagegestelle optimiert Pohlen zusätzlich mit Windkanalversuchen (siehe photovoltaik08/2009).

Igor Rauschen hält die Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut ebenfalls für sehr fruchtbar. Halbjährlich kommt der Bauingenieur mit seinen Kollegen ins Freiburger ISE zu einem Qualitätsworkshop. Hier sprechen Projektierer und Wissenschaftler über Verbesserungsmöglichkeiten beim Anlagenbau. Und wenn Leute, die eine Anlage sehr gut kennen mit Leuten zusammensitzen, die das wissenschaftliche Know-how haben, dann ist das eine erfolgversprechende Angelegenheit.

Auch dank dieser Kooperation konnte sich Rauschen innerhalb von nur vier Jahren von null auf hundert in die solare Materie einarbeiten. Doch auch Klaus Kiefer und das Fraunhofer-Institut profitieren von den Messungen am Großprojekt. „Wir wissen ganz und gar nicht, was beim Monitoring herauskommen wird. Das ist auch für uns sehr interessant“, betont Kiefer. „Unsere Analysen haben jetzt dazu geführt, dass ein systematischer Fehler eines Wechselrichtertyps entdeckt wurde. Alle Geräte werden gerade ausgetauscht oder modifiziert.“ Durch die Auswertung der realen Daten erfährt die Arbeit seines Instituts eine zusätzliche Bestätigung. Denn es zeigt sich bereits, dass die Abweichungen von den Ertragsgutachten nur bei plus/minus zwei Prozent liegen.

Minimaler Mehraufwand

Was den wenigsten Projektierern klar ist: Die Dienstleistungen, die das Fraunhofer ISE zur Qualitätssicherung anbietet, schlagen bei Großanlagen im Megawattbereich nur minimal zu Buche. Von Gewinn sind sie sowieso, da durch die ständige Überwachung ein optimaler Betrieb garantiert und Ertragsausfälle vermieden werden. „Von den gesamten Systemkosten macht das Monitoring 0,4 Prozent der Investitionssumme aus“, rechnet Klaus Kiefer vor. „Im Betrieb dann 0,2 Prozent der Einspeisevergütung.“

Auch die Banken haben schon Gefallen gefunden an den unabhängigen, monatlichen Gutachten zur Betriebsführung von Photovoltaikanlagen. Sicherlich werden in Zukunft die Daten aller Anlagen transparenter gemacht werden, die auf eine Fremdfinanzierung angewiesen sind. Aber Klaus Kiefer weiß, dass auch für Privatinvestoren gilt: Wenn jemand große Summen investiert, will er kein Chaos haben, sondern Klarheit.

Und welchen Vorteil zieht Aldi aus den Photovoltaikmodulen, die seine Dachflächen bedecken? Als Eigentümer stellen die Süd- und Nordgesellschaften ihre Logistikdächer nur leihweise zur Verfügung. Diese Leihgabe rechnet sich. Denn während der Rest der Projektbeteiligten jeder für sich ein Stück des Risikos trägt, erhielten die Aldi-Gesellschaften ihre Pacht für 20 Jahre im Voraus: mehr als acht Millionen Euro. Die Höhe der Pacht für das jeweilige Dach richtet sich nach der Qualität des Standorts. Dafür hat Pohlen ein eigenes Berechnungsverfahren entwickelt, das die Dächer in verschiedene Kategorien einteilt. Am optimalen Standort zahlt Pohlen so viel, dass der Eigentümer mit der Pacht eine Dachsanierung finanzieren kann.

Nachdem bald alle Logistikzentren von Fremdinvestoren genutzt werden, haben die Gebrüder Albrecht die Photovoltaik doch noch für sich entdeckt – und zwar für ihre Filialdächer. Als Pilotprojekt ließ der Discounter bis zum Frühjahr insgesamt vier Megawatt solarer Leistung auf 59 Märkten installieren. Dabei profitiert Aldi von der Erfahrung und den Netzwerken, die Pohlen mittlerweile im PV-Bereich aufgebaut hat. Während die Aldi-Gesellschaften vor vier Jahren die Vorschläge zur Nutzung von Filialdächern noch ablehnten, trat im letzten Jahr ein Sinneswandel ein. Davon können sich die Kunden zwischen Mönchengladbach und München seit kurzem überzeugen. Mit 40 bis 80 Kilowatt pro Filiale hat Pohlen die Ziegeldächer belegt. Alle Beteiligten hoffen, dass es ab 2010 eine Investitionsfreigabe für mehrere hundert PV-Anlagen auf Filialdächern geben wird.

Dafür kann Aldi aus einer Hitliste von über 900 Standorten wählen, die das Dachdeckerunternehmen erstellte hat.

Zu Displays umgestaltete Schaukästen sollen den Kunden ein Gefühl für die solaren Erträge vom Discounterdach geben. Und nicht zuletzt auf das grüne Bewusstsein des Handelsriesen hinweisen, der 2008 für die Photovoltaikinstallationen und weitere Energiesparmaßnahmen in seinen Supermarktgebäuden mit dem Energie-Management-Award der Handelsbranche ausgezeichnet wurde.

„Auch für die Filialdachanlagen bekamen wir sehr strenge Statikvorgaben durch Aldi und mussten alle Dachbinder nachrechnen“, sagt Igor Rauschen. 20 Schrägdächer stattete Pohlen mit Aufdachanlagen aus, die restlichen 39 konnten die zusätzlichen Lasten der Module nicht aufnehmen. Mit dem Indachsystem von Renusol werden die Dächer nun sogar entlastet – um 30 Kilogramm pro Quadratmeter. Denn für entfernte 50 Kilogramm Ziegel pro Quadratmeter wurden nur 20 Kilogramm PV-Module aufgebracht. Mit 2,5 Prozent Zusatzkosten rentieren sich auch die Indachanlagen. „Wenn sich die Sache nicht lohnen würde, würde Aldi das nicht machen“, weiß Rauschen.

In Geilenkirchen stehen zur Zeit alle Zeichen auf Sturm. Bis Ende des Jahres müssen neun weitere Großanlagen auf Aldi-Logistikzentren ans Netz gehen. Dafür arbeitet die Mannschaft von Pohlen-Solar auf Hochtouren. Denn erst im Sommer stand die Fremdfinanzierung des neuen Solarfonds. Als Nachfolgeprojekt des Solarfonds 1 werden die neun Anlagen den kleineren Solarfonds 3 bilden. Anfang Oktober wurde er platziert – mit Photovoltaikanlagen bis zu einem Megawatt Leistung auf Hallendächern von Ostfriesland bis in die Pfalz. Denn größere Anlagen rentieren sich nach dem neuen Energie-Einspeise-Gesetz nicht.

Auch das Logistikzentrum in Kirchheim an der Weinstraße wird Teil dieses Fonds. Bis Ende September arbeiteten sich die 20 Handwerker noch an den 32.200 Quadratmetern ab. Ein Teil der Anlage wurde schon im August fertig gestellt und von den Elektrikern ans Netz angeschlossen. Jeweils drei Monate arbeitet ein Trupp vor Ort, um ein Megawatt aufs Dach und ans Netz zu bringen. Auch in anderen Städten, in Sankt Augustin, Butzbach und Eschweiler sind Pohlens Leute auf den Dächern.

Riesiges Potenzial

Da auch Aldi-Dächer endlich sind, ist Pohlen auf der Suche nach weiteren Verpächtern großer Flächen. Aber nicht alle Hallendächer sind statisch so großzügig dimensioniert wie die Aldi-Dächer. Deshalb hat Pohlen bereits das eigene Montagesystem weiterentwickelt. Die neuen Modelle werden nach ersten Berechnungen mit nur 15 bis 20 Kilogramm Ballast auskommen. „Das kann fast jedes Dach verkraften“, meint Igor Rauschen. „Damit bekommen wir Zugang zu vielen Flächen, die bisher nicht in Frage kamen.“

Auch die Konkurrenz schläft nicht. Lidl und Rewe wollen selbst investieren. Im Mai kündigte Lidl an, Photovoltaik für einen dreistelligen Millionenbetrag auf Lagerhallen in Deutschland und dem europäischen Ausland zu installieren. Doch auch wenn Aldi, Lidl und Rewe bald komplett belegt sein sollten: Das Potenzial für Solarprojekte auf Deutschlands Lagerhallen ist nach wie vor riesig.