„Viele glauben nicht an die Sonne“

Schwer ist Jerry Lilyerd nicht zu finden: Das mehrere Meter hohe Nachführsystem mit BP-Modulen, das er neben dem Infostand seiner Firma Sun Energy aufgebaut hat, ist wie im Vorjahr die mit Abstand größte Photovoltaikanlage auf dem Außengelände der Living Green Expo 2009 in St. Paul (siehe photovoltaik07/2008). Mehrere tausend Besucher haben an diesem sonnigen Sonntagmorgen den Weg zur alljährlichen Umweltmesse auf dem State Fairground der Hauptstadt Minnesotas gefunden. Ein gutes Dutzend Interessierter begutachtet die ausgestellten Module von Jerry. Der bärtige Mittfünfziger im grünen Overall lächelt, erklärt, nimmt einen Schluck aus der Spritedose, geht freundlich auf weitere Fragen ein, rückt sich die Schirmkappe zurecht. „Die Geschäfte laufen etwas besser als im Vorjahr, doch auf den großen Durchbruch warte ich noch“, erzählt der NAPCEP-zertifizierte Solarteur aus der Kleinstadt Mora. „Die erneuerbaren Energien sind unter Obama politisch deutlich im Aufwind, doch angesichts der Rezession überlegen die Leute genau, wo sie investieren und wo nicht.“ Ähnliche Erfahrungen macht Jay Collins: Seit Anfang des Jahres hat der Immobilienhändler aus Minneapolis noch kein einziges größeres Haus an den Mann gebracht, egal ob mit oder ohne Solaranlage.

Die Rezession wirkt sich auch in anderer Hinsicht hemmend auf die Wirtschaftlichkeit der Photovoltaik aus. Sie führte zumindest in Minnesota in den vergangenen Monaten zu einem Überangebot an Strom. In etlichen Regionen rutschten die Haushaltstarife auf ein Rekordtief von unter sechs US-Cent pro Kilowattstunde. Obwohl die Preise der Anlagen, die Solarteur Jerry anbietet, seit Jahresanfang um 10 bis 20 Prozent auf sieben bis zehn US-Dollar pro installierter Kilowattstunde sanken, kann Solarstrom da nur schwer mithalten. Über das Net Metering, das von Energieversorgern angeboten wird, können Betreiber kleinerer PV-Anlagen nur den Anteil des Stroms auf der Stromrechnung einsparen, den sie selbst solar erzeugen. Und die von der neuen US-Regierung beschlossenen Finanzhilfen kommen nur schleppend vor Ort an.

Zwar können seit Anfang des Jahres aufgrund des erweiterten Solar Investment Tax Credit (ITC) US-weit nicht nur maximal 2.000 US-Dollar, sondern 30 Prozent des Nettokaufpreises einer Photovoltaikanlage von der Steuer abgesetzt werden. Doch noch Ende Juni lag das Solar Rebate Program Minnesotas auf Eis, weil Mittel aus dem milliardenschweren Stimulus Package der Obama-Regierung nicht an die Bundesstaaten ausbezahlt wurden. Es geht immerhin um einmalige Zuschüsse in Höhe von zwei bis 2,25 US-Dollar pro installiertem Kilowatt Photovoltaik, die seit Anfang des Jahres gesperrt sind. Initiativen der demokratischen Senatorin Ellen Andersen für die Einführung von Einspeisetarifen nach deutschem Vorbild in dem Midwest-Staat erhielten bisher keine parlamentarische Mehrheit.

Im Gegensatz zu Wasserkraft, Wind- und Bioenergie fristet deshalb die Photovoltaik mit nur 1,5 Megawatt installierter Leistung in ganz Minnesota bisher ein Schattendasein. Dies gilt auch für andere Staaten des Mittleren Westens wie Wisconsin, Iowa oder North Dakota. An zu wenig Sonne liegt das nicht. Mit 1.460 bis 1.825 Kilowattstunden pro Quadratmeter ist die durchschnittliche jährliche Einstrahlung in den meisten Midwest-Staaten wesentlich höher als in Süddeutschland. „Doch viele Leute hier wissen das nicht, sie glauben nicht an die Sonne“, klagt Ralph Jacobsen, Chef von Innovative Power Systems (IPS). Ganze 150 Kilowatt montierten Jacobsen und seine Mannschaft im vergangenen Jahr in dem von 2,5 Millionen Menschen bewohnten Ballungsraum der Twin Cities von Minneapolis/St. Paul, dabei ist IPS der mit Abstand größte Installationsbetrieb.

Energieversorger als Partner

Doch Ralph blickt nach vorn. Schon zwei Tage nachdem die Medien Anfang Juli meldeten, dass die Bundeszuschüsse für das sechs Millionen US-Dollar starke Solar Rebate Program Minnesotas bewilligt seien, „bestellten bereits vier Kunden Photovoltaikanlagen“, freut sich der Solarteur. Hoffnung auf bessere Zeiten machen auch die 6,5 Millionen US-Dollar aus Washington, die nun Schulbezirke und Ortsverwaltungen erhalten, die in Solarkraft, Wind oder Geothermie investieren. Mit Hilfe des Stimulus Package soll auch die Qualifzierung von Handwerkern in Minnesota verbessert werden: Vorerst 2,5 Millionen Dollar fließen in die Weiterbildung von arbeitslosen Elektrikern oder Klempnern im Bereich der erneuerbaren Energien. Eine Regelung, die auch alteingesessenen Solarteuren wie Ralph zugutekommt, der trotz der bisher niedrigen Nachfrage Probleme hatte, „genügend qualifizierte Leute zu finden“.

Chancen sieht der IPS-Chef auch in der „zunehmenden Offenheit der Energieversorger für Photovoltaik“. Seit zwei Jahren ist der größte Stromlieferant des US-Bundesstaates Xcel Energy laut Renewable Portfolio Standard verpflichtet, bis 2020 mindestens 30 Prozent regenerativ erzeugten Strom anzubieten. Die anderen Energieversorger müssen bis 2025 25 Prozent Ökostrom anbieten. Ein Pferdefuß ist allerdings, dass der Anteil des Solarstroms auf maximal ein Prozent begrenzt ist. Lobbygruppen wie die Minnesota Renewable Energy Society versuchen nun über parlamentarische Initiativen dieses Limit anzuheben. „Die Energieversorger haben trotz der momentan niedrigen Strompreise verstanden, dass Photovoltaik helfen kann, teure Spitzenlaststromzeiten während der heißen Sommertage abzufedern“, sagt Ralph Jacobsen zuversichtlich. Er verhandelt derzeit mit Xcel Energy über entsprechende Stromabnahmeverträge von Genossenschaftsanlagen ab 40 Kilowatt, die er in den Twin Cities auf den Weg bringen will.

Auf die Partnerschaft mit Xcel baut auch Gayle Prest, die Umweltbeauftragte der Stadtverwaltung von Minneapolis. Sie sieht gute Chancen, den Stromversorger für die Installation von PV-Anlagen mit einer Leistung von einem Megawatt entlang einer neuen Stadtbahn zwischen den Twin Cities zu gewinnen. „Wir brauchen solche Vorzeigeprojekte, um Solarenergie sichtbar zu machen“, betont Gayle. Seit April koordiniert die engagierte Behördenmitarbeiterin einen runden Tisch zur Förderung der Photovoltaik.

Mit dabei ist auch Dallas Meyer, Gründer von Ten Ksolar. Ab dem Herbst will er den PV-Markt aufrollen mit einem weiterentwickelten monokristallinen Modul – mit Anti-Verschattungssoftware und reflektierenden Bodenmatten zur verbesserten Lichtausbeute. Gut eine Million Dollar akquirierte der ehemalige Chefentwickler des Festplattenherstellers Seagate bei örtlichen Investoren als Startkapital. Ein Lieferant der Komponenten der Reflektormatten ist 3M, mit 10.000 Beschäftigten einer der Top-Arbeitgeber in den Twin Cities. Der Technologiekonzern schuf jüngst eine eigene Renewable Energy Division und kündigte an, die Produktpalette für die PV auszuweiten. Bereits im vergangenen November gründete der Industrieofenhersteller Despatch Industries (siehe photovoltaik 06/2008) einen eigenen Standort für seine PV-Aktivitäten im Vorort Burnsville und konnte bisher weitgehend der Rezession trotzen.

Es bewegt sich also einiges in Midwest. Bleibt abzuwarten, ob Solarteur Jerry noch zufriedener lächelt, wenn er im kommenden Frühjahr wieder bei der Living Green Expo ausstellt.