Kunst, konkret

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Es ist nicht ganz klar, ob ein gerade genossenes Sektfrühstück Schuld ist oder die ungewohnt laue Frühlingsluft: „Ein Raum gewordener Malewitsch“, wispert ein junger Mann mitten auf der Dachterrasse des Kölner Museums Ludwig und nimmt andächtig die Sonnenbrille ab. „Oder doch mehr internationaler Konstruktivismus?“ Die Umstehenden schauen verwirrt auf das Objekt, das diese Verzückung ausgelöst hat – bevor Gemurmel von „mobilen Mechanismen“ und „ästhetischem Erleben einer wissenschaftlichen und technischen Zeit“ an ihre Ohren drang, hatten sie die Konstruktion einfach für eine kleine Solaranlage gehalten.

Für nüchterne Betrachter ist sie genau das – und wohl auch für den ausstellenden Künstler selbst. Die PV-Anlage ist Teil einer Arbeit des Amerikaners Jonathan Horowitz: Seine Videoinstallation „Apocalypto Now“ beschäftigt sich mit der globalen Klimaerwärmung: Horowitz hat einen Film produziert, in dem er Dokumentationen über den Klimawandel mit Katastrophenfilmen des Hollywoodkinos kombiniert und die verblüffende Ähnlichkeit der Bilder aufdeckt, mit denen beide Genres operieren – es geht um eine Gegenüberstellung von Erderwärmung und christlicher Apokalypse; Umweltaktivist Al Gore wird gegen den schauspielernden Fanatiker Mel Gibson ausgespielt, der an das baldige Ende der Welt glaubt.

Jemand hat Jonathan Horowitz erzählt, das Kölner Museum Ludwig sei das Gebäude mit dem höchsten Energieverbrauch der Stadt. Daraufhin hat er beschlossen, dass seine Arbeit die von ihr benötigte Energie selbst erzeugen muss. Die Suche des Museums Ludwig nach einem geeigneten Kooperationspartner endete bei der Energiebau Solarstromsysteme GmbH in Köln-Ossendorf. „Da wir zu den Gründungsmitgliedern der Initiative ‚Photovoltaik in NRW‘ gehören, ergab sich so ein unbürokratischer Kontakt“, sagt Pressesprecher Timo Glatz. Für die Dauer der Ausstellung, die noch bis zum 23. August zu sehen ist, stellt die Firma Horowitz eine PV-Anlage mit knapp 1,6 Kilowatt zur Verfügung. „Es ging hier natürlich nicht darum, eine möglichst große Anlage zu bauen, sondern darum, in einem ungewöhnlichen Umfeld ein klimapolitisches Zeichen zu setzen. Das Schöne ist ja, dass die Anlage nicht auf dem Dach verschraubt ist, sondern auf der Museumsterrasse für jeden Besucher zum Anfassen bereit steht.“

Trotzdem erfüllt die Anlage ihren Zweck. Der von ihr erzeugte Strom wird umgehend für die Videoprojektion in das Stromnetz eingespeist. Eine von dem Künstler entworfene Schautafel am Eingang der Installation zeigt die in Echtzeit produzierte Energieleistung und den Stromverbrauch der Videoinstallation an. Und auch insgesamt gilt die Ausstellung – laut Horowitz „Produkt eines strategischen Recyclingprozesses“ – als klimaneutral: Fast alle benutzten Materialien wurden schon einmal verwendet; die Wände der Videokoje stammen aus der Ausstellung „Gerhard Richter: Abstrakte Bilder“, die Deckenkonstruktion halten Stahlelemente, die bereits eine Installation getragen haben, und alles Gedruckte steht auf recyceltem Papier.

Horowitz hat eine Synthese geschafft, die ungewohnt und ungewöhnlich ist: Kunst und erneuerbare Energien. Zwischen Konstruktion und Installation darf ein Ausstellungsbesucher da auch mal in Verzückung geraten.