Kloster Banz bei Bad Staffelstein

Eine leichter Hoffnungsschimmer keimt in der deutschen Solarbranche auf.
Foto: pv magazine/Michael Fuhs

BMWi: Sektorkopplung und Mieterstrom als Chance für Photovoltaik

08. März 2017 | Hintergrund, Politik und Gesellschaft, Topnews

Die Umlagen und Abgaben müssen für alle Energiearten restrukturiert werden, um die Sektorkopplung voranzubringen. Das erklärte Cornelia Viertl aus dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie auf dem 32. Otti-Symposium Photovoltaische Solarenergie in Bad Staffelstein.

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Seit Mitte vergangenen Jahres beschäftigt sich die Arbeitsgruppe „Strom 2030“ im Bundeswirtschaftsministerium mit Szenarien für den zukünftigen Markt. Darin wird Sektorkopplung ein großes Thema sein, erklärte Cornelia Viertl, Referentin im Ministerium, bei der Eröffnung des jährlichen Otti-Symposiums im Kloster Banz bei Bad Staffelstein, einem der wichtigen traditionellen Photovoltaik-Branchentreffs. Um diese, also die Verbindung von Strom-, Wärme- und Mobilitätssektor, voranzubringen, müsste es jedoch störungsfreie Preissignale geben, so Viertl.

Zurzeit liegen auf dem Haushaltsstrompreis staatlich veranlasste Preissignale von über 20 Cent pro Kilowattstunde, auf dem Gas nur von unter fünf Cent. Andere Energieträger liegen dazwischen. Damit sei keine effiziente Sektorkopplung möglich, so Viertl. Hauptaufgabe sei daher, ein neues Zielmodell für die gesamten Umlagen zu entwickeln. „Das wird nicht einfach, daran wird jetzt gearbeitet“, sagt sie. Das ist nicht der einzige Punkt, an dem Veränderungsbedarf herrsche. So müssten unter anderem der Regelleistungsmarkt angepasst und der Einsatz dezentraler Flexibilitäten erleichtert werden. Für Anlagen unter 750 Kilowatt Leistung sieht sie durch die kommende Sektorkopplung trotz allem neue Impulse für die Photovoltaik.

Das andere große Thema sieht sie beim Mieterstrom. Vor kurzem wurde ein Eckpunktpapier veröffentlicht, das zwar keine Befreiung des Mieterstroms von der EEG-Umlage vorsieht, dafür eine zusätzliche Förderung von rund drei bis vier Cent pro Kilowattstunde. Dass es zu dieser Art Förderung kam statt zur Reduktion der EEG-Umlage, dient der Vereinheitlichung der KWK- und der Solarförderung, sagte Viertls Kollege Aike Müller, der ebenfalls aus dem Berliner Ministerium nach Bad Staffelstein gereist ist. Das Ziel sei jedenfalls klar. Die Energiewende solle mehr in die Städte geholt werden.

Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW-Solar), begrüßt das Vorhaben, für das sein Verband Geburtshelfer gewesen sei, auch wenn diese Art der Förderung „nicht so ideal“ sei. Außerdem sei durch die Forderung der Union, ein Deckel von 500 Megawatt pro Jahr für Photovoltaik-Mieterstromanlagen aufgenommen worden. „Wir sind kein Freund von Deckeln“, so Körnig, „doch die 500 Megawatt müssen wir erst einmal erreichen“. Auch Harald Will, der sich mit seinem Unternehmen Urbane Energie seit Jahren für Mieterstrom einsetzt, begrüßt diesen Vorschlag als Einstieg und politische Willensbekundung. Er hält es jedoch für wichtig, dass es nicht bei der Förderung bleibt, sondern daraus ein Gesamtkonzept entsteht.

Die grundsätzliche Diskussion zum Thema Eigenverbrauch dürfte dennoch nicht beendet sein. Körnig ist zwar froh über die „erfolgreiche Abwehr einer Stromsteuer auf den solaren Eigenverbrauch“. Doch auf den Fluren in Berlin würde er aber immer wieder den „Unwillen gegen solare Selbstversorger und Dezentralität“ bemerken. Treiber seien nicht mehr die gewandelten konventionellen Energieversorger, sondern die energieintensive Industrie, die die Angst von Instabilitäten im Stromnetz und Deindustrialisierung schüren würde.

Diverse Studien zeigen, dass die Relevanz des Eigenverbrauchs und des Mieterstroms zunehmen wird, sagt jedoch Aike Müller. Danach sei allerdings kein extremer Zuwachs zu erwarten. „Bezüglich der Gesamtkosten zeigt sich zwar, dass negative Umverteilungseffekte entstehen können“, sagt er zu der Diskussion, inwieweit Eigenverbrauch mit Umlagen und Abgaben belastet werden sollte. Er schätzt es aber so ein, dass es derzeit keinen Handlungsbedarf gibt. In der Diskussion eines neuen Zielmodells für die Umlagen im Zuge der Sektorkopplung müsse das aber „mitgedacht“ werden.

Leicht positive Grundstimmung

Im Vergleich zum Stand vor einem Jahr ist Körnig leicht positiv gestimmt. Die EEG-Novelle von letztem Jahr sei zwar kein Durchbruch, aber auch keine Katastrophe gewesen. Die Ausschreibungen seien auf Anlagen über 750 Kilowattpeak Leistung beschränkt worden, nachdem zeitweise auch Grenzen von 50 Kilowatt gehandelt wurden, was für das Segment der Gewerbeanlagen katastrophal geworden wäre.

Gerade in diesem Segment sieht er eine Belebung. Der hohe Zubau im Dezember sei nur zum Teil Vorzieheffekten geschuldet. Auch im zweiten und dritten Quartal 2016 habe der Zubau bereits rund ein Viertel über dem von 2015 gelegen.

Zur Belebung in allen Segmenten tragen auch die gesunkenen Photovoltaik-Systemkosten bei. Nach dem Index des BSW-Solar sind sie in Folge des Modulpreisverfalls um fünf Prozent gesunken. Der Geschäftsklimaindex hat sich nun aus seinem Tief erholt und ist nun wieder auf dem Stand von vor vier Jahren. In der Bevölkerung sei, so Körnig, die Akzeptanz der Photovoltaik nach wie vor groß, wie neuste Umfragen zeigten. „Doch ein Großteil der Zielgruppe hat zu geringe Erwartung für die Rentabilität“, sagt er. Jeder zweite hält Photovoltaik für unrentabel, nur jeder Vierte hält eine Rendite über drei Prozent für realistisch.

Auch Aike Müller aus dem Ministerium sieht die Chancen. Er verweist darauf, dass außer im kleinen Anlagensegment die Photovoltaik-Stromgestehungskosten unter der Vergütung liegen. Im kleinen Anlagensegment hat man die Möglichkeit, die Wirtschaftlichkeit über den Eigenverbrauch zu erhöhen, so dass auch da die Aussichten gut sind.

Technologieoffene Ausschreibungen

Die gegenwärtig aus Brüssel nach Deutschland getragene Diskussion zu technologieoffenen Ausschreibungen wird unverhohlen von allen Beteiligten als sehr problematisch gesehen. „Das ist auch für uns eine schwierige Debatte“, sagt Viertl. Es wird trotzdem Druck gemacht. Das Vorhaben soll noch vor der Sommerpause umgesetzt werden. Danach werden in einem Piloten zweimal im Jahr bis 2020 Anlagen mit zusammen 400 Megawatt Leistung gemeinsam für Wind und Photovoltaik ausgeschrieben. Derzeit erwarten die Beteiligten dabei einen großen Vorteil für die Windkraft gegenüber der Photovoltaik. Das Problem dabei ist, dass ein bestimmter Mix der beiden Technologien hilft, die notwendigen Speicherkapazitäten zu reduzieren, und man bei technologieoffenen Ausschreibungen diesen Mix nicht mehr steuert. Nach den Ergebnissen von Bruno Burger vom Fraunhofer ISE ist das Verhältnis Photovoltaik zu Wind von ein-zu-eins optimal. Danach hätten wir dieses Jahr schon zehn Gigawatt Photovoltaik zu wenig, in Kürze sogar 20 Gigawatt. Viertl sieht die Problematik, verweist aber darauf, dass andere Studien einen anderen Mix als Optimum ergeben.

Die Ergebnisse der gegenwärtigen Ausschreibungen sieht Viertl dagegen positiv. Für die ersten beiden Runden liege die Realisierungsrate bereites jetzt bei 70 Prozent und werden noch steigen. Auch Carsten Körnig bescheinigt der Fachabteilung im Ministerium, das Beste daraus gemacht zu haben. Dass die ausgeschriebenen Mengen nicht höher sind, liegt laut Viertl daran, dass es mit Landwirtschaft und Naturschutz Ausfechtungen gibt. (Michael Fuhs)

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