Solarpark vor AKW Offingen

Die Erneuerbaren legen weiter zu, die Atomkraft verliert an Boden.
Foto: sun.factory

Agora Energiewende fordert rasche Gespräche zum Kohleausstieg

06. Januar 2017 | Hintergrund, Politik und Gesellschaft, Topnews

Zwar haben Photovoltaik, Windkraft & Co. 2016 soviel Strom produziert wie nie zuvor, dennoch droht die Bundesregierung ihre Ziele beim Klimaschutz und der Energieeffizienz bis 2020 zu verfehlen. Agora Energiewende fordert deshalb zügig Gespräche über einen Kohleausstieg zu beginnen. Zudem sollte angesichts der steigenden Haushaltsstrompreise das System der Steuern, Abgaben und Umlagen auf Energie komplett überarbeitet werden.

Diesen Artikel teilen

Melden Sie sich jetzt kostenlos für unseren täglichen Newsletter an.

Zur Anmeldung

Nach der Jahresauswertung von Agora Energiewende ist der Anteil der erneuerbaren Energien im vergangenen Jahr um 0,8 auf 32,3 Prozent gestiegen. Photovoltaik, Windkraft und die übrigen Erneuerbaren lieferten soviel Strom wie nie zuvor. Insgesamt seien es vier Terawattstunden Ökostrom mehr gewesen. Dass der Zuwachs nicht höher ausgefallen sei, habe an den unterdurchschnittlichen Wind- und Sonnenbedingungen im vergangenen Jahr gelegen. „Daraus können wir für die weitere Energiewende lernen, dass sich der Ausbau der Erneuerbaren Energien an den regelmäßig auftretenden schlechten Windjahren orientieren sollte. Denn nur dann ist der Klimaschutz im Energiesystem wirklich gesichert“, sagt Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende, bei der Vorstellung der Auswertung am Freitag.

Erfreulich sei, dass das Stromsystem im dritten Jahr in Folge klimafreundlicher geworden sei. Auch hätten Gaskraftwerke Marktanteile von Kohlekraftwerken zurückerobert. Die mit Erdgas betriebenen Kraftwerke hätten gut ein Viertel Strom mehr produziert als noch 2015. Mit einem Anteil von 12,1 Prozent hätten sie zudem fast soviel zum Erzeugungsmix beigetragen wie die Atomkraftwerke, deren Erzeugung sich seit dem Jahr 2000 auf nun 13,1 Prozent nahezu halbiert habe, hieß es weiter.

Angesichts der Zuwächse bei den Erneuerbaren und der Gaskraftwerke sei der Anteil der Braunkohle um 0,8 auf 23,1 Prozent sowie der Steinkohle um 1,2 auf 17 Prozent an der Stromerzeugung gesunken. Der rückläufige Trend der Kohleverstromung habe sich damit nach 2014 auch 2015 fortgesetzt. Mit Blick auf die Klimaziele fordert Agora Energiewende seit längerem, einen gesamtgesellschaftlichen Konsens für einen raschen Kohleausstieg zu finden. „Wenn man den Rückgang der Kohleverstromung in 2016 in der Zukunft so fortsetzen würde, so würde ungefähr Anfang 2038 das letzte Kohlekraftwerk vom Netz gehen“, sagt Graichen dazu. „Das entspricht dem von Agora Energiewende vorgeschlagenen Kohlekonsens-Pfad. Nach der Bundestagswahl müssen hierzu zügig die Gespräche beginnen, um einen gesamtgesellschaftlichen Konsens für Klimaschutz, Strukturwandel und Versorgungssicherheit zu erreichen.“

Mit dem Kohleausstieg ließe sich die Klimabilanz des Stromsystems verbessern. Die CO2-Emissionen in diesem Bereich seien zwar leicht auf 306 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr gesunken. Dennoch seien die Treibhausgasemissionen in Deutschland insgesamt um knapp ein Prozent auf 916 Millionen Tonnen gestiegen. Dies zeigt, dass in den Sektoren Industrie, Wärme und Verkehr der Klimaschutz bislang kaum stattfinde. „Die Energiewende ist nicht nur eine Sache des Stromsektors – jetzt müssen auch Industrie, Wärme und Verkehr ihre Klimaschutzbeiträge liefern“, fordert Graichen.

Der Stromverbrauch in Deutschland sei im vergangenen Jahr zwar leicht rückläufig gewesen. Das Effizienzziel der Bundesregierung ist dennoch mit dem derzeitigen Tempo nicht erreichbar. „Deutschland wird zwar immer effizienter im Umgang mit Strom. Denn trotz eines Wirtschaftswachstums von 1,8 Prozent ist der Stromverbrauch gesunken“, sagt der Direktor von Agora Energiewende. „Es muss hier aber noch viel mehr geschehen. Jede gesparte Kilowattstunde macht die Energiewende kostengünstiger.“

Nach Auswertung des Berliner Think-Tanks ist die Zustimmung in der Bevölkerung für die Energiewende im vergangenen Jahr noch gewachsen. So hielten mittlerweile 93 Prozent 93 Prozent der Bundesbürger in einer jährlich wiederholten Umfrage die Energiewende für „wichtig“ oder „sehr wichtig“. Dies sei der höchste Wert in fünf Jahren. Knapp die Hälfte der Befragten hielten die Umsetzung mittlerweile für „gut“ oder „sehr gut“. Dies sei ebenfalls ein um drei Prozentpunkte höherer Wert als im Jahr davor.

Ein Zehn-Jahrestief hätten dagegen die Strompreise mit 16,60 Euro pro Megawattstunde an der Börse erreicht. Auch die Weltmarktpreise für Kohle, Öl und Gas seien 2016 gesunken. Zugleich habe die grenzüberschreitende Photovoltaik-Ausschreibung mit Dänemark gezeigt, wie günstig Solarstrom mittlerweile sei. Daher war 2016 nach Einschätzung von Agora Energiewende „das Jahr der billigen Energie“.

Die sinkenden Kosten kommen allerdings aufgrund steigender Abgaben und Umlagen nicht bei den privaten Stromkunden an. Der Haushaltsstrompreis werde 2017 erstmals die Marke von 30 Cent pro Kilowattstunde überschreiten. „Bleibt das System der Abgaben und Umlagen wie es ist, so ist bis 2023 ein weiterer Anstieg der Strompreise absehbar. Erst danach kommen die ‚Ernte-Jahre‘ der Energiewende“, sagt Graichen. Agora Energiewende fordert daher ein komplett überarbeitetes System der Steuern, Abgaben und Umlagen auf Energie. „Denkbar wäre es etwa, die Stromkosten zu senken, und die Abgaben und Umlagen auf klimaschädliche Energieträger wie Kohle, Heizöl, Diesel, Benzin und Gas zu verlagern“, so Graichen weiter. (Sandra Enkhardt)

Direkt kommentieren

Sie haben die Möglichkeit, unsere Artikel jetzt direkt zu kommentieren. Sie müssen sich nicht mehr als Benutzer registrieren, sondern können direkt auf "KOMMENTIEREN" am Ende der Artikel klicken und Ihre Meinung schreiben.

Die Redaktion behält sich jedoch vor, unsachliche Kommentare zu löschen.

Kommentare

Kommentieren
Kommentar schreiben
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz  

Tomas Biermann aus LÜneburg

Sonntag, 15.01.2017 13:15

Ja, wir brauchen schon so lange eine Umweltschadensteuer, wie Hermann Scheer die ideologisch verdreht benannte Ökosteuer* benanne. Hier fehlt der -auch für den Wahlkampf- merkbare Begriff leider! Wieso [...]

micha drese aus bremen

Montag, 09.01.2017 14:26

Hallo Herr Behrschmidt, zunächst danke für Ihre Stellungnahme. Daß wir einen Einstieg in Alternativen haben, nun, daran habe ich auch mitgewirkt. Leider bleibt es aber zur Zeit bei dem Einstieg, [...]

Jörg Behrschmidt aus Hamburg

Montag, 09.01.2017 09:58

Hallo Herr Drese, ich stimme ihnen zu, dass man sich stärker auch um die anderen Sektoren, wie Verkehr etc. kümmert und dorch endlich mit der Umstellung auf Klimaverträgliche Alternativen anfängt. [...]

micha drese aus bremen

Freitag, 06.01.2017 16:40

Liebe Leute von Agora: Ich schaue sehr oft auf euer Agorameter, Ihre 12 Thesen etc., weil das der einzig wahre Gradmeseer für Last und Einspeiseleistung ist; weil man so sieht, was fehlt: Speicher für [...]

vollständige Kommentare anzeigen
Kommentare 1 - 4 von 4

Tomas Biermann aus LÜneburg

Sonntag, 15.01.2017 13:15

Ja, wir brauchen schon so lange eine Umweltschadensteuer, wie Hermann Scheer die ideologisch verdreht benannte Ökosteuer* benanne. Hier fehlt der -auch für den Wahlkampf- merkbare Begriff leider! Wieso nennen Sie ihn nicht bzw. unterlassen geschichtsvergessen den Scheer-Begriff?
Und wo bleibt hier die Forderung endlich den perversen EE-Ausgleichsmechanismus zu korrigieren,
Etwa regionalen Börsenverkauf für alle Energien vorschreiben, so dass atomar-fossile den EE-Vorang nicht durch jahrelangen terminvorverkauf aushebeln können und Atom- Kohle- wie auch Offshore-Windstrom auch Netz-Transportkosten kalkulieren müssten. Wir brauchen endlich wahre Preise – atomar-fossiler Strom ist mindestens 40 Mrd € teuerer und von den ruund 21 Mrd € EEG-Kosten, sind nur rund die Hälfte Kosten für höhere EE-Preise, die somit viel geringer sein müssten. Vermehrer dezentraler EE-Einsatz muss endlich strompreissenkend wirken können! Börsenpreis müsste etwas schadenseingepreist statt 16,60 zB 21,60 und Verbraucherpreis statt 30 eher 25 kosten.

Rasche Gespräche wären sofort, nicht erst für nach der Bundestagswahl gefordert! Wenigstens PvMagazine sollte Merkel-Gabriel, auch die AfD + Grüne+Linke+FDP herausfordern sich sofort zu Kohleschadensänderungen zu erklären. Auch Flüchtlinge bzw. neuer alter Nationalismus hat mit Klima- und Umweltschaden der atomar-fossilen Energien und deren Entlastung samt neuer Arbeit durch erneuerbare zu tun!

micha drese aus bremen

Montag, 09.01.2017 14:26

Hallo Herr Behrschmidt,

zunächst danke für Ihre Stellungnahme. Daß wir einen Einstieg in Alternativen haben, nun, daran habe ich auch mitgewirkt. Leider bleibt es aber zur Zeit bei dem Einstieg, denn was wir brauchen ist ein Einstieg mit einem Masterplan dahinter, der das Ziel einer schrittweisen Ersetzung fossiler Kraftwerke - nach atomaren- sicherstellt bei permanent vorhandener Einspeiseleistung, die wir brauchen. Und genau dies ist derzeit nicht der Fall. Es gibt eben keinen Plan, das ist der Plan. Alleiniger Zubau bei WEA und PV reicht eben nicht, wie das Agorameter nun täglich zeigt. Und da sind wir noch nicht bei den anderen Sektoren. Die Hauptthese von Agora lautet: Auf Wind und Sonne soll die Energiewende sich stützen. Wie das gehen soll, wird leider nicht diskutiert bzw. gefordert. Das Thema Speicher wird ausgeklammert mit der Begründung, diese seien teurer als Netze. Mir ist einfach zu viel Glauben in der Sache und zu wenig Fakten. Leider gehen auch Sie nicht darauf ein. Solange Energieminister wie in Frankreich verkünden, mit einer Solarstraße im Norden des Landes könne man die Straßenbeleuchtung entzünden, glaube ich eher an eine billige Elbphilharmonie als an ein Gelingen dieser Energiewende.

Besten Gruß in die Perle Hamburg

Jörg Behrschmidt aus Hamburg

Montag, 09.01.2017 09:58

Hallo Herr Drese, ich stimme ihnen zu, dass man sich stärker auch um die anderen Sektoren, wie Verkehr etc. kümmert und dorch endlich mit der Umstellung auf Klimaverträgliche Alternativen anfängt. Ich stimme ihnen aber nicht zu, dass wir keinen Einstieg in Alternativen haben. Die Alternativen sind da! Nur gibt man dem Klimaschutz nicht die Priorität, die dieser haben müsste. In der Politik wird leider immer noch die Ökonomie über die Ökologie gestellt und es wird an veralteten Marktmechanismen festgehalten, die auf Technologien ausgerichtet sind, die massiv zur Überhitzung unseres Klimas beitragen.

micha drese aus bremen

Freitag, 06.01.2017 16:40

Liebe Leute von Agora: Ich schaue sehr oft auf euer Agorameter, Ihre 12 Thesen etc., weil das der einzig wahre Gradmeseer für Last und Einspeiseleistung ist; weil man so sieht, was fehlt: Speicher für el. Energie. Oder auch back-up-Leistung aus diesen. Vor dem Hintergrund eines Kohleausstieges und zuvor Atomausstiegs wäre es doch zur Abwechslung mal schlau und notwenig, zunächst die notwendigen Gegenmaßnahmen zu analysieren und diese in einem Machbarkeitsplan einzufordern, anstatt zuerst der bestehenden Energieversorgung adieu zu sagen. Im Allgemeinen kündigt man eine gesicherte Versorgung erst nach Versicherung einer neuen auf. In Europa werden wir da keine Nachahmer finden, weltweit schon gar nicht, wie erst kürzlich berichtet wurde. Und wo bitte wollen wir denn das Gas herbekommen mitsamt der einhergehenden wachsenden Abhängigkeit von Lieferanten. Wenn Frankreich bspw. morgen auf die Idee käme, alle AKW abzustellen und auf Gas zu setzten, haben Sie dafür ein Denkmodell? Wir wollen möglichst eigenständig werden, nicht abhängiger.
In Ihren 12 Thesen fordern Sie Netzausbau sei billiger als Speicher. Ich sage: Was nutzen mir Netze bei Flaute. Der Wind ist ein launisch Kind. Und die Sonne ist nicht da, braucht man sie. Wind und Sonne haben haben an Energie leicht verloren, trotz des Zubaus, nicht wegen des schwachen Zubaus. Wir müssen uns nicht (nur) an den schwachen Windjahren orientieren, sondern auch an den starken Tagen inkl. den starken Sonnentagen, damit es nicht zum Chaos an der Börse und in Netzen kommt, und dafür brauchts Großspeicher, insbesondere wenn die Installation verdoppelt werden soll. Wo sollen die Leistungsspitzen hin? Nur durch Bioenergie wurde der Rückgang bei Wind und Sonne aufgefangen. Wollen wir aber jetzt noch mehr Gülle und Nitrat auf den Feldern?

Im übrigen finde ich es schön, mal den u. a. Verkehr anzusprechen. Kreuzfahrtreisen mit Schweröl bspw. sind m. E. nicht mehr zu verantworten, wenn man andererseits den Menschen Solaranlagen und eAutos schönreden will, die man dann mit Braunkohlenstrom betankt. Und der Wärmesektor, jawohl, der hat es in sich. Wind und Sonne liefern leider keine Abwärme.

Man kann keinen Ausstieg fordern, sofern der Einstieg zu Alternativen nicht gesichert ist.

Copyright 2014 © pv magazine

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie aktuelle Branchennews!

photovoltaic (pv) news on topics like thin film and feed-in tariffs and events like Intersolar Europe

Internationale Photovoltaik-News auf Englisch

Spanische Photovoltaik-News aus Lateinamerika