„GPS hilft nicht bei Elefanten“

Kategorie: 09 / 2011, Märkte & Trends Miriam Widman

Diebstahlschutz: Photovoltaikanlagen geraten immer wieder in das Visier von Einbrechern. Eine neue Methode, basierend auf GPS und GSM, verspricht mehr Sicherheit. Doch es gibt viele Kritiker, die dieses System für nicht praktikabel halten.

Elektrozäune und Kameras reichten bei KEE nicht mehr aus, um die Solarparks in Südspanien vor Einbrechern zu schützen. Allerdings ist die neue GPS-GSM-Technologie auch noch in der Testphase.
Foto: Objectdetect

Dank der GPS-GSM-Technologie können die gestohlenen Solarmodule einfach online und über Landesgrenzen hinweg nachverfolgt werden.
Foto: Objectdetect

Eine Diebesbande macht sich nachts in einer ländlichen Gegend an einer Photovoltaikanlage zu schaffen. Bei den Einbrechern handelt es sich um Experten, die genau diese Anlage wegen ihrer Abgeschiedenheit ausgewählt haben, damit sie möglichst nicht ertappt werden. Die Diebe entfernen Dutzende von Solarmodulen von einem Dach, laden sie auf einen Lastwagen und brausen davon. Zufrieden verlassen sie den Tatort und fahren zu ihrem vermeintlich sicheren Versteck – doch diesmal lacht die Polizei zuletzt. Die Module sind mit einem System ausgestattet, das auf dem Navigationssatellitensystem GPS und dem Mobilfunkstandard GSM basiert. Dieses alarmiert die Polizei, die die Täter aufspürt und das Diebesgut sicherstellt.

Das ist zwar noch keine Wirklichkeit, bei Objectdetect ist man sich jedoch sicher, dass dies nicht mehr lange dauern wird. Das jüngst gegründete Unternehmen setzt die GPS-GSM-Technologien als neue Methode der Diebstahlbekämpfung bei Photovoltaikanlagen ein. Wird eines der Module gestohlen, wird der Alarm per E-Mail oder SMS ausgelöst und ein Zeitstempel mit der aktuellen Position sowie der Nummer des Moduls übermittelt. Die integrierten GPS- und GSM-Systeme machen es möglich, den Transportweg der Module online weltweit nachzuverfolgen.

Objectdetect ist ein Joint Venture zwischen der Firma KEE, die Solarparks im Megawattbereich plant und installiert, sowie dem Technologieunternehmen Browsertec. Die in Kaiserslautern ansässige Firma hofft, zum dritten Quartal als GmbH eingetragen zu sein, so Objectdetect-Sprecher Björn Wojtaszewski. Die beiden Unternehmen taten sich zusammen, weil die beiden KEE-Niederlassungen in Südspanien eine Reihe von Diebstählen erlebt hatten.Herkömmliche Sicherheitsmaßnahmen wie etwa Elektrozäune oder Überwachungskameras kosteten KEE nur Geld, führten jedoch nicht zu weniger Diebstählen. Die Firma war so stark betroffen, dass die Versicherungsgesellschaft damit drohte, die Verträge zu kündigen, so Wojtaszewski. Derzeit testet das Start-up-Unternehmen seine Technologie in Pilotprojekten in Deutschland, China und Namibia. In Kürze soll ein viertes Projekt in Spanien anlaufen. Das Unternehmen verhandelt über Projekte mit einem Gesamtvolumen von fünf bis neun Megawatt, die Anfang nächsten Jahres unterschriftsreif sein könnten.

Die Diebstahlbekämpfung mittels GPS steckt aber noch in den Kinderschuhen. Solon zog den Einsatz der Technologie von Objectdetect zwar in Erwägung, entschied sich jedoch dagegen. Der Berliner Hersteller war hauptsächlich darauf aus, seine Module „intelligenter“ zu machenund dadurch die Modulleistung zu erhöhen. Es ging Solon nach Aussage von Produktmanager Stefan Stümmler nicht ausschließlich um Diebstahl. Solon entschied sich bei der Entwicklung seines Moduls mit einer ständigen Verbindung zum Wechselrichter für die Zusammenarbeit mit dem israelischen Unternehmen Solaredge, einem Konkurrenten von Objectdetect. Das entwickelte Solraise-System besteht aus einem eingebauten Gleichspannungs-Power-Optimizer, einem entsprechend eingestellten Wechselrichter und einem webbasierten Überwachungssystem. Der erste Einsatz ist für Oktober geplant.

Solon entwickelt eigenes System

„Normalerweise kontrollieren Wechselrichter die ganze Reihe“, so Stümmler. „Bei dieser Technologie wird jedes Modul einzeln kontrolliert.“ Das kann die Leistung maximieren, besonders in schattigem Umfeld wie typischerweise in Wohngebieten. Die Elemente können zudem im Brandfall abgeschaltet werden. Die Module kosten 10 bis 15 Cent mehr als die Standardmodule, aber das lohne sich, so Stümmler. „Bedenkt man die bessere Leistung und die Abschaltung im Brandfall, dann gleicht dies den Preis aus – oder macht es sogar noch attraktiver als ein Standardmodul.“ Im Grunde sei das Produkt auf Optimierung ausgelegt gewesen. Als Nebeneffekt mache es die Module jetzt auch noch diebstahlsicherer, fügt Solon-Sprecherin Sylvia Ratzlaff hinzu. Der Wechselrichter registriere sofort, wenn ein Modul gestohlen werde. Dieses könne dann nicht ohne Weiteres woanders installiert werden. Wenn es vom Wechselrichter getrennt werde, sei zur erneuten Aktivierung ein Code notwendig. Die Diebe hätten auch nichts davon, die Module zusammen mit dem Wechselrichter zu entwenden. Auch für die Kombination Modul plus Wechselrichter werde für die erneute Installation ein Code benötigt, der den Dieben wohl nicht vorliegen dürfte, sagt Ratzlaff.

Die bei der Installation eines GPS-Systems anfallenden Extrakosten bekommen die Firmen allerdings nicht durch niedrigere Versicherungsprämien wieder. Oliver Strecke, Mitinhaber und technischer Leiter bei Objectdetect, räumt ein, dass nicht alle Module mit einem GPS-System ausgerüstet werden können. Er gibt an, dass erfahrungsgemäß zwei bis fünf Prozent der Module mit der Technologie ausgestattet sein müssten, damit das System funktioniere. Das GPS-System von Objectdetect koste 350 Euro pro Modul. Hochgerechnet für einen Solarpark mit einer Spitzenleistung von einem Megawatt ergäben sich damit Mehrkosten bei einer Ausstattungvon fünf Prozent der Module von ungefähr acht Cent pro Watt. Auf etwa vier Cent pro Watt beliefen sich die Ausgaben bei einer zweiprozentigen Ausstattung.

Rechtliche Probleme

Wie bekommt der Besitzer seine Module aber zurück, wenn ein Dieb sie aus einer Anlage in Spanien stiehlt und sie dann nach Frankreich bringt? Damit beschäftigt sich Markus Piendl, Berater für Sicherheit und Systemverwaltung bei Green Source Consulting. Er ist der Ansicht, dass solch ein Szenario eine Reihe von rechtlichen Problemen mit sich brächte, wodurch die GPS-Technologie unattraktiv werde. „Ich setze wirklich nicht viel auf diese Technologie.“ In solch einem Fall müssten die Eigentümer einen Durchsuchungsbefehl von einem ausländischen Richter erwirken und das sei nicht leicht, sagt Piendl.

Das mag sein, sagt dazu Heinz Liesenberg, Versicherungsmakler für erneuerbare Energien und Inhaber von Liesenberg Assekuranzmakler für erneuerbare Energien. In Deutschland jedoch müssten die Diebe zunächst eine Strecke von mindestens 100 Kilometern bis zur nächsten Grenze zurückgelegen und in jedem Fall seien die Beweise dann noch vorhanden. „Was hat ein Modul an einem anderen Ort verloren? Es ist nicht einfach vom Dach abgeflogen.“ Zu seinen Kunden zählt Liesenberg Klaus Scholl, Streckes Partner bei Objectdetect und Leiter der KEE GmbH für erneuerbare Energie. Liesenberg ist nach eigener Aussage von der GPS-Technologie beeindruckt und hält sie in Kombination mit einer Überwachungskamera und einem Elektrozaun für eine gute Lösung zur Sicherung einer Solaranlage. So gibt es oft falschen Alarm, und mit einer Überwachungskamera kann geprüft werden, ob wirklich ein Einbruch geschieht. Die GPS-Technologie verrät, wo sich das gestohlene Modul befindet. Er räumt jedoch ein, dass nur wenige aufgrund der Mehrkosten dazu bereit sein werden, sich auf die neue Technik einzulassen.

Berater Markus Piendl bleibt der GPS-Technologie gegenüber dennoch skeptisch. Das liegt auch daran, dass seiner Meinung nach Kabel aufgrund ihres Werts im Anschlussmarkt gefragter sind als Module. Zudem sagt er, dass die meisten Photovoltaikmodule in abgelegenen Gegenden gestohlen würden, wo GPS mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gut funktioniere. Außerdem würden die Diebe erkennen, welche Module mit GPS ausgestattet seien, und diese dann stehen lassen.

Oliver Strecke von Objectdetect hält das nicht für zutreffend. Die GPS-Technologie werde in die Module eingebaut und sei von außen nicht erkennbar. Er stimmt aber mit dem Kritikpunkt überein, dass gerade in ländlichen Gegenden das Signal schwach oder gar nicht vorhanden sei. Strecke gibt dennoch zu bedenken, dass die Diebe die Produkte schließlich in einer dichter bevölkerten Gegend übergeben müssten, und dann werde das GPS-GSM-System aktiv.

Solarworld bevorzuge eher traditionellere Technologien, so Gregor Küpper, Geschäftsführer bei Solarworld Africa. Demnach sei die GPS-Technologie dem Unternehmen zu komplex und nicht notwendig. In Südafrika zum Beispiel halten Zäune nicht bloß mögliche Diebe von den Modulen fern, sondern auch Tiere wie etwa Elefanten. „GPS hilft nicht bei Elefanten“, sagt Küpper.

Zum Thema, ob Kabel oder Module für Diebe wertvoller sind, sagt Strecke, dass man dazu von drei Befragten drei verschiedene Antworten erhalte. Ein Sprecher der Gothaer Versicherung, einer der größten deutschen Versicherer für erneuerbare Energien, sagt, dass die Erfahrung zeige, dass Diebe sich fast ausschließlich auf Solarmodule konzentrierten. Der Versicherer gibt an, dass die beste Methode gegen Diebstahl ein mit Infrarotkameras ausgestattetes elektronisches Überwachungssystem sei, das die gesamte Installation umgebe. Die Gothaer habe bisher aber noch keine Erfahrung mit der Technologie von Obejctdetect, sagt der Sprecher weiter.

Diebstähle gehen zurück

Die Versicherer stimmen überein, dass Diebstahl von Solaranlagen ein Problem darstellt. Konkrete Zahlen sind jedoch kaum zu bekommen. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft veröffentlicht keine jährlichen Zahlen. Nach einem Bericht des Verbands zum Thema erneuerbare Energien beliefen sich die Diebstähle bei Photovoltaikanlagen zwischen 2004 und 2007 auf acht Prozent der Schadenskosten. Mit einem Anteil von 26 Prozent an den Gesamtschadensfällen waren demnach Brandschäden ein viel größeres Problem. Direkt dahinter lagen Sturmschäden mit einem Anteil von 25 Prozent.

Das Bayerische Landeskriminalamt hat detaillierte Zahlen für das südliche Bundesland gesammelt. Daraus ist ersichtlich, dass die Diebstähle nach einem starken Anstieg zwischen 2007 und 2008 wieder zurückgegangen sind. Die sinkenden Zahlen seien den vermehrten Maßnahmen zur Diebstahlsicherung zuzuschreiben. Zwar empfiehlt die Behörde keine bestimmten Maßnahmen oder Unternehmen. Sie hat jedoch 2007 eine detaillierte Liste von Sicherheitsempfehlungen herausgegeben, die darauf hinweist, dass Solarmodule fest installiert und so nur mit Spezialwerkzeugen zu entfernen sein sollten. Dadurch benötigten Diebe mehr Zeit und der Diebstahl werde weniger attraktiv. Anlagen sollten schwer zugänglich sein und mit einem massiven Eingangstor geschützt werden.

Der Versicherungsmakler Liesenberg ist nach eigenen Angaben seit mehr als zwei Jahren im Geschäft. Er sagt, dass Diebstähle bei Photovoltaikanlagen seit Jahren ein Problem darstellten und auch weiterhin darstellen würden. Dies gelte selbst angesichts der stark gefallenen Modulpreise.

Jahr

Schadensfälle in Bayern

Wert in Euro

2007

16

350.000

2008

32

640.000

2009

26

295.000

2010

22

250.000

Quelle: Bayerisches Landeskriminalamt


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