Zielmarke: 20 Prozent

Kategorie: 06 / 2009, Politik & Gesellschaft Jürgen Röttger

EU-Direktive: Die neue Richtlinie zum Ausbau erneuerbarer Energien ist in Kraft getreten. Sie soll in den EU-Staaten auch den Ausbau der Photovoltaik beflügeln. Es ist allerdings fraglich, ob alle Mitgliedstaaten die Vorgaben erreichen können.

In Thiva nahe Athen entsteht einer der größten Solarparks in Griechenland. Deutsche Hersteller liefern Module und Wechselrichter.
Foto: Aleo Solar

Hier wird Druck gemacht: Berlaymont-Gebäude, Sitz der EU-Kommission in Brüssel.
Foto: pixelio/Schuttel

Das Projekt ist ehrgeizig. In der Gemeinde Thiva, 50 Kilometer nordwestlich von Athen, entsteht gegenwärtig ein Solarprojekt, das zu einem der größten Solarkraftwerke Griechenlands ausgebaut werden soll. Die einheimische Savvas Zafeiratos will dessen Kapazität auf über 16 Megawatt steigern. Doch bis wann das gelingt, ist noch offen. Für dieses Jahr werden zunächst wenig mehr als drei Megawatt angestrebt. Deutsche Unternehmen sind am Aufbau der Anlage maßgeblich beteiligt: Die Solarmodule stammen von Aleo Solar, die Wechselrichter von SMA.

Wenn es nach den Vorgaben der EU-Kommission in Brüssel geht, werden in Griechenland demnächst viele solcher Projekte entstehen. Sie verlangt von dem Mittelmeerstaat, bis 2020 den Anteil der erneuerbaren Energien an der Energieversorgung auf 18 Prozent zu steigern, also mehr als zu verdoppeln. Das sieht die EU-Direktive vor, die im Winter beschlossen wurde und im Mai in Kraft getreten ist. Sie ist ein zentraler Baustein der EU-Klimapolitik; die Kommission und das EU-Parlament haben sie den Mitgliedstaaten in langen und zähen Verhandlungen abgetrotzt. Erstmals erhalten die Einzelstaaten damit konkrete Zielvorgaben für den Ausbau der alternativen Energieproduktion. Werden diese verfehlt, drohen hohe Strafgelder. Die Vorgaben sind von Land zu Land verschieden und auf regionale Bedingungen abgestimmt, im Durchschnitt sollen die Regenerativen in den EU-Staaten 20 Prozent der Energieversorgung abdecken.

Konkret bedeutet das, dass die Gemeinschaft ab 2009 die regenerative Energieerzeugung in jedem Jahr so stark ausbaut wie in dem gesamten Jahrzehnt bis 2008. „Das ist ambitioniert, aber es ist möglich“, sagt EU-Energiekommissar Andris Piebalgs. Die Haupthindernisse bestünden derzeit in bürokratischen Hürden, im unzureichenden Zugang zu den Stromnetzen und in der geringen Unterstützung durch die Mitgliedstaaten. Auf der Marke von 20 Prozent basiert die gesamte Klimastrategie der EU. Um diesen Wert soll auch die Energieeffizienz steigen und in zwölf Jahren die Menge der EU-Treibhausemissionen sinken.

Lähmende Bürokratie

Mit 3.000 Sonnenstunden pro Jahr bietet Griechenland insbesondere für die Photovoltaik hervorragende Bedingungen. Dennoch wird es den Griechen kaum gelingen, die Zielvorgabe zu erfüllen. Das meint zumindest Martina Ecker von Jefferies International. „Dort erstickt die Bürokratie die Entwicklung“, sagt die Cleantech-Expertin vom deutschen Büro der US-amerikanischen Investmentbank. Nirgends in Europa sei der bürokratische Aufwand höher. Um einen Solarpark zu errichten, müsse man dort von insgesamt acht verschiedenen Ministerien eine Genehmigung einholen. Hinzu komme, dass in dem Land mit reichem historischem Erbe stets auch ein archäologisches Gutachten erforderlich sei.

So sei der Genehmigungsaufwand in Griechenland etwa „doppelt bis dreimal so hoch wie woanders“, meint auch Antje Gruber, bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) Expertin für Photovoltaik. Die LBBW zählt europaweit zu den führenden Banken bei der Finanzierung von Erneuerbare-Energie-Projekten und finanziert auch das Solarkraftwerk der Savvas Zafeiratos. Allerdings seien die griechischen Förderbedingungen außergewöhnlich gut. Dort würden neben hohen Einspeisetarifen auch attraktive Investitionszuschüsse gezahlt.

 

Mehrere Hoffnungsträger

Laut EU-Direktive muss Italien den Anteil der Erneuerbaren an der Energieerzeugung bis 2020 auf 17 Prozent verdreifachen. Marktteilnehmer halten dies für möglich. Stefan Dietrich von Q-Cells verweist auf die attraktive Einspeisevergütung und die hervorragenden natürlichen Bedingungen in dem Land. Er geht davon aus, dass Solarstrom dort schon bald preislich mit herkömmlichem Strom konkurrieren kann, „als erster Markt in Europa“. Zwar seien auch in Italien höhere bürokratische Hürden zu überwinden als in Deutschland. Die Hindernisse seien aber geringer als in Griechenland. Man müsse „etwas Geduld mitbringen“, empfiehlt Anke Leiner, Sprecherin der Phoenix Solar AG. Gegenwärtig seien kleinere Projekte bis ein Megawatt in Italien leichter und schneller umzusetzen als Großprojekte. Das scheint für einen Boom auszureichen. Die staatliche Energieagentur GSE rechnet damit, dass sich die installierte Photovoltaikkapazität in diesem Jahr auf 900 Megawatt verdoppelt und bis 2010 auf 1.300 Megawatt verdreifacht.

Ein weiterer Hoffnungsträger ist Tschechien. Laut Nicola Stobbe von der Informationsagentur Mittel- und Osteuropa GmbH (IMOE) liegt das Land weit hinter den EU-Vorgaben zurück. Um die Vorgaben nur ansatzweise zu erfüllen, müsse das Land bei der alternativen Energie kräftig nachlegen. Prag habe für die Photovoltaik eine hohe Einspeisevergütung festgelegt, das könne Investoren anziehen. Auch sei die Nähe zum starken deutschen Solarmarkt ein großes Plus. Stobbe zufolge springt der tschechische Photovoltaikmarkt stark an. Seit August 2008 habe sich die installierte Kapazität auf knapp 70 Megawatt nahezu versiebenfacht.

Weniger gut sieht es dagegen für die übrigen Solarmärkte in Mittel- und Osteuropa aus. Dabei wäre dort ein Ausbau besonders geboten, denn in dieser Region basiert die Energieversorgung meist zu über 80 Prozent auf der klimaschädlichen Kohle. Jens Boysen vom Fraunhofer-Zentrum für Mittel- und Osteuropa (MOEZ) sieht in den östlichen EU-Staaten zwar einen hohen Bedarf und durchaus gute Bedingungen für alternative Energien. Die meisten Ost-Staaten hätten bereits Vergütungs- und Quotenregelungen eingeführt. Aber der Ausbau der regenerativen Energieerzeugung sei wegen relativ hoher Investitionskosten „vor allem eine Frage des Geldes, und das fehlt hier“, so Boysen. Strukturfördergelder aus EU-Töpfen seien daher vonnöten.

LBBW-Expertin Gruber beurteilt die Lage ähnlich. Je östlicher die Lage dieser Solarmärkte, desto eingeschränkter sei die Aussicht auf Finanzierung von Solarprojekten.

Ohne den Einsatz von Entwicklungsbanken oder der Weltbank werde dort kaum eine nennenswerte Entwicklung angestoßen. Dabei sei etwa Bulgarien mit seiner hohen Sonneneinstrahlung für Photovoltaik sehr attraktiv. Zudem gebe es in einigen Ländern der Region bereits Solarfabriken und damit eine technologische Basis vor Ort, ergänzt Boysen. Der Fraunhofer-Experte sieht ein weiteres großes Hindernis in der starken Position, die herkömmliche Energieunternehmen in der Region einnehmen. Die staatlichen Verwaltungen seien häufig eng mit ihnen verbunden und daher wenig an der Förderung alternativer Energien interessiert. Laut Reinhart Buchner von Sharp Electronics Europe ist vorerst nicht mit einem starken Wachstum des Solarmarktes in Osteuropa zu rechnen. Langfristig könnten sich die osteuropäischen Länder jedoch zu wichtigen Solarmärkten entwickeln.

 

Druck auf die Regierungen

Eben dazu leistet nach Einschätzung von Fraunhofer-Experte Boysen die EU-Direktive einen wichtigen Beitrag. Sie erzeuge Druck auf die Regierungen und ihre Verwaltungen, Lösungen für die Finanzierung etwa von Solarprojekten zu entwickeln. Die Vorgaben aus Brüssel ermutigten ferner die Kräfte in den Ländern Mittel- und Osteuropas, die sich für alternative Energien einsetzen. Die Direktive könne ihnen helfen, sich gegen die Lobby etwa der Kohleverstromer durchzusetzen.

Boysen rät der Solarbranche aus Westeuropa, heute in den Aufbau der Photovoltaik in Staaten wie Ungarn, Rumänien und Bulgarien zu investieren, um dadurch Absatzmärkte für morgen aufzubauen. Laut Jefferies-Expertin Ecker müssen vor allem die europäischen Energiekonzerne in Grünstromprojekte investieren. Durch die EU-Direktive seien sie gezwungen, bis 2020 verstärkt Energie aus regenerativen Quellen anzubieten.

 


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