Warum sich Baywa r.e. gegen Mindestpreise positioniert

Kategorie: Topnews, Politik und Gesellschaft

Interview: Günter Haug, Geschäftsführer von Baywa r.e., erläutert, warum er sich gegen die Mindestpreise für Solarmodule aus China ausspricht. Sie behindern die Energiewende und den Klimaschutz.

Günter Haug, Geschäftsführer von Baywa r.e., Solargroßhändler und EPC
Foto: Baywa r.e.

Befürworter und Gegner der Handelsbeschränkungen streiten sich, ob die die Mindestpreise gut für das Allgemeinwohl sind oder nicht. Seit einiger Zeit bezieht Baywa r.e. eindeutig gegen die Mindestpreisregelung Stellung und plädiert dafür, sie nach dem Auslaufen am 7. Dezember nicht zu verlängern. Einerseits gehört Baywa r.e. zu den größten Solargroßhändlern in Deutschland, andererseits entwickelt und baut die Tochergesellschaft Baywa r.e. Solar Projects GmbH Photovoltaik-Großprojekte in Europa. Günter Haug, Geschäftsführer von Baywa r.e., erläutert die Gründe für die Positionierung.

pv magazine: Sie positionieren sich als Baywa r.e. neuerdings  gegen die Mindestpreise und die Importzölle, beziehungsweise deren Verlängerung nach dem 7. Dezember. Warum?


Günter Haug: Das hat mehrere Gründe. Zum einen sehen wir einen direkten Zusammenhang zwischen den Zubauzahlen und den Mindestpreisen. Sicherlich, die Einschnitte durch das EEG haben auch zu dem Rückgang des Zubaus beigetragen. Aber die Mindestpreise eben auch. Insbesondere im Gewerbebereich sehen wir immer weniger Aufträge, weil wir in eine Schere gelaufen sind: Die Einspeisevergütung sinkt monatlich - zwar immer weniger, aber immer weiter. Die Modulpreise, die rund die Hälfte der Systempreise ausmachen, sind aber aufgrund der chinesischen Mindestimportpreisregelung seit knapp zwei Jahren etwa konstant geblieben. Daher haben unsere Kunden, unsere Handwerkspartner, immer weniger Gewerbeanlagen in den Auftragsbüchern. Da die Privatanlagen nicht zugenommen haben mussten in den letzten Jahren in Handel und Handwerk deutlich Arbeitsplätze abgebaut werden.

Es ist ja klar, dass der Zubau von den beiden Einflussfaktoren bestimmt wird: von dem, was man kriegt, und von dem, was man zahlt. Das gilt zumindest, soweit der Zubau von der erreichbaren Rendite abhängt. Das ist ja das eine. Eine andere Frage ist aber, was man richtig findet. Ist der verringerte Zubau ein Argument? Oder, ist es nicht einfach gerecht, Dumping mit Mindestpreisen und Zöllen zu entgegnen?

Das ist eine Frage des Blickwinkels. Ich betrachte die Erfahrungen der letzten zwei Jahre, die wir mit den Importzöllen gemacht haben. Diese sind eindeutig negativ. Wir haben auf der einen Seite das Problem, dass die Mindestimportpreise zu langsam und zu schwach kontrolliert wurden. Es gibt viele Umgehungstatbestände. Wir sehen seit 2013 links und rechts Angebote, bei denen die Mindestpreise umgangen werden müssen. Da wir uns an die Regeln und an die Vereinbarungen halten, verlieren wir Aufträge. Die schwarzen Schafe werden erst jetzt langsam bestraft. Aber das ist gar nicht der entscheidende Punkt. Wichtiger ist: In den letzten beiden Jahren ist der Weltmarkt gewachsen und dadurch sind die Produktionskosten gefallen. Trotzdem ist der Mindestpreis nicht mit nach unten gegangen, sondern auf einem Niveau geblieben oder zum Teil noch einmal angehoben worden....

... wegen der Abwertung des Euro gegenüber dem Dollar....

Das mag sein. Dieser Mindestpreis bildet jedoch unserer Meinung nach überhaupt keinen Mindestpreis ab, wie er sinnvoll wäre. Er wird auf einem Niveau berechnet, das sachlich nicht gerechtfertigt ist, weil die Berechnungsgrundlage falsch ist. Was hilft uns am Ende ein solcher Mindestpreis, wenn der Markt einbricht und wir einen Zubau von vielleicht einem Gigawatt haben? Es wurden bereits zehntausende Arbeitsplätze in Handwerk und Handel vernichtet. Diese Entwicklung muss aufhören.

Wie stark würden die Systempreise fallen, wenn man den Mindestpreis aufgeben würde?

Wie schnell sich welches Preisniveau einstellt, hängt natürlich immer auch daran, wie der Markt reagiert. Nach unserer Einschätzung könnte der Modulpreis zwanzig Prozent niedriger sein. Das sehen wir an einem Vergleich mit außereuropäischen Märkten. Das bedeutet, dass eine komplette Photovoltaikanlage rund zehn Prozent günstiger wäre.

Dann läge der Modulpreis bei rund 45 Cent pro Watt. EU Prosun hat uns im Interview gesagt, dass es überhaupt nicht möglich wäre, für diesen Preis ein Modul zu produzieren. Glauben Sie das?

Ich glaube das nicht. Nach unseren Informationen ist es sehr wohl möglich, zu Vollkosten mit diesem Preis Module zu produzieren. Es gibt noch einen Punkt, der uns in dieser Diskussion wichtig ist. Das ist die langfristige Perspektive. Wo wollen wir eigentlich hin? Die G7-Regierungschefs proklamieren den Ausstieg aus der kohlenstoffgestützten Energie und gleichzeitig verfehlen wir wahrscheinlich die Klimaziele für 2020. Warum? Weil der Ausbau der erneuerbaren Energien und insbesondere der Photovoltaik im Moment zu langsam vor sich geht. Das heißt, wir müssen Maßnahmen treffen, um dies zu korrigieren. Dazu gehört unserer Ansicht nach auch die Abschaffung der Zölle beziehungsweise Mindestpreise, damit der Photovoltaikmarkt wieder wächst.

Mein Eindruck ist, dass es für die Gegner der Mindestpreise keine oder keine so große Rolle spielt, ob es nun ein Dumping gibt oder nicht. Es geht hauptsächlich um die Auswirkungen auf den Markt. Ist mein Eindruck richtig?

Die Situation ist jetzt eine andere als vor zwei Jahren. Wir und viele, die das mit uns unterstützen, sagen: Die Zölle haben nichts gebracht. Sie waren für alle kontraproduktiv. Für Handel, für Handwerk und auch für die Hersteller. Welche Hersteller sind denn noch da? Wenige. Vielleicht hat der Mindestpreis Solarworld geschützt. Aber er hat viele andere Modul- und Zellenhersteller, die hier in Europa angesiedelt waren und aufgeben mussten, nicht geschützt. Das heißt, die Mindestpreise haben ihre Wirkung verfehlt. Die Zölle, beziehungsweise die Mindestpreise, haben den Markt so weit nach unten gebügelt, dass es auch die Hersteller getroffen hat. Deshalb sollte man dieses Instrument aufgeben.

Aber gibt es nun Dumping?

Die EU hat 2013 entschieden, dass Dumping vorliegt. Man kann aber darüber streiten, ob die EU-Definition von Dumping richtig ist. Man kann zudem darüber streiten, ob die damalige Analyse auf der richtigen Fakten- und Datenlage beruhte.  Ein Beispiel: Als Referenz für den nicht gedumpten Weltmarktpreis wurden indische Modulhersteller herangezogen. Das entspricht nicht unbedingt dem realen Weltmarktpreis. Außerdem muss man sich fragen, wo die Grenze zwischen Industriepolitik und Dumping verläuft. Als wir den Aufbau Ost gemacht haben, bei dem unter .anderem auch viele Zellen- und Modulfabriken in Ostdeutschland entstanden sind, wurden Löhne für ein halbes, teilweise ein ganzes Jahr bezahlt. Auch Grundstücke wurden günstig vergeben. Die daraus entstandenen günstigen Produktionskosten haben in einigen Branchen günstige Preise hervorgebracht. War das auch Dumping? Wenn jemand in den USA für ein Modul- oder Batteriewerk günstig Land bekommt und vielleicht auch staatliche Unterstützung und daraufhin den Markt mit günstigen Preisen aufrollt ist das dann Dumping? Außerdem sind Module heutzutage Massenware. Bei Handys fragen wir schon lange nicht mehr danach, wo diese hergestellt werden. Wir wissen, dass eigentlich alle aus Asien kommen. Dort ist die Werkbank für diese Technologien. So wird es auch über kurz oder lang auch im Modulsektor der Fall sein. Das sind globale Entwicklungen, die wir hier nicht im Einzelfall durch Zölle aufhalten können – so gerne wir Module made in Europe verkaufen.

Halten Sie es für wichtig und richtig, die deutsche Industrie in einer anderen Form zu unterstützen?

Das halte ich für sehr wichtig und ich bin an der Diskussion auch aktiv beteiligt. Im Vorstand des BSW-Solar machen wir uns seit einiger Zeit Gedanken, wie eine Industriepolitik für die Photovoltaikindustrie und die nachfolgenden Wertschöpfungsstufen aussehen kann. Das Thema bräuchte von der Bundesregierung mehr Aufmerksamkeit und man könnte einiges tun. Zum Beispiel  über eine bessere Unterstützung von Forschung und Entwicklung und durch besseren Zugang zu Kapital . Gerade dies könnte dazu dienen, Expansionen in allen Ebenen der Wertschöpfungskette zu erleichtern und Unternehmen zu erhalten.

Solarworld tritt offen auf und sagt, sie bräuchten die Mindestpreise. Andere Modulhersteller halten sich bedeckt. Mein Eindruck ist aber, dass viele die Einschätzung von Solarworld teilen und denken, dass sie ohne Mindestestpreise weg vom Fenster wären.

Da der Markt auf rund ein Gigawatt gesunken ist kann es schon sein, dass ein möglicher Wegfall des Mindestpreises bei dem einen oder anderen Hersteller für Ängste sorgt. Man darf aber nicht den Fehler machen, sich den Wegfall des Mindestpreises bei einem Markt von 1 Gigawatt vorzustellen. Wenn ich davon ausgehe, dass die Mindestpreise aufgehoben werden und sich der Markt dadurch mindestens verdoppelt, verbessert das sicherlich auch für einen Modulhersteller die Situation.

Das Gespräch führte Michael Fuhs


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