Wacker Chemie fordert Ende der Mindespreisregelung

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Der europäische Photovoltaik-Markt ist stark rückläufig und viele Arbeitsplätze sind in der Solarindustrie verschwunden. Dies liegt nach Ansicht von Ewald Schindlbeck, Präsident von Wacker Polysilicon, hauptsächlich an der derzeit geltenden Mindestpreisregelung oder den Ausgleichszöllen für chinesische Photovoltaik-Importe.

Symbolbild zum Handelsstreit

Wacker will ein Ende der Mindestimportpreise
Foto: EU-Kommission

pv magazine: Warum muss aus Ihrer Sicht die Mindestpreisregelung in der EU abgeschafft werden?
Schindlbeck: Die Mindestpreisregelung beziehungsweise die Entscheidung über Anti-Dumping- und Ausgleichszölle auf chinesische Solarimporte hat wesentlich zum Rückgang des europäischen Solarmarktes um rund 40 Prozent seit 2012 beigetragen. Damit einhergehend ist seit Einführung der Mindestpreisregelung rund die Hälfte der Jobs in der europäischen Solarindustrie verloren gegangen. Und nicht zuletzt waren die PV-Installationen, die in dieser Zeit getätigt wurden, dann teurer als sie hätten sein müssen. Stromkonsumenten und diejenigen, die PV-Systeme installieren, tragen diese zusätzlichen Kosten. Im gerade abgeschlossenen Piloten der Bundesnetzagentur zur Ausschreibung von PV-Freiflächenanlagen lag das günstigste Gebot bei 8,48 Eurocent pro Kilowattstunde. Ohne Preisbindungen wären heute wahrscheinlich schon deutlich unter 8 Cent pro Kilowattstunde erreichbar.

Wie kommen Sie zu dieser Abschätzung?
Das Schrumpfen des Marktes ist auf das verzerrte Verhältnis von Erlösen zu Kosten von Solarstrom zurückzuführen. Die Erlöse von neuen Anlagen sinken kontinuierlich, einerseits durch Reduktion der Einspeisevergütungen und andererseits durch Belastung des eigenverbrauchten Stroms. Das wäre an sich kein Problem, wenn die Kosten des Solarstroms im gleichen Maße sinken dürften. Weltweit tun sie dies auch – aber eben nicht in Europa, da hier die Preise für Solarmodule fixiert sind und nicht der weltweiten sehr dynamischen Senkung der Herstellkosten folgen können. Daher sind viele neue Anlagen in Europa unwirtschaftlich, der PV-Markt ist folglich stark zurückgegangen. Weitreichende Arbeitsplatzverluste sind die unmittelbare Folge.

Aber die Preise für Solarmodule sind doch nicht gleich die Kosten für eine Photovoltaik-Anlage.

Das ist richtig. Die Preise eines Solarsystems setzen sich zur einen Hälfte aus dem Modulpreis und zur anderen Hälfte aus dem sogenannten Balance-of-System-Anteil (Wechselrichter, Gestelle, Planung, Installation, usw.) zusammen. Das Problem ist, dass die sinkenden Modulkosten momentan in der EU nicht als sinkende Modulpreise an die Verbraucher weitergegeben werden dürfen, gleichzeitg aber die Einspeisevergütung abnimmt. Dass die Systempreise überhaupt noch mit dem Einspeisetarif mithalten konnten, ist im Wesentlichen der Tatsache zu verdanken, dass die BOS-Preise in den letzten beiden Jahren nachgegeben haben – mit der Folge, dass jetzt in diesem Segment Arbeitsplätze abgebaut werden. Erst wenn die Modulpreise in Europa wieder ihrer Kostenlernkurve folgen dürfen, können auch die Systempreise wieder fallen.

Wie sieht es mit den Produktionskosten im Vergleich zwischen europäischen und asiatischen Herstellern aus?

Neben dem generellen Markteinbruch gibt es noch einen Sondereffekt für die europäische Beschäftigung zu berücksichtigen. Europa ist bei der Herstellung von Modulen bezüglich der verfügbaren Kapazitäten schwächer aufgestellt als Asien und auch kostenmäßig im Rückstand. Erst zu Beginn dieses Jahres hat ein deutsches Unternehmen entschieden, zukünftig Zellen nicht mehr in Deutschland zu produzieren, sondern in Malaysia. Die einfache Begründung war: Dort sind die Produktionskosten nur halb so hoch wie in Deutschland. Selbst für den inzwischen sehr stark zurückgegangenen PV-Zubau in Europa sind wir noch immer auf den Import des überwiegenden Teils der installierten Module angewiesen. Im Bereich BOS, der personalintensiver als die Modulfertigung ist und auf lokaler Wertschöpfung basiert, sind wir in Europa aber führend. Durch die Fixierung der Modulpreise lastet der gesamte Druck zur Senkung der Systempreise in Europa auf den BOS und trifft diesen klassischen europäischen Bereich doppelt hart. Das Ergebnis ist die beschriebene Halbierung der Beschäftigung. Im Gegenzug würde die Abschaffung von Mindestpreisen und Zöllen den europäischen PV-Markt unmittelbar ankurbeln und sofort für mehr Beschäftigung im Sektor sorgen.

In den USA gibt es schon länger Importzölle auf chinesische Solarmodule, was die Preise steigen lässt. Dennoch wächst der Markt und wird dies nach Expertenmeinung auch in diesem Jahr weiter tun. Was ist der Unterschied zu Europa?
In den USA kommt bislang der weitaus größere Preisanteil eines PV-Systems von den sogenannten „Soft Costs“ und den BOS-Kosten. Die Gebühren und Preise für den Planungsprozess, den Genehmigungsprozess und die tatsächliche Installation sind dort also wesentlich höher als in Europa. Bislang konnte durch eine Kostensenkung dieser Bereiche der durch Zölle verteuerte Modulpreis überkompensiert werden. In Summe sind also die Systempreise in den USA kontinuierlich gesunken. Außerdem liegt der US-Zollsatz auf chinesische Module heute, je nach Hersteller, zwischen 11 und 18 Prozent. Damit können Modulpreise in den USA zumindest – mit dem Strafzoll als Preisaufschlag – der stattfindenden Kostenentwicklung folgen. Aber natürlich zahlt auch dort der Verbraucher mehr als nötig wäre.

Inwiefern wird Ihre Haltung durch die Importzölle auf Silizium in China beeinflusst?

Die vorher genannten Argumente zum Arbeitsplatzverlust und Kostenbelastung in Europa gelten a priori völlig unabhängig von Handelskonflikten über Polysiliziumimporte nach China. Der vorher erwähnte Rückgang des europäischen Installationsmarktes betrifft Wacker aber insoweit, als er weltweit die Nachfrage nach Polysilizium verringert. Das Ziel von Wacker ist die Abschaffung aller Mindestpreisvereinbarungen und Importzölle. Die Energiewende sowie der Klimaschutz in Europa und weltweit erfordern, dass die Stromgestehungskosten der Erneuerbaren stetig weiter sinken. Die PV-Industrie hat gerade durch ihre Globalisierung diesbezüglich Enormes geleistet und ist auf dem Weg, zur preiswertesten Energieerzeugungsform zu werden. Das gefährden wir nun, in dem wir durch Maßnahmen wie Zölle oder Mindestpreise die Kosten künstlich erhöhen.

Aber weltweit wächst der Photovoltaik-Markt und so müsste doch auch insgesamt die Nachfrage nach Polysilizium steigen?
Ja, das stimmt. Aber die Nachfrage nach Polysilizium in Europa ist seit Beginn der Diskussion um die Strafzölle deutlich zurückgegangen. Wir hatten ja in Europa bereits knapp 20 Gigawatt an Neuinstallationen und sind nun auf rund 9 Gigawatt im letzten Jahr zurückgefallen. Das heißt, mehr Installationen in Europa würden mehr auch Nachfrage nach Polysilizium, aber auch nach anderen lokalen Produkten wie beispielsweise Wechselrichtern, Montagegestellen, Kabelverbindungen, Handwerkerleistungen und Finanzierungen bewirken. Außerhalb Europas findet, wie Sie sagen, selbstverständlich ein Wachstum statt.

Sie haben eine ähnliche Vereinbarung wie das Undertaking mit der chinesischen Regierung geschlossen. Wäre diese gefährdet, wenn die Mindestpreise für die chinesischen Hersteller in Europa auch nach dem 7. Dezember weiterlaufen?

Nein. Wir haben durch unsere Mindestpreisvereinbarung mit dem chinesischen Handelsministerium unsere Lieferfähigkeit nach China sichergestellt. Damit können unsere Kunden auch weiterhin qualitativ hochwertiges Polysilizium nach China einführen.

EU Prosun hat bereits angekündigt, bis zum Herbst eine Überprüfung des Undertakings zu beantragen. Dann könnte die Regelung weiterlaufen. Zudem ist eine Anti-Circumvention-Klage bei der EU eingereicht worden, die eine Ausweitung des Undertakings nach sich ziehen könnte. Was planen Sie, um Ihrem Ziel näher zu kommen und ein Ende der Mindestimportpreise zu erreichen?
Ich denke, ein überwältigender Teil der Solarbranche hat in den vergangenen knapp zwei Jahren die negativen Auswirkungen der Mindestpreisvereinbarungen erkannt oder sogar im eigenen Unternehmen schmerzlich erfahren müssen. Wir werden nicht müde werden, unsere oben erläuterte Position und unsere Argumente aktiv nach außen zu vertreten. Dies tun wir gegenüber der Öffentlichkeit genauso wie gegenüber der Politik und den zuständigen Ministerien national und international. Es geht um die Zukunft der Solarenergie in Europa, es geht um Klimaschutz und Arbeitsplätze. Und es geht um die Solarindustrie in Deutschland und Europa. Dafür kämpfen wir. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Politik und Verwaltung den handfesten Argumenten positiv gegenüber stehen – sobald sie von den betroffenen Unternehmen in transparenter Weise dargelegt werden.

EPIA, wo Wacker im Board vertreten ist, hat sich auch erstmals im Handelsstreit klar positioniert und für ein Auslaufen des Undertakings ausgesprochen. Inwiefern war und ist dies wichtig?
Das ist natürlich positiv zu werten. Die Position von EPIA als dem Interessensvertreter der europäischen Solarindustrie zeigt jetzt, was die große Mehrheit der europäischen Industrie wirklich zum Thema Handelsstreit denkt – nämlich dasselbe wie Wacker. Zölle und Mindestimportpreise sind schädlich für das Florieren der Photovoltaik in Europa und sollten auslaufen. Dieses Votum des europäischen Solarverbandes wird hoffentlich von der Politik zur Kenntnis genommen und bei ihren Entscheidungen berücksichtigt.

Glauben Sie, dass auch ohne Mindestpreisregelung ein fairer Wettbewerb in Europa möglich ist?
Selbstverständlich. Mindestpreisregelungen fördern nicht den fairen Wettbewerb, sie schaden ihm. Sie nutzen einer kleinen privilegierten Minderheit auf Kosten der Käufer von PV-Modulen und zu Ungunsten aller anderen Marktteilnehmer. Wir haben in Europa viele Firmen in der Solarbranche, die in ihrem Segment, wie etwa bei den Wechselrichtern, an der Weltspitze stehen. Diese Unternehmen leiden unter der aktuellen Situation in Europa, weshalb ihnen in Zukunft wieder unbedingt die Chance eingeräumt werden muss, in Verbindung mit hoch leistungsfähigen und preislich attraktiven Modulen – unabhängig vom Herkunftsland – ihr volles Potenzial auch in Europa zu entfalten.

Welche Auswirkungen erwarten Sie auf den Photovoltaik-Zubau in Deutschland und Europa, wenn die Mindestpreisregelung im Dezember enden würde?
Ein Auslaufen von Mindestpreisvereinbarung und Zöllen würde dem PV-Markt in Europa umgehend Wachstumsimpulse geben und Arbeitsplätze schaffen. Nehmen wir Deutschland als Beispiel. Aufgrund des mehr als verhaltenen Zubaus der vergangenen Monate ist für dieses Jahr ein Zubau von rund 1,0 bis 1,5 Gigawatt zu erwarten. Durch Abschaffung der Mindestpreise und Anpassung der Modulpreise auf Weltmarktniveau könnte Deutschland wieder sein politisch gewolltes Ausbauziel von 2,5 Gigawatt pro Jahr erreichen. Dadurch würden allein im Bereich Installation zusätzlich 8000 bis 9000 nachhaltige Arbeitsplätze entstehen. Ganz parallele Effekte würden Sie in vielen EU-Mitgliedsstaaten beobachten. Und nicht zuletzt wird damit der Einfluss der Photovoltaik auf eine steigende EEG-Umlage minimiert.

Gäbe es andere Möglichkeiten als den Mindestpreis, um die europäische Solarindustrie im Wettbewerb mit China zu stärken?
Die Energiewende und der Ausbau der Photovoltaik bieten ein weites Wachstumsfeld für innovative europäische Unternehmen. Nehmen Sie als Beispiel die staatliche Förderung von Stromspeichern im Privatbereich. Hier wird durch eine sehr einfache Maßnahme letztlich die Investition in eine integrierte Stromversorgung mit PV-Anlage, Speicherung und intelligenter Steuerung angestoßen. Und dass eine solch maßgeschneiderte Lösung letztlich von heimischen Unternehmen realisiert wird, ist ja offensichtlich. Man kann aber auch eine Reihe von Rahmenbedingungen deutlich verbessern, die der Solarindustrie im internationalen Wettbewerb helfen würden. Das betrifft Bereiche wie Finanzierung, wettbewerbsfähiger Zugang zu Einsatzfaktoren wie Energie oder Rohstoffen, Forschung und Entwicklung oder auch Verlässlichkeit bezüglich Regulierungsänderungen. Wenn wir uns darauf konzentrieren, braucht uns vor dem globalen Wettbewerb nicht bange zu sein.

Die Fragen stellte Sandra Enkhardt.


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