Muttis Bester

Kategorie: 12 / 2009, Politik & Gesellschaft Lars Westermann

Umweltpolitik: Der neue Umweltminister Norbert Röttgen ist Jurist und gilt als Wirtschaftsexperte. Nun muss der Merkel-Vertraute aufs Umweltressort umschulen.

Norbert Röttgen vor dem Reichstag. Hier fühlt er sich wohl. Den BDI-Vorsitz hat er dafür ausgeschlagen.
Foto: CDU/Norbert Röttgen

Röttgen (rechts) bei seinem Praktikum als Fernsehreporter des SWR-Studios Tübingen.
Foto: SWR

Das Kamerateam hat schnell aufgebaut. Es ist ein tagesaktuelles Interview – soll noch am selben Tag gesendet werden. Norbert Röttgen knöpft sich das Sakko zu und wartet, bis der Kameramann die endgültige Einstellungsgröße festgelegt hat und die Lampen richtig ausgerichtet sind. „ So, wir sind so weit“, sagt der Mann hinter dem Sucher. „Kamera läuft.“ „Prima“, sagt Norbert Röttgen und stellt sich neben die Kamera. Vom Textilunternehmer Arndt-Dieter Rösch möchte er gerne wissen, warum er am Standort Deutschland festhält. Der Politiker Norbert Röttgen als Reporter-Praktikant für einen Tag beim SWR-Studio Tübingen, zu sehen auf YouTube. Alles, was er an diesem Tag macht, macht er zum ersten Mal.

Inzwischen hat Norbert Röttgen einen richtigen Job. Er hat einen Vierjahresvertrag bei der Bundesrepublik Deutschland unterschrieben. Und es ist nicht bösartig zu behaupten, dass ihm seine neue Tätigkeit als Bundesumweltminister ähnlich fremd vorkommen wird wie seine Rolle als Reporter des SWR-Regionalfernsehens. Als Umweltpolitiker ist der kleine Mann mit der gebückten Haltung bislang nicht aufgefallen. Norbert Röttgen ist Jurist. 1993 erhielt der damals 28-Jährige seine Zulassung als Rechtsanwalt, 2001 promovierte er über den Europäischen Gerichtshof. Im gleichen Jahr wurde er Bundesvorsitzender des Arbeitskreises Christlich-Demokratischer Juristen. Von 2002 bis 2005 war er rechtspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Und nun also Bundesumweltminister.

Noch wenig Begeisterung

Die Umweltverbände sind bislang wenig begeistert vom neuen Mann im Umweltministerium. Das kann sich ändern, wie das Beispiel Gabriel gezeigt hat. Norbert Röttgen gilt als industrienah. Im Mai 2005 wird bekannt, dass er Hauptgeschäftsführer des BDI werden soll. Erst kurz zuvor hat Angela Merkel ihn zum parlamentarischen Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion bestimmt. Norbert Röttgen, damals noch keine 40 Jahre alt, wirkt etwas unentschlossen. Den Job beim BDI will er annehmen, sein Bundestagsmandat aber behalten. Lediglich seine Funktion in der Fraktion will er aufgeben. Es hagelt Proteste. Ein Cheflobbyist mit einem Bundestagsmandat? Sogar die ehemaligen BDI-Präsidenten Hans-Olaf Henkel und Michael Rogowski raten Röttgen dringend zum Mandatsverzicht. Der aber entscheidet sich anders. Er gibt dem BDI einen Korb, behält sein Mandat und rettet auch noch seine Position als Fraktionsgeschäftsführer. Norbert Röttgen möchte lieber Politiker sein. Zweifellos liegt da auch sein Talent. Die Hauptstadtjournalisten schätzen den stets gut gelaunten Rheinländer Röttgen. Er gilt als umgänglich und intelligent. Viele Korrespondenten freuen sich auf Röttgens Reden. Sie haben Struktur, sind sprachlich gewandt und Röttgen weiß eine Pointe gut zu setzen. Eindrucksvoll zu erleben war das bei seiner Antrittsrede am 11. November im Bundestag. Der neue Umweltminister von der CDU schaffte es tatsächlich, Applaus von SPD und Grünen zu bekommen. Auch wenn er wenig konkret wurde, war ihm anzumerken, dass ihn das Thema Klimawandel wirklich bewegt. Deutschland soll Vorreiter sein.

„Kopenhagen muss ein Erfolg werden, aus sich heraus, es gibt keinen Plan B“, sagte Röttgen da. Wie es jetzt aber konkret weitergehen soll mit der Umweltpolitik, dazu ist im Ministerium noch nicht viel zu hören. Was wird jetzt aus dem Atomausstieg und der Suche nach einem Endlager? „Noch kein Kommentar“, heißt es aus der Pressestelle. Man müsse sich da erst einen Überblick verschaffen und einen Standpunkt erarbeiten. Was wird mit EEG, Einspeisevergütungen und Förderung der Photovoltaik? „Noch kein Kommentar!“ Wie geht es weiter mit Braun- und Steinkohle? „Jetzt steht erst einmal Kopenhagen an, das ist das Wichtigste, danach können wir über alles andere reden.“ Norbert Röttgen selbst gibt aber eine klare Richtung vor: „Kernenergie ist eine Brückentechnologie, jede Brücke hat einen Anfang und ein Ende, Kernenergie wird abnehmen. Erneuerbare Energien sind unendlich, wir müssen Schritte unternehmen, um sie voranzutreiben.“ Noch sagt er nicht, wie das umgesetzt werden soll und wie sich das mit der wahrscheinlichen Aufkündigung des Atomkonsenses verträgt. Der Wirtschaftsmann Röttgen weiß aber auch: Geld verdient man heute nicht unbedingt auf Kosten der Natur, zumindest nicht in Deutschland. „Klimaschützende Verfahren und Produkte werden der Exportschlager der deutschen Industrie werden.“

„Ich hätte nicht gedacht, dass das so viel Arbeit ist“, sagt Praktikant Röttgen am Schneidetisch beim SWR. Bei der Produktion seiner Nachrichtenminute über ein schwäbisches Familienunternehmen hat ihn vieles überrascht. Vor allem aber der Aufwand: Recherche, Bildauswahl, ein passender Text zu den Bildern, die Vertonung seines Stückes, das alles ist an einem Tag für den Anfänger kaum zu schaffen. Vermutlich geht es ihm im Umweltministerium gerade ähnlich. Denn Norbert Röttgen hatte bereits einmal umgeschult, von Jura auf Wirtschaft. Nach dem Abgang von Friedrich Merz wurde er als Wirtschaftskopf der Union aufgebaut und so sah er sich vermutlich selbst bis vor wenigen Wochen. Und jetzt also wieder alles neu.

„Ich habe mir das Ressort gewünscht“, verriet Norbert Röttgen dem Bonner Generalanzeiger. Aber das ist wohl nicht ganz die Wahrheit. Dass nach einem Wahlsieg der Union etwas aus ihm werden sollte, das stand schon länger fest. Der Mann aus Nordrhein-Westfalen ist sehr nah an der Kanzlerin. Sie fördert ihn. Ihn und noch einige andere jüngere, als liberal geltende Abgeordnete, wie zum Beispiel Ronald Pofalla. Röttgen honoriert das Vertrauen der Kanzlerin mit Loyalität, Fleiß und beeindruckenden Auftritten, bei denen er nicht vergisst, Angela Merkel zu loben. In Berlin nennen ihn daher viele „Muttis Besten“, andere auch „Muttis Schoßhündchen“. Röttgen wurde als Kanzleramtsminister gehandelt, andere sahen ihn im Wirtschafts- oder Arbeits-und Sozialministerium.

 

Fernsehkarriere möglich

Ein Berliner Beobachter ist der Meinung, dass Norbert Röttgen genau da gelandet ist, wo die Kanzlerin ihn von Anfang an haben wollte. Seine positive Haltung zur Klima- und Umweltpolitik ist glaubwürdig, sie speist sich aus seiner christlichen Weltanschauung. Die Bewahrung der Schöpfung ist für Röttgen ein Auftrag an die Menschheit. Gleichzeitig soll er aber auch neue Wähler gewinnen und Brücken bauen. Angela Merkel ist klar, dass das Thema Umwelt- und Klimaschutz noch an Bedeutung gewinnen wird. Auf dem Feld konnte die Union bislang nicht glaubwürdig punkten. Deshalb möchte sie im Umweltministerium einen Vertrauten haben, dem sie den Job auch wirklich zutraut. Darüber hinaus gehörte Norbert Röttgen zu jener legendären Pizza-Connection, in der sich in den späten neunziger Jahren junge Abgeordnete aus der CDU und von den Grünen regelmäßig zum Gedankenaustausch beim Italiener trafen. Schwarz-Grün? „Warum nicht?“, ist Röttgens Kommentar dazu. Neue Wähler und neue Koalitionen, auch das steckt hinter der Entscheidung, dem Wirtschaftsmann Röttgen das Umweltministerium anzuvertrauen.

Fernsehpraktikant Röttgen möchte noch ein paar Aufnahmen vom Betriebskindergarten der Firma Rösch machen. Kinder und Tiere machen sich immer gut im Fernsehen. Reporter Röttgen rollt auf einem Dreirad durchs Bild. Der Mann kann sich in Szene setzen. Auch mit der Regierolle klappt es schon ganz gut. Stand er bislang interessiert beobachtend neben der Kamera, gibt er jetzt bereits Anweisungen für Schwenks und Zooms. Allmählich scheint er ein Bild davon zu bekommen, was er hier macht und was dabei herauskommen soll.

Vieles spricht dafür, dass das Umweltministerium nicht die letzte Station des Norbert Röttgen ist. Erstens ist er dafür zu jung und zweitens glauben viele, dass die Kanzlerin und Parteivorsitzende Größeres mit ihm vorhat. Der Mann ist gebildet, freundlich und umgänglich. Er bewegt sich sicher auch auf schwierigem Gelände. Er hat Überzeugungen, ist aber nicht intolerant. Norbert Röttgen spricht mit allen und das macht ihm sichtlich Spaß. Seine Antrittsrede im Bundestag beendete er mit der Bitte um eine harte aber konstruktive Auseinandersetzung in der Sache und um Unterstützung bei den Dingen, die Konsens unter Demokraten und Umweltpolitikern sind. Das klang ernst und ernstgemeint. Deshalb sind nicht wenige Berliner Beobachter der Ansicht, dass Angela Merkel hier ihren Nachfolger aufbaut. Auch die Kanzlerin war einst Umweltministerin.

Am Ende seines Praktikums als Fernsehreporter wirkt Nobert Röttgen ziemlich erschöpft. Eine Minute Regionalfernsehen ist produziert. Der Inhalt dürfte ihm gefallen. Das Textilunternehmen Rösch bleibt in Deutschland, weil es hier klare Standortvorteile sieht. Es ist ein Vorzeigeunternehmen mit Kindergarten und Engagement in der Region. Röttgen sieht zufrieden aus mit seiner Leistung. Redaktionsleiter Reinhold Baisch ist es ebenfalls: „Ich bin überrascht, wie schnell er gelernt hat, dass die Bildsprache eine andere Sprache ist, als wenn man nur redet.“ Baisch möchte Röttgens Beitrag senden. Norbert Röttgen lernt schnell. Das ist gut, denn er wird nicht viel Zeit haben, sich in sein neues Ressort einzuarbeiten.

 


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