Lieber ohne Risiko

Kategorie: 04 / 2011, Fachwissen & Technik Michael Fuhs

Qualitätssicherung: Wer große Mengen Module kauft, beauftragt oft ein Extra-Audit der angebotenen Produkte und ihrer Hersteller. Eine Checkliste zeigt den Investoren, was dabei wichtig ist. Installateure können sie zum Beispiel benutzen, um ihre Lieferanten auszufragen.

Wer Qualität kaufen will, muss mehr als ein Dutzend Fragen stellen. Foto: pixelio/Rainer Sturm

Wer Qualität kaufen will, muss mehr als ein Dutzend Fragen stellen. Foto: pixelio/Rainer Sturm

So sieht der Auswertungsbogen der Risikobewertung aus. Je weiter sich die schwarzen Balken nach rechts ziehen, desto geringer ist das Risiko

So sieht der Auswertungsbogen der Risikobewertung aus. Je weiter sich die schwarzen Balken nach rechts ziehen, desto geringer ist das Risiko

Kurz vor Feierabend enthüllt Jürgen Arp ein Modul, das ihn begeistert: „So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt der Gründer des PV Lab Germany, eines Prüfinstituts in Potsdam. Flecken, wohin man auf dem Modul blickt. Sie breiten sich kreisförmig aus und wachsen in kleinen Ästen, die sich verzweigen. Die Rückseitenfolie leuchtet knallgelb. Das sieht zwar schön aus, war aber so nicht gedacht und ist daher ein besorgniserregender Alterungseffekt an dem erst zwei Jahre alten Modul. Ein Betreiber hat es von seiner Anlage abmontiert und zur Begutachtung geschickt.

Böse Überraschungen lassen sich nie ganz vermeiden. Ein großer Teil von Arps Arbeit besteht jedoch darin, die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass ein Investor sie erlebt. Niemand kann mit Sicherheit sagen, ob die heute verkauften Module wirklich 20 Jahre oder länger halten. Bei den Modultests, die zum Beispiel photovoltaik veröffentlicht, steht zwar die Alterungsbeständigkeit auf dem Prüfstand (siehe Ausgabe 02/2011). Aber 100-prozentige Sicherheit bieten die Ergebnisse auch nicht. Um das Risiko mit einem Produkt abzuschätzen, lohnt sich deshalb auch ein Blick in die Produktion der Hersteller und auf die Materialien.

Dafür hat Jürgen Arp eine Systematik entwickelt. Nach einem Kriterienkatalog sollen Investoren schnell entscheiden können, ob es sich lohnt, sich weiter mit einem Angebot zu beschäftigen. Auch Banker dürfte es interessieren, um die Kreditwürdigkeit eines Projekts einzuschätzen. Und auch für Installateure, für die er im Übrigen auch viele Prüfungen macht, hat Arp einen Tipp: „Fragen Sie doch Ihren Händler nach den Kriterien aus der Risikobewertung.“

Da gibt es zum Beispiel den Punkt Rückseitenfolie. Auch einfache Polymerfilme können die notwendigen IEC-Normen erfüllen und ein Zertifikat bekommen. Doch das Risiko von späteren Schäden ist geringer, wenn Hersteller die Folien nicht nach der Norm, sondern nach verschärften Bedingungen testen. Das tun übrigens auch schon viele Modulhersteller (siehe photovoltaik 06/2010). Noch besser ist es allerdings, wenn die Rückseitenfolie aus mehreren Schichten und bestimmten Materialien besteht.

In Arps Tabelle gibt es für die Rückseitenfolien wie für jede Kategorie fünf Bewertungsmöglichkeiten von einem Stern bis zu fünf Sternen. Für die einfache Folie gibt es einen, für „dreischichtige Laminate mit extrudiertem Fluorpolymer auf beiden Deckseiten“ fünf Sterne. Den Mittelwert gibt es für die Methode, die derzeit als das gilt, was er als „industriellen Mainstream“ bezeichnet.

Am Ende fasst er die Bewertungen aller 17 technischen Kategorien in einem Balkendiagramm zusammen. „Je größer die schwarze Fläche ist, umso geringer ist das Risiko, dass es später zu Schäden kommt“, sagt Arp. Er legt Wert darauf, dass das kein exaktes wissenschaftliches Verfahren ist, nach dem man von der Antwort einer einzelnen Kategorie auf einen späteren Schaden schließen kann. Denn es gilt das Gleiche wie bei den Modultests: Die absolut sichere Zukunftsprognose gibt es nicht. Im Einzelfall kann die Bewertung sogar ungerecht sein, weil ein IEC-Zertifikat auch eines noch nicht so etablierten Prüfinstituts gründlich und mit viel technologischem Hintergrund-Know-how gemacht worden sein kann. Trotzdem bewertet Arp die Zertifikate von den Instituten höher, die schon lange Zeit im Geschäft sind. Das sei eben ein statistisches Verfahren. Die einzelnen Kriterien haben zwar jedes für sich eine gewisse Evidenz dafür, ob das Risiko höher oder niedriger ist, es gibt aber keinen eindeutigen Kausalzusammenhang. Fasst man die Ergebnisse der 17 Punkte zusammen, sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Ergebnis wirklich eine brauchbare Einschätzung gebe.

Erfinderische Realität

Für besonders wichtig hält Arp die Kategorie „Bill of Material“, kurz BoM. Das ist die Stückliste des Herstellers, in der er angibt, welche Komponenten und Materialien er für den Modultyp verwendet. Denn was helfen etwa fünf Sterne bei der Rückseitenfolie, wenn die gelieferten Module später ganz andere Materialien enthalten? Solch eine Materialienliste ist zwar keine Gewähr dafür, dass sie der Hersteller einhält, aber man kann sich zumindest darauf berufen, wenn man hinterher bemerkt, dass die gelieferten Module andere Rückseitenfolien haben. „Das ist besonders bei unbekannten Herstellern wichtig“, sagt Arp. Sein Bewertungsverfahren soll verhindern, dass die Produkte eines Herstellers viele unterschiedliche Komponenten enthalten und eine sehr große Varianz haben. 

In der Realität ist das keine Seltenheit. Bei einem Drei-Megawatt-Solarpark, für den Arp das Auditing übernommen hat, hatte sich der Investor mit dem Modulproduzenten auf zwei Materialstücklisten geeinigt. Geliefert wurden aber Module mit vier verschiedenen Rückseitenfolien. Da der Investor deren Haltbarkeit bezweifelte, hielt er einen Teil des Geldes zurück. „Es hat sich gelohnt, denn kurz nach Inbetriebnahme haben wir schon optische Schäden an den Modulen gefunden“, sagt Arp. „Da noch nicht alles bezahlt war, konnte der Investor besser mit dem Lieferanten verhandeln.“ Bei kleineren Projekten hat der Investor oder der Installateur zwar nicht die Möglichkeit, eine Materialliste vom Hersteller zu verlangen. Händler, die große Stückzahlen abnehmen, könnten es aber tun.

Genauer nachfragen

In der Tat untersuchen viele Handelsunternehmen die Produkte, die sie in das Sortiment aufnehmen. Hawi Energietechnik führt zum Beispiel an Modulen Ertragsmessungen durch und fragt die Hersteller nach einer internen Checkliste aus. „Wir lassen uns zum Beispiel die IEC-Zertifikate erklären“, sagt Knut Hamann, Leitung Einkauf, Technik und Produktmanagement. Dabei will er sie nicht nur sehen, sondern auch wissen, wie lange es gedauert hat, sie zu bekommen, und ob es Probleme gab. „Wenn sie uns die Prüfungsberichte zeigen, können wir den Angaben vertrauen. Manchmal ist das aber nicht der Fall. Dann müssen wir genauer nachfragen“, sagt er. Wie in Jürgen Arps Liste spielt zum Beispiel auch eine Rolle, von welchem Prüfinstitut das Zertifikat kommt. „Für den europäischen Markt sehen wir gerne europäische Zertifikate“, sagt er.

Auch er ermuntert Installateure, bei ihren Händlern nach den Audits zu fragen. „Wir beantworten die Fragen auch, wenn sie nur eine Fünf-Kilowatt-Anlage kaufen.“ Hamann hat im Übrigen die Erfahrung gemacht, dass viele Installateure die Vertrauenswürdigkeit eines Herstellers danach bestimmen, wie lange es ihn schon gibt. „Sie sind auch oft bereit, dafür mehr zu zahlen“, sagt er.

Auch für Audits im Auftrag der Investoren und Banken, die Kredite gewähren sollen, arbeiten Gutachter schon seit längerem nach ähnlichen Kriterien. Zum Beispiel der TÜV Rheinland. Willi Vaaßen, Geschäftsfeldleiter Regenerative Energien, hält die Risiko-Checkliste für einen guten Ansatz. Banken hätten zum Beispiel Weiß- und Schwarzlisten, und er habe den Eindruck, dass Module oft nur aufgrund eines Bauchgefühls eingruppiert würden. Dafür hält er es für denkbar, anhand einer solchen Liste zum Beispiel eine VDI-Richtlinie zu erarbeiten. „Eine Checkliste kann helfen, die Entscheidung zu objektivieren“, sagt er.

Auch Knut Hamann hält den Ansatz der Risikobewertung für sehr sinnvoll und würde es begrüßen, wenn es dazu eine Richtlinie gäbe. „Dann müsste ich in meinen Präsentationen nicht immer alles so genau beschreiben, sondern könnte darauf verweisen.“

Hersteller zugeknöpft

Das könnte außerdem helfen, den Druck auf die Hersteller zu erhöhen, die erforderlichen Angaben zu machen. Denn darin sieht er noch ein Problem. Bei den heutigen Produktionsmengen hat es auch ein Handelsunternehmen wie Hawi schwer, das auf sechs Lieferanten verteilt pro Jahr Module über 100 bis 200 Megawatt kauft, die notwendigen Informationen zu beschaffen. Auch die wichtige Bill of Materials zähle oft zu den Firmengeheimnissen. Das könnte sich allerdings bald ändern, wenn es wieder ein Überangebot an Modulen gibt.

Was die Informationsbeschaffung angeht, unterscheidet Jürgen Arp in seiner Risikobewertung, welche Qualität unterschiedliche Quellen haben. Wenn der Hersteller die nötigen Angaben macht, ist das schon mal gut. Mehr zählt es jedoch, wenn die Bewertung von einem qualifizierten unabhängigen Dritten gemacht wird. Damit das transparent ist, gibt es auch dafür eine Definition. Qualifiziert ist, wer eine berufliche Praxis von mehr als drei Jahren in relevanten Fachgebieten hat. Es dauert zwei bis drei Tage für solch einen qualifizierten Gutachter, der Hintergrundwissen über die Branche hat, die Liste auszufüllen. Das lohnt sich deshalb erst ab Anlagen von etwa 100 Kilowattpeak aufwärts. Wie so oft im Leben geht es mit mehr Aufwand noch besser: Der unabhängige Dritte kann sich das beste Bild machen, wenn er den Hersteller besucht und sich im Rahmen eines Audits ein Bild vor Ort macht.

Außer den Rückseitenfolien sind für die Qualitätsprüfer auch Informationen über die EVA-Einbettungsfolien sehr wichtig. „Dass die Qualität sehr von der verwendeten EVA-Folie abhängt, wird viel zu wenig wahrgenommen“, sagt Arp, EVA-Folien liegen zwischen den Zellen und der Rückseitenfolie und zwischen den Zellen und dem Vorderglas. Die einzelnen Polymerfäden in der Folie vernetzen sich beim Laminieren und halten so das Modul zusammen. Es gibt auch für die EVA-Bewertung keine eindeutigen Methoden, mit denen man das Verhalten einer Folie im 20-jährigen Outdoor-Einsatz sicher vorhersagen kann. Deshalb bewertet Arp, wie lange ein Hersteller schon am Markt ist. Drei Sternchen gibt es, wenn ein Folienhersteller länger als zehn Jahre auf dem Markt präsent ist und keine Qualitätsprobleme bekannt sind. Es ist zum Beispiel ein Qualitätsproblem, wenn sich die Folie im Laufe der Zeit verfärbt oder wenn sie delaminiert. Das ist das, was Arp „industriellen Mainstream“ nennt. Mehr als drei Sternchen gibt es in der Kategorie nicht, da noch nicht klar ist, mit welchen Verfahren sich die Qualität weiter verbessern lässt. 

Arp bewertet noch viele weitere neuralgische Punkte, die etwas darüber aussagen, ob man Vertrauen in ein Modul haben kann. Dazu gehören etwa die Glasqualität und die Glasbehandlung, der Lötprozess, die Leistungsmessung und die Anschlussdose. Besonders wichtig ist ihm auch, wie der Service aufgestellt ist. Nur einen Stern bekommt, wer keine inländische Niederlassung hat, fünf Sterne bekommt, wer ein inländisches Team hat, das außerdem richtig ausgestattet ist. In Zukunft werden noch Kriterien hinzukommen, die die wirtschaftliche Situation des Herstellers beleuchten, da diese für eine Kreditvergabe sehr wichtig ist. u Michael Fuhs

Auf www.photovoltaik.eu finden Sie die vollständige Kriterienliste der Risikobewertung von PV Lab (Webcode 0021). Die Liste wird regelmäßig aktualisiert. Die aktuellste Version finden Sie in Zukunft unter www.pv-lab.de.

Modul-Risikobewertung für Leser

Schreiben Sie uns, für welche Modultypen Sie sich interessieren. photovoltaik wird die am häufigsten genannten Typen für eine Übersicht auswählen und eine Risikobewertung entsprechend  den Kriterien von PV Lab bei den Herstellern anfragen. Schicken Sie Ihren Wunsch an: redaktion(at)photovoltaik.eu


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