Industrie: Europas Photovoltaik-Forscher müssen aufwachen

Kategorie: Forschung und Entwicklung, Märkte und Trends, Topnews

Bei einem Treffen führender Vertreter aus Industrie und Forschung beim Sophia Forschungsinfrastruktur-Symposium gab es leidenschaftliche Debatten über die Zukunft der Photovoltaik in Europa.

INES-Gelände in Frankreich

Das Sophia-Projekt zeigte auch auf, dass Wissenschaft und Industrie in Europa meist noch weit von einander getrennt arbeiten.
Foto: Solarpraxis AG/Ian Clover

Ein Symposium zu europäischen Photovoltaik-Forschungsinfrastrukturen am Nationalen Solarenergie Institut (INES) im französischen Chambery in der vergangenen Woche löste hitzige Debatten zwischen führenden Industrievertretern und Wissenschaftlern über die künftige Ausrichtung der Photovoltaik-Forschung in Europa aus. Es ging bei dem Treffen darum, die Ergebnisse des vierjährigen Sophia Forschungsinfrastruktur-Programms zu diskutieren. Dieses sollte zu einer größeren Zusammenarbeit und Kooperation zwischen Europas führenden Forschungsinstituten und den Industrieveteranen wie Manz, Meyer Burger und Photowatt führen, die die gegenwärtige Praxis scharf kritisierten.

„Sie müssen aufwachen“, rief Sylvere Leu, Innovationsvorstand der schweizerischen Meyer Burger Technology AG. „Wir brauchen eine bessere Verknüpfung zwischen Forschung und Kunden in Europa. Wir brauchen Forschungsinstitute, die Technologie produzieren, die direkt kommerziell zu verwenden ist. Als Industrie müssen wir sofort in der Lage sein, die Technologie, die sie entwickeln, zu implementieren“, so Leu weiter. Sein Weckruf wurde von Vincent Bes, Generaldirektor des französischen Unternehmens Photowatt, aufgenommen. Er forderte die vertretenen Wissenschaftler von den renommiertesten Forschungsinstituten, darunter CEA, INES, Fraunhofer ISE, imec, ECN und die Loughborrough Universität, raus aus den Laboren und Schulen zu gehen und mit der Industrie zusammenzuarbeiten. „Diese braucht sie“, fügte er hinzu. „Es gibt mehr Leute in diesem Raum als Manager von Photovoltaik-Fabriken in Europa. Das kann nicht richtig sein. Wenn ihre Ideen und Forschungsergebnisse nicht in die Industrie übertragen werden können, sind sie nutzlos“, so Bes weiter.

Bes sprach davon, dass Europa die „erste Schlacht gewonnen“ habe, als es um die Schaffung einer Solarindustrie ging, aber die „zweite Schlacht gerade verliert“ gegen China und die USA, da sich Photovoltaik-Produktionen und Innovationen immer mehr nach Osten und Westen verlagerten.

Das Sophia-Projekt

Der Vorschlag von Bes, alle führenden Forschungseinrichtungen in Europa unter einem gemeinsamen Photovoltaik-Dach zu vereinen, war dann auch eine Anspielung auf das, was mit dem Sophia-Projekt eigentlich erreicht werden sollte. Es war im Februar 2011 mit dem Ziel ins Leben gerufen worden, einen Weg aufzuzeigen, wie die europäischen Solarforscher zusammenarbeiten könnten, um Europas Spitzenleistungen in der Photovoltaik-Forschung zu behaupten. Das nun ausgelaufene vierjährige Programm gewährte Photovoltaik-Wissenschaftlern freien Zugang zu Produktionsstätten in ganz Europa, um ihre Forschung zu testen. An dem Programm nahmen 17 Forschungszentren und drei Organisationen teil, die insgesamt acht spezifische Forschungsthemen bearbeiteten: Silizium, Dünnschicht und TCOs, OPV, Modellierung, CPV, BIPV, Lebensdauer von Solarmodulen sowie Photovoltaik-Module und Systemleistung. Die EU-Kommission finanzierte das Programm mit neun Millionen Euro. Das Ziel des Projekts war einfach: zusammenarbeiten, um mehr zu lernen.

„Initiativen wie Sophia müssen weitergehen als Teil eines größeren Pakets zur Unterstützung der Photovoltaik-Forschungsinfrastruktur“, sagte der neue INES-Direktor und Projektkoordinator, Philippe Malbranche. „Gezielte Unterstützung für die Forschungsinfrastruktur wird entlang der gesamten Photovoltaik-Wertschöpfungskette benötigt – von der Grundlagenforschung bis zum Downstream-Bereich.“

Ergebnisse des Sophia-Projekts

Die Ergebnisse des Programms wurden auf dem Symposium vorgestellt. Michael Köhl vom Fraunhofer-ISE lieferte eine Demonstration, wie eine stärkere Zusammenarbeit durch das Projekt Wissenschaftlern ein besseres Verständnis dafür gegeben hat, wie Solarmodule altern. Im Endergebnis hat es die Forscher in die Lage versetzt, die Lebenszyklen-Test gemeinsam mit der Industrie weiterzuentwickeln und zu verbessern. Jürgen Hüpkes vom Forschungszentrum Jülich präsentierte die Sophia-Erkenntnisse für eine verbesserte Software-Infrastruktur, während Suren Gevorgyan, Forscher im Bereich DTU Energieumwandlung an der Technischen Universität von Dänemark die Fortschritte durch das Projekt bei der Standardisierung von organischer Photovoltaik (OPV) vorstellte. „Das Fehlen jeglicher Standardisierung war immer ein ernstes Problem für die OPV, der auch die Industrialisierung bislang verhindert hat“, sagte Gevorgyan. „Wir können uns keine Standards aus dem anorganischen Bereich ausborgen. Somit hat Sophia geholfen durch die Etablierung von Richtlinien, dass sich der Sektor nun den potenziell nächsten Herausforderungen widmen kann, um die OPV näher an die Kommerzialisierung zu bringen.“

EU-Beteiligung

Als Vertreter der EU-Kommission waren Nigel Taylor, der das EU-Photovoltaik-Forschungs- und Entwicklungsprojekt im Bereich Erneuerbare Energien am Institut für Energie und Transport leitet, und Paul Verhoef, Leiter des Bereichs für neue und erneuerbare Energiequellen bei der EU, anwesend. Verhoef betonte, dass die Europäische Union im nächsten Monat ein Papier zu seiner Strategie einer Energieunion veröffentlichen werde. Es gehe darum, „die Herausforderungen und Ziele einer potenziellen Energieunion in Europa zu identifizieren“, sagte er den Zuhörern. „Wo sind die einfachen Siege? Wo müssen wir akzeptieren, dass China dies oder jenes besser machen kann? Und warum ist das Investitionsklima in Europa so schwierig“, fragte Verhoef. „Es gibt viel Geld in Europa. Wir sehen Pensionsfonds, die aus fossilen Brennstoffen aussteigen, was aber nicht gleichbedeutend damit ist, dass das Geld stattdessen in der Photovoltaik-Forschung und –Industrie landet. Diese Investoren sind sehr risikoschau, insbesondere in Europa. Deshalb gibt es immer noch eine Zurückhaltung, wenn es um die Rückendeckung für neue Technologien geht sowie die Forschung und Entwicklung dafür in Europa.“

Jan Kroon vom ECN betonte, dass eine wesentliche Erkenntnis des Sophia-Projekts war, dass Europas Forschungsinstitute eine Reihe von Konsolidierungsstrategien bräuchten. Dazu zählte er eine größere Internationalisierung, eine Konzentration auf Nischenmärkte, gemeinsame Plattformen und ergänzende Dienstleistungen für die Industrie. „Wir müssen uns besser selbstvermarkten als Option für Kosteneinsparung“, sagte Kroon.

Die Industrievertreter wünschten sich, dass die Wissenschaftler stärker auf ihre Wünsche eingehen und boten im Gegenzug die Finanzierung ihrer Forschung an. (Foto: Solarpraxis AG/Ian Clover)

Bernhard Dimmler, Koordinator des Forschungsprojekts bei Manz, nahm eine versöhnliche Haltung ein. Er forderte die Unternehmen auf, ein größeres Augenmerk auf die europäischen Forschungsinstitute zu werfen, damit sie überleben könnten. „Photovoltaik ist immer noch eine hoch innovative Industrie, deshalb brauchen wir Wissenschaftler, die auf diesem Niveau weiterarbeiten können. Es ist jedoch die tägliche Mühe, die Wissenschaftler davon zu überzeugen, was für uns wichtig ist. Es ist ein Kampf. Die zwei Bereiche sind zwei unterschiedliche Welten und so müssen wir zu einer größeren Zusammenarbeit und einer stärkeren Führung durch die Industrie kommen“, sagte Dimmler.

Am Ende des Symposiums waren sich Wissenschaftler und Industrievertreter zumindest einig, dass das Geld in Europa knapp ist; gerade im Vergleich zu den scheinbar endlosen Finanzierungen für die chinesische Konkurrenz. Aber Bes von Photowatt betonte, dass Geld nicht das entscheidendste sei, wenn die Ideen und die Forschung gut sei. „Sie brauchen nicht die Regierungen und die EU, um gute Ideen zu finanzieren. Überzeugen sie uns, dass ihre Forschung gut ist und wir werden sie finanzieren“, sagte der französische Industrievertreter.

Neben dem Sophia-Projekt gibt es noch ein ähnliches mit dem Namen „Cheetah“, deutsch Gepard. Bei dem noch laufenden Projekt, dass auf zwei Jahre angelegt ist und auch von der EU gefördert wird, geht es darum, Wege zur Kostensenkung und höheren Energieausbeute von Photovoltaik zu suchen, indem europäischen Forschungs- und Entwicklungsleistungen einbezogen werden. Das Projekt wird durch ECN koordiniert und läuft noch ein Jahr. (Ian Clover, Übersetzung: Sandra Enkhardt)

Link zur Originalmeldung von pv magazine: Industry urges European PV research sector to 'wake up'


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