Heiter bis bedeckt

Kategorie: 12 / 2011, Politik & Gesellschaft Sandra Enkhardt und William Vorsatz

Jahresrückblick 2011: Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima sah es zunächst auch hierzulande sehr gut für die Photovoltaikbranche aus. Sieben Atommeiler gingen vom Netz, der Bedarf an Erneuerbaren war plötzlich groß. Aber die regierende Koalition setzt vor allem auf Großprojekte wie Offshore-Windparks. Und die Solarbranche ächzt angesichts der Konkurrenz aus Fernost.

Plenarsaal im Bundestag. Hier tagt das Bundeskabinett bei größeren Besprechungen.
Foto: dts

Das Eon-AKW Grafenheinfeld arbeitet weiter.
Foto: Comventure GmbH

Das AKW Fukushima I nach der Katastrophe.
Foto: GoTec

Der Sechs-Punkte-Plan der Regierung soll die Energiewende beschleunigen.
Foto: etonomy energy storage systems UG

Die Energie der Sonne hilft gegen Strommangel.
Foto: Comventure GmbH

Grünes Licht für Sonnen- statt Atomstrom.
Foto: pixeleo.de /Rainer Sturm

Photovoltaikkraftwerk bei Triest in Norditalien.
Foto: Solarpraxis AG

Die Vergütung für Solarstrom sinkt erst mal nicht.
Foto: PV Invest GmbH

Sonnenenergie schlägt erstmals Wasserkraft von der erzeugten Strommenge her.
Foto: Energie AG

Reichstagsgebäude in Berlin.
Foto: Brights

Tödlicher Fehler?

20. Januar: Umweltminister Norbert Röttgen und der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW-Solar) verständigen sich darauf, die Solarförderung je nach Marktwachstum zur Jahresmitte 2011 nochmals zurückzufahren. Zuvor hatte der BSW-Solar von sich aus optionale Kürzungen vorgeschlagen. Die Einspeisevergütung kann so zusätzlich bis zu 15 Prozent gekürzt werden, je nach Zubau von März bis Mai. „Der BSW hat sich, statt der dummdreisten und wahrheitswidrigen Kampagne der Energiemonopolisten entgegenzuwirken, in der Rolle des eifrig beipflichtenden und offensichtlich zu Recht angegriffenen Hauptschuldigen eingerichtet“, kritisiert nicht nur Ralf Hofmann, Geschäftsführer von Kaco New Energy. „Ein absolut tödlicher Fehler für einen Interessenverband und Verrat an seinen Mitgliedern.

Kürzungspläne durch

2. Februar: Das Bundeskabinett billigt die von der Koalition geplante Kürzung der Solarförderung. Im Rahmen der EEG-Novelle wird sie aber nochmals geprüft. Danach soll je nach Entwicklung des Zubaus zum 1. Juli die Einspeisevergütung für Photovoltaik-Dachanlagen um bis zu 15 Prozent gekürzt werden. Zum 1. September soll dann die vorgezogene Absenkung für Freiflächenanlagen folgen. 

Die Reaktorkatastrophe

11. März: Die Unfallserie beginnt mit dem Tōhoku-Erdbeben. Es löst einen Tsunami aus, der die Stromversorgung in dem Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi lahmlegt. In der Folge fällt die Kühlung aus, Reaktorkerne und zwischengelagerte Brennstäbe überhitzen sich. Es kommt zu unkontollierten Kernschmelzen, die wiederum Explosionen und Brände auslösen. Vier von sechs Reaktorblöcken des Kraftwerks werden durch die Unfälle zerstört.Luft, Boden und Wasser sind danach verstrahlt. Mehr als 100.000 Einwohner müssen evakuiert werden. 

Energiepolitische Kehrtwende

15. März: Die Bundesregierung beschließt ein dreimonatiges Moratorium zu den Verlängerungen der Atommeiler-Laufzeiten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zieht nach eigenen Worten damit die Konsequenzen aus dem Atomunfall im japanischen Fukushima. Sieben vor 1980 gebaute Kernkraftwerke sollen vorübergehend abgeschaltet werden. Dabei handelt es sich um die Meiler Biblis A und B, Neckarwestheim, Brunsbüttel, Isar 1, Unterweser und Philippsburg 1. Die übrigen Kernkraftwerke sollen während der Sicherheitsprüfung in den kommenden Monaten am Netz bleiben. Es ist anzunehmen, dass die Bundesregierung das Moratorium gerade mit Blick auf die Stimmung in der Bevölkerung und die anstehenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt verhängt hat.

Neue Impulse aus Südwest

28. März: Die Menschen in Baden-Württemberg wollen ein Ende der Atomkraft und mehr Investitionen in Erneuerbare. Im „Ländle“ können die Grünen ihren Stimmenanteil mehr als verdoppeln und kommen auf 24,2 Prozent der Stimmen. Damit liegt die Partei sogar noch vor der SPD in der Wählergunst und stellt mit Winfried Kretschmann den nächsten Ministerpräsidenten Baden-Württembergs. In Rheinland-Pfalz können die Grünen ebenfalls mehr als zehn Prozent zulegen und werden wohl künftig gemeinsam mit der SPD das Land regieren. Ein Schlüssel des Erfolgs der Grünen ist ihre klare Opposition zur Atomkraft.

Energiewende ohne Photovoltaik?

12. April: Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) und der damalige Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) präsentieren einen „Sechs-Punkte-Plan für eine beschleunigte Energiewende in Deutschland“. Er soll die Grundlage sein für einen deutlich schnelleren Umbau der Stromversorgung hin zu erneuerbaren Energien nach dem Super-Gau im japanischen Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi im März. Allerdings legen die Minister dabei ihr Augenmerk nur auf die Windkraft. Sie wollen das Repowering von Windanlagen erleichtern, fordern mehr Flächen und weniger planungsrechtliche Hemmnisse für Windkraft an Land und kündigen ein Sonderprogramm „Offshore Windenergie“ der Kreditanstalt für Wiederaufbau mit einem Volumen von fünf Milliarden Euro an, das noch im Frühjahr starten soll. Die anderen erneuerbaren Energiequellen wie Photovoltaik, Biomasse oder Geothermie spielen in den Plänen der Bundesregierung hingegen keine Rolle. Sie werden in dem Sechs-Punkte-Plan größtenteils nicht einmal benannt.

Neuregelung in Italien

5. Mai: Nach wochenlangem Ringen haben sich in Italien die zuständigen Minister auf eine Neuregelung der Photovoltaikförderung geeinigt. Das Conto Energia IV unterscheidet künftig zwischen zwei verschiedenen Klassen. Danach richtet sich, ob der Zubau begrenzt sein wird oder sich die Investoren nur auf eine stetig sinkende Einspeisevergütung einstellen müssen. Für Dachanlagen mit einer Leistung von bis zu einem Megawatt sowie für Systeme auf Flächen oder Dächern der öffentlichen Hand sowie Freiflächenanlagen mit einer Leistung bis 200 Kilowatt mit Eigenverbrauch gibt es zunächst keine Begrenzung. Für die kommenden Jahre hat die Regierung bereits die Einspeisevergütung fixiert. Dann sind ab 2012 halbjährliche Degressionsschritte geplant. Für alle anderen Freiflächen- und Dachanlagen mit mehr als einem Megawatt Leistung hat Italien eine Registrierpflicht eingeführt. Damit sollen die Kosten für die Photovoltaikförderung gezielt eingegrenzt werden. Für das zweite Halbjahr 2011 stehen 300 Millionen Euro zur Verfügung, was in etwa einer geförderten Anlagenleistung von 1.200 Megawatt entspricht.

Ersatz für Atomstrom

Mai: Von 17 deutschen Atomkraftwerken sind wegen des Atommoratoriums und Wartungsarbeiten nur noch vier am Netz. Dass es trotzdem keinen Blackout gibt, ist vor allem der Photovoltaik zu verdanken. Der Monat ist sonnig und die Netzlast gering. Die Übertragungsnetzbetreiber erwarten für die Sommermonate eine angespannte, aber beherrschbare Situation, sofern keine außergewöhnlichen Ereignisse in Deutschland oder im Ausland eintreten. Die fehlende Erzeugungsleistung kann mit Importen, der verfügbaren Erzeugung in Deutschland sowie dem Beitrag der Photovoltaik kompensiert werden. 

EEG-Novelle verabschiedet

30. Juni: Nach einer teils hitzig geführten Debatte im Bundestag nehmen die Abgeordneten mit den Stimmen von Union, FDP, SPD und Grünen die acht Gesetze zum Atomausstieg sowie zum weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien an. Die Anträge der Grünen zu Nachbes-serungen der Solarförderung finden im Umweltausschuss hingegen keine Mehrheit. Damit ist beschlossen, dass es auch künftig unterjährige Kürzungen der Photovoltaik-Einspeisevergütungen geben kann. Insgesamt standen mehr als 20 Abstimmungen auf dem Plan.

Markteinbruch verhindert Absenkung

1. Juli: Die Solarförderung sinkt nicht. Es sind nur 700 Megawatt installiert worden. Hochgerechnet auf das Gesamtjahr bedeutet dies einen erwarteten Zubau bei Photovoltaikanlagen von 2.800 Megawatt. Dies wäre dann sogar weniger als der anvisierte Zielkorridor der Bundesregierung. Er sieht einen Ausbau bei Photovoltaikanlagen von 3.000 bis 3.500 Megawatt vor. Der Wirtschaftsflügel der Union setzt seine Angriffe gegen die Solarförderung allerdings unvermindert fort. „Die Flaute ausgerechnet in den Referenzmonaten kommt nicht zufällig“, sagt Unions-Fraktionsvize Michael Fuchs (CDU). „Danach wird es wieder einen Ansturm geben. Diesen Effekt gab es bereits in der Vergangenheit.“

Phänomenale 3,5 Prozent

31. Juli: In den ersten sechs Monaten 2011 haben die erneuerbaren Energien erstmals mehr als 20 Prozent des Strombedarfs gedeckt. Nach Schätzungen des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) lieferten sie 57,3 Milliarden Kilowattstunden. Photovoltaik überholt dabei mit einem Anteil von 3,5 Prozent zum ersten Mal die Wasserkraft. Gründe dafür sind der starke Zubau an Solarstromanlagen im vergangenen Jahr sowie die sonnenreichen Frühjahrsmonate 2011. 

Aufbruch in China

1. August: China hat die Einführung von Photovoltaik-Einspeisetarifen verkündet. Ab 1. August werden sowohl für Dach- als auch für Freiflächenanlagen elf Cent je Kilowattstunde bezahlt, ohne Mengenbegrenzung. Diese Vergütung wird auch für Systeme gezahlt, die erst im kommenden Jahr realisiert werden. Je nach dem Sinken der Systemkosten für Photovoltaikanlagen sollen auch die Einspeisetarife anschließend gekürzt werden. Die neuen Tarife ergänzen andere Programme, mit denen regionale Regierungen und andere Institutionen bereits Photovoltaikprojekte fördern. 

Zeichen der Krise

4. August: Die Photovoltaikhersteller haben ihre Kapazitäten weiter ausgebaut, trotz Förderkürzungen in den wichtigsten europäischen Märkten. Schon seit einiger Zeit machen ihnen volle Lager zu schaffen. Die Preise hingegen sind rapide gefallen. Vielerorts reichten sie nicht mal mehr, um die Produktionskosten zu decken, Experten erwarten daher hohe Abschreibungen. Die große Auslese in der Branche kündigt sich an. Kleine, finanzschwache Hersteller werden vom Markt verschwinden. Jefferies-Analyst Gerard Reid glaubt, dass es in fünf Jahren nur noch fünf Solarmodul-Produzenten gibt: Die chinesischen Hersteller Trina und Yingli, Bosch und Solarworld aus Deutschland und Sharp aus Japan. Allerdings verbreiten die Analysten auch etwas Hoffnung: Die Preise seien so stark gefallen, dass nun die Nachfrage eigentlich wieder angekurbelt werden müsste.

Anlagenzertifikat

1. Oktober: Große Photovoltaikanlagen, die in das Mittelspannungsnetz einspeisen, brauchen jetzt sogenannte Anlagenzertifikate. Doch diese sind kaum mehr rechtzeitig zu bekommen, da die entsprechenden Zertifizierer für die nächsten Monate ausgebucht sind. Alle neuen Photovoltaikanlagen, die weiter als zwei Kilometer vom Netzverknüpfungspunkt entfernt liegen oder mehr als ein Megawatt Leistung haben, müssen das Anlagenzertifikat vorweisen. So fordert es die aktuelle Version der BDEW-Mittelspannungsrichtlinie. Doch viele Anlagenbauer können den Termin nicht einhalten. Es mangelt an entsprechend akkreditierten Zertifizierern. Neue Aufträge für Anlagenzertifikate können erst wieder ab Frühjahr 2012 bedient werden. 

Insolvenzen, Entlassungen, Kurzarbeit

Oktober: Q-Cells baut an seinem Hauptsitz in Bitterfeld-Wolfen jeden achten Arbeitsplatz ab. Rund 250 Mitarbeiter haben das Abfindungsangebot angenommen und verlassen das Photovoltaikunternehmen in den kommenden Wochen. Das Unternehmen beruft Ende Oktober eine Gläubigerversammlung ein, weil es eine zum Februar 2012 fällige Wandelschuldanleihe voraussichtlich nicht fristgerecht zurückzahlen kann. Phoenix Solar muss wegen der großen Lagerbestände weitere Abwertungen vornehmen. Die Verluste belaufen sich nach drei Quartalen auf rund 40 Millionen Euro. Solon schickt 100 Beschäftigte in Kurzarbeit. Das Photovoltaikunternehmen leidet unter der weiter schwachen Nachfrage in Deutschland. Solon drosselt daher seine Produktion in Berlin auf 50 Prozent. Bei SMA müssen rund 1.000 Zeitarbeiter gehen, weil die Kapazitäten heruntergefahren werden.

Petition gegen China

20. Oktober: Die Solarworld Industries America haben in den USA eine Petition gegen unfaire Handelspraktiken aus China gestartet. Die US-Tochtergesellschaft des Bonner Konzerns will sich mit der Unterstützung einer Reihe von US-Photovoltaikherstellern gegen die „wachsende Flut von Billigimporten aus China“ zur Wehr setzen. Die Akteure werfen den chinesischen Unternehmen vor, mit Dumpingpreisen für ihre Module und Zellen systematisch Marktanteile in den USA zu erobern. „Unsere Fabriken in Deutschland und den USA sind voll international wettbewerbsfähig“, sagt Solarworld-Vorstandschef Frank Asbeck. „Aber Chinas unfaire Handelspraktiken müssten angegangen werden.

15 Prozent Kürzung

27. Oktober: Die Bundesnetzagentur veröffentlicht die neuen Photovoltaik-Einspeisetarife ab Januar 2012. Demnach wird die Solarförderung um 15 Prozent sinken und die Einspeisevergütung dann je nach Anlagengröße zwischen 17,94 und 24,43 Cent je Kilowattstunde liegen. Der Zubau bei Photovoltaikanlagen zwischen Oktober 2010 und September 2011 habe bei rund 5.200 Megawatt gelegen, teilte die Behörde mit. Der Zubau von 5.200 Megawatt liegt erheblich unter dem Wert von 7.800 Megawatt aus dem Vergleichszeitraum Oktober 2009 bis September 2010. Zwischen Januar und Ende September sind somit etwa 3.400 Megawatt Photovoltaikleistung in Deutschland ans Netz gegangen. 

Neue Deckelpläne

14. November: Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler von der FDP, Vertreter des CDU-Wirtschaftsflügels sowie die Arbeitsgruppe Energie der Regierungskoalition haben sich für eine Begrenzung des jährlichen Photovoltaikzubaus auf 1.000 Megawatt ausgesprochen. Die Arbeitsgruppe Energie begründet den Auftrag damit, dass mehr Photovoltaikzubau „technisch und finanziell nicht verkraftbar“ wäre. Bis Ende Januar 2012 soll das Umweltministerium nun Maßnahmen prüfen, die die Kosten für die Solarförderung eindämmen.


Copyright 2014 © pv magazine

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie aktuelle Branchennews!

photovoltaic (pv) news on topics like thin film and feed-in tariffs and events like Intersolar Europe

Internationale Photovoltaik-News auf Englisch

Spanische Photovoltaik-News aus Lateinamerika