Diskussion über die Stromlücke geht weiter

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In einem Geheimtreffen will der Bundeswirtschaftsminister nach einem Medienbericht mit dem Präsidenten der Bundesnetzagentur über die Versorgungssicherheit im Falle einen Atom- und Kohleausstiegs diskutieren. Die Angst vor einer Stromlücke wirkt surreal angesichts des nochmal deutlich gestiegenen Exportüberschusses sowie der Ergebnisse der "Leitstudie Strommarkt 2015".

Stromnetz in Deutschland

Wie real ist die Angst vor einer Stromlücke?
Foto: TransnetBW

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hat sich für Dienstag mit Jochen Homann, Präsident der Bundesnetzagentur, zu einem Geheimtreffen verabredet, wie das „Handelsblatt“ berichtet. Dabei soll es darum gehen, wie die Versorgungssicherheit in Deutschland bei einem gleichzeitigen Ausstieg aus der Atomkraft und der Kohle gewährleistet werden könnte. Alles vor dem Hintergrund der von Gabriel vorgeschlagenen Klimaschutzabgabe für alte Braunkohlekraftwerke. Auch wenn Juristen die geplante Abgabe mittlerweile für verfassungswidrig und nicht vereinbar mit dem EU-Recht halten, arbeitet Gabriel anscheinend weiter an seinen Plänen. Nach dem Handelsblatt-Bericht fürchten nicht näher benannte Experten, dass spätestens nach dem Abschalten des letzten AKW im Jahr 2022 in Deutschland eine Stromlücke entstehen könnte, die auch nicht durch Importe aus den europäischen Nachbarländern geschlossen werden könnte.

Das Bundeswirtschaftsministerium hatte aber erst am Montag seine „Leitstudie Strommarkt 2015“ veröffentlicht. Zur Veröffentlichung erklärte der Staatssekretär Rainer Baake: „Unsere Stromversorgung ist sicher und das auf einem sehr hohen Niveau und sie wird auch in Zukunft sicher bleiben. Die vorgeschlagenen Anpassungen im Markt- und Regulierungsdesign setzen genau an den richtigen Punkten an und werden die Effizienz und Sicherheit unseres Stromsystems im Transformationsprozess und darüber hinaus weiter verbessern.“ Die Gutachter kommen in ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass sich mit einem weiterentwickelten Strommarkt 2.0 die Versorgungssicherheit kosteneffizient erreichen lasse. Einen Kapazitätsmarkt halten sie für überflüssig.

Die Bundesnetzagentur hatte am Montag den Reservebedarf für die kommenden beiden Winterhalbjahre und ihr Langfristperspektive 2019/2020 bestätigt. Für den Winter 2015/2016 beträgt der Reservekraftwerksbedarf demnach mindestens 6700 Megawatt. Im Folgejahr sind es nach Bundesnetzagentur-Angaben mindestens 6600 Megawatt. „Das Vorhalten von Kraftwerksleistung dient der Behebung von kritischen Situationen im Übertragungsnetz, die auf Grund des unzureichenden Netzausbaus entstehen. In Zeiten hoher Stromnachfrage und gleichzeitig hoher erneuerbarer Erzeugung muss das überlastete Netz durch Abschaltung preiswerter konventioneller Kraftwerke sowie von erneuerbarer Erzeugung und das gleichzeitige Hochfahren teurerer, aber netztechnisch günstiger gelegenen Anlagen stabilisiert werden“, hieß es weiter. In den nächsten beiden Winterhalbjahren könnte sich der Bedarf nochmals um 1100 Megawatt erhöhen. Bei der Berechnung für den Winter 2016/2017 sei bereits davon ausgegangen worden, dass die Thüringer Strombrücke dann wie geplant in Betrieb sei.

Für das Jahr 2019/2020 rechnet die Bundesnetzagentur mit einem deutlichen Rückgang der Reservebedarfsleistung auf 1600 Megawatt. Dies liege an einer auf europäischer Ebene diskutierten Einführung von Engpassmanagementverfahren zwischen dem deutschen und österreichischen Übertragungsnetz. Eine mögliche Limitierung der Stromexporte von Deutschland nach Österreich auf maximal 5,7 Gigawatt reduziert als Nebenfolge den Bedarf an Netzreserve auf 1,6 Gigawatt, wie die Behörde weiter mitteilte. Ohne die Einführung eines Engpassmanagements läge der Reservebedarf bei 6,1 Gigawatt. „Für alle Betrachtungszeiträume kommt die Bundesnetzagentur in Übereinstimmung mit den Übertragungsnetzbetreibern zu dem Ergebnis, dass sich der maximale Bedarf an Reserveleistung in den Situationen mit starker Windenergieeinspeisung und gleichzeitig hoher Nachfrage nach Strom einstellt. In der sogenannten Dunkelflaute mit niedriger oder gar keiner Einspeisung von Windenergie- und Photovoltaik-Anlagen bedarf es auch bei hoher Nachfrage keiner Reservekraftwerke“, so die Bundesnetzagentur.

Nach dem Bericht des „Handelsblatts“ untersagt die Bundesnetzagentur mittlerweile immer öfter, die Abschaltung von unrentablen Gaskraftwerken. So habe der Darmstädter Versorger HSE bei der Behörde beantragt, sein neues Gaskraftwerk vorläufig stillzulegen. Der Antrag sei von der Bundesnetzagentur als unpräzise zunächst zurückgewiesen worden. Eon hatte Ende März die vorläufige Stilllegung seiner Gaskraftwerksblöcke Irsching 4 und 5 angezeigt. Auch hierbei war die Begründung die fehlende Wirtschaftlichkeit. Die Bundesnetzagentur kann endgültige Stilllegungen mit dem Hinweis auf die Systemrelevanz der Kraftwerke untersagen.

Neuer Rekord beim Stromexport

Die ganze Diskussion über die erwartete Stromlücke muss auch vor dem Hintergrund der in Deutschland immer noch steigenden Stromexporte gesehen werden. Noch nicht offiziell verkündet, aber vom Portal „Phasenprüfer“ anhand vorliegender Zahlen ermittelt, ist 2014 der Stromexport auf einen neuen Rekordwert gestiegen. Nach den Daten des Statischen Bundesamtes hätten die Einnahmeüberschüsse aus dem Export bei 1,75 Milliarden Euro gelegen. Insgesamt seien rund 74 Terawattstunden Strom ins Ausland geflossen, nochmals gut zwei Terawattstunden mehr als 2013. Der Überschuss habe bei etwa 36 Terawattstunden gelegen, da nur knapp 38 Terawattstunden importiert worden seien, heißt es bei „Phasenprüfer“ weiter. (Sandra Enkhardt)


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