Der neue Zankapfel

Kategorie: 02 / 2011, Politik & Gesellschaft Martin Reeh

Netzausbau: Deutschland diskutiert über den Ausbau der Stromnetze. Doch der ist nur für Windenergie geplant – und die Photovoltaik muss für Polemiken wegen einer angeblichen Überlastung der Netze herhalten.

Erneuerbare Energien werden inzwischen flächendeckend eingesetzt. Laut einem Gutachten der Deutschen Energie-Agentur fehlen daher 3.600 Kilometer an Höchstspannungstrassen.
Foto: H.-G. Oed

Der Anschluss von Offshore-Windparks dominiert die Diskussion um den Netzausbau.
Foto: DOTI

„Alles muss man selber machen“, könnte die Überschrift auch lauten. Heißt sie aber natürlich nicht. Sondern, ganz nüchtern: „Abwägung von Netzausbau und Stromspeichern“. Verfasser: Wolf von Fabeck, 75, eines der Urgesteine der Solarszene, Mitbegründer des Solarenergie-Fördervereins (SFV). Im neuesten Rundbrief des SFV plädiert von Fabeck für den Ausbau von kleinen, dezentralen Stromspeichern und gegen einen großen Ausbau von Höchstspannungsnetzen. Es gehe um die Frage, schreibt er, „ob man überschüssigen Strom aus erneuerbaren Energien besser woandershin leiten oder ihn besser speichern soll“.

Von Fabeck war schon für erneuerbare Energien, als deren flächendeckender Einsatz noch als Vision von Ökospinnern galt. Und jetzt, wo Erneuerbare en vogue sind, ist er schon wieder in der Minderheit. Seit dem Herbst dominiert die Deutsche Energie-Agentur (Dena) mit ihrem zweiten Gutachten zum Netzausbau die öffentliche Meinung: Demnach fehlen 3.600 Kilometer an Höchstspannungstrassen, um die erneuerbaren Energien ans Netz anzuschließen. Die Kosten schätzt die dena in der billigsten Variante auf 9,7 Milliarden Euro.

Das Thema Netzausbau ist 2010 zu einem zentralen Thema der energiepolitischen Agenda avanciert. Und zum Zankapfel. Quer durch die Republik protestieren Bürgerinitiativen gegen neue 380-Kilovolt-Höchstspannungsleitun gen, fordern den Verzicht darauf oder die Verlegung als Erdkabel: eine Lösung, die die Stromnetzbetreiber als zu teuer ablehnen. Als die Bundesregierung im Herbst die Verlängerung der Atomlaufzeiten verkündete, lautete eine der Begründungen dafür: Die fehlenden Netze machten den schnelleren Ausbau der Erneuerbaren unmöglich.

Kurz darauf im Oktober verkündete Dena-Chef Stephan Kohler in der „Frankfurter Rundschau“, die Netze stünden „vor der Überlastung durch Sonnenstrom“. Bei der derzeitigen Ausbaugeschwindigkeit sei schon 2013 eine Kapazität von knapp 50 Gigawatt erreicht: „Das wäre katastrophal und nicht beherrschbar für die Netze.“ Kohler schlug deshalb einen Deckel von einem Gigawatt pro Jahr vor, so dass 2020 die „gerade noch verträgliche Marke von 30 Gigawatt Solarstrom“ erreicht sei. Im November veröffentlichte die Dena ihre Studie. Kurz darauf ging EU-Kommissar Günther Oettinger mit seinem Plan für eine europäische Energieinfrastruktur an die Öffentlichkeit: Die Stromnetze sollen ausgebaut werden, um Offshore-Windenergie und den Wüstenstrom aus dem Desertec-Projekt zu befördern.

Und nur eine Woche später legte der energiepolitische Sprecher der Unionsfraktion, Thomas Bareiß, mit seiner Forderung nach einem absoluten Deckel für den Photovoltaikausbau von drei Gigawatt pro Jahr nach – und begründete dies unter anderem mit der Netzstabilität: „Die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien ist volatil, was die Netzbetreiber mitunter vor schwere Probleme stellt. Bringen wir noch mehr Solarenergie in die Netze, ohne diese weiter zu verstärken, drohen Netzausfälle und Blackouts.“ Schon anlässlich der Dena-Studie hatte Bareiß erklärt, „ohne Netzausbau wird es keinen Ausbau erneuerbarer Energien geben“.

Während Bareiß‘ Erklärung den Eindruck erweckt, in der Dena-Studie gehe es um den Ausbau der gesamten Erneuerbaren, ist darin tatsächlich fast ausschließlich vom Ausbaubedarf der Netze für die Windenergie die Rede, insbesondere für Offshore-Anlagen. Verwundern kann das nicht: Schon ein Blick auf die Projektsteuerungsgruppe zeigt, dass das Thema keineswegs die Integration der gesamten „erneuerbaren Energien in die deutsche Stromversorgung“ (so der offizielle Studien-Titel) war: Neben den Übertragungsnetzbetreibern und dem Bundesministerium für Umwelt saßen darin der Bundesverband Windenergie und die Stiftung Offshore-Windenergie. Ein Vertreter der Solarwirtschaft fehlte.

Schwerpunkt Offshore-Wind

Noch eindeutiger wird dies angesichts der Annahmen des Gutachtens über installierte Kapazitäten: Demnach geht die Dena, basierend auf einem Leitszenario des Bundesumweltministeriums von 2008, von 13.000 Megawatt installierter Photovoltaikleistung im Jahr 2015 und 17.900 Megawatt im Jahr 2020 aus. Nur in einer Fußnote ist erwähnt, dass „aktuelle Abschätzungen“ mit 50.000 Megawatt für 2020 rechnen. Bei den Offshore-Kapazitäten rechnet das Gutachten aber mit 14.000 Megawatt für 2020, bei Onshore mit 37.000 Megawatt.

Nun sind Gutachten ein beliebtes Mittel, um in der knappen Aufmerksamkeitsökonomie der Bundespolitik Unterstützung für seine Positionen zu gewinnen: Das, was man ohnehin beabsichtigt, lässt man durch ein wissenschaftliches Institut oder eine Untersuchung untermauern; wichtig ist aber nur, dass ein oder zwei Kernsätze aus der Pressemitteilung haften bleiben – in diesem Fall die angeblich fehlenden 3.600 Kilometer Hochspannungsnetze. Alternativen rechnet das Gutachten nicht durch: Was wäre etwa, würde man auf einen Offshore-Ausbau verzichten und stattdessen Photovoltaik und/oder Onshore ausbauen? Könnte man, weil dann weniger Höchstspannungsleitungen notwendig sind, auch die Konflikte entschärfen?

Öffentlich diskutiert wird die Frage kaum. Die meisten Umweltverbände haben sich vor einigen Jahren zur Unterstützung von Offshore-Wind durchgerungen und unterstützten folgerichtig das „Forum Netzintegration“ unter Führung der Deutschen Umwelthilfe. Finanziert durch das Bundesumweltministerium, legte das Forum Ende November seinen „Plan N“ für neue Netze vor. Darin wird die Anbindung der Offshore-Anlagen nicht grundsätzlich in Frage gestellt, sondern nur ein „transparenter Planungsprozess unter Abwägung technischer Übertragungsalternativen“, also etwa die Verwendung der besagten Erdkabelverbindungen.

Deutlich skeptisch blieb dagegen der im Oktober verstorbene Hermann Scheer. Der Freund dezentraler erneuerbarer Energien lehnte Offshore und Desertec ab, weil beides aufgrund der hohen Kosten nur für Großkonzerne möglich wäre und die Re-Zentralisierung der Erneuerbaren bedeuten würde. In seinem letzten Buch „Der energethische Imperativ“ schreibt er, die dafür notwendigen Netzausbauten würden „zu einem Prioritätenkonflikt über den Weg zu erneuerbaren Energien“ führen. „Für ein Supergrid-Projekt ist die politische Mindestvoraussetzung eine Finanzierungshilfe durch die EU. Erfüllen Regierungen diese Startbedingung, ist als nächster Schritt zu erwarten, dass sie zugunsten der Refinanzierung und der Auslastung der Trassen dazu übergehen werden, Investitionen für erneuerbare Energien außerhalb der Anschlussmöglichkeiten an das Supergrid einzuschränken.“

Ähnliches gelte auch bei einer privatwirtschaftlichen Finanzierung des „Supergrid“, also des Ausbaus des Höchstspannungsnetzes quer durch Europa. „Ab einem bestimmten Punkt der Markteinbringung erneuerbarer Energien müsste der weitere Ausbau auf das Supergrid warten. Es käme zu einem unberechenbar langen Ausbaustopp, dem diejenigen, die die These von der Unverzichtbarkeit des Supergrid heute mit vertreten, nur schlecht widersprechen können.“ Das klingt ein wenig verschwörungstheoretisch, aber die im Herbst aufgeflammte Polemik gegen die Photovoltaik scheint Scheer recht zu geben. Auch Rosa Hemmers, stellvertretende Vorsitzende von Eurosolar Deutschland, kritisiert die Studie: „Deren Zielsetzung ist es, den Strom von den Offshore-Anlagen ans Land zu bringen. Der Bedarf zum Netzausbau auf der dezentralen Ebene bleibt aber außen vor.“

Was aber ist von den Behauptungen von Kohler und Bareiß zu halten, die Photovoltaik benötige einen Netzausbau – andernfalls drohe der Kollaps der Stromnetze? Dazu muss man zunächst einmal – anders als die beiden – zwischen den Übertragungs- und Verteilnetzen unterscheiden. Für die Verteilnetze liegt seit Oktober ein Gutachten von Roland Berger für den Bundesverband Solarwirtschaft (BSW-Solar) vor. Darin heißt es: „Während in Zukunft kein ,Netz-Kollaps‘ erwartet wird, bedeutet der Ausbau der installierten Photovoltaikleistung auf die im Nationalen Aktionsplan für erneuerbare Energien geplanten 52 Gigawatt im Jahr 2020 jedoch eine Herausforderung für die Verteilernetze.“

Bewertungen uneinheitlich

Fragt man den Studienverantwortlichen Torsten Henzelmann, ob „Herausforderung“ auch den Ausfall von Teilen des Netzes bedeuten kann, sagt er: „Beispielsweise wird es in Regionen wie im Allgäu schwierig, da häufig Dächer genutzt werden, wie die von landwirtschaftlichen Gebäuden, ohne dass ein entsprechender Eigenverbrauch vorhanden ist. Hier kann es zu Netzproblemen kommen.“ Zwar könnte mit blindleistungsfähigen Wechselrichtern die Netzaufnahmefähigkeit gesteigert werden, sollte dies aber nicht reichen, seien Transformatorenaustausch oder Leitungsverstärkungen notwendig. In Städten sei die Gefahr solcher lokaler Blackouts dagegen kaum vorhanden. Allerdings wird die Situation durch die 24 Verteilnetzbetreiber, die Henzelmann für die Studie befragt hat, unterschiedlich bewertet: Während die einen keine Probleme ausmachen konnten, sprachen andere von größerem Ausbaubedarf.

Bei den Übertragungsnetzen hatte das Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) 2008 in einem Gutachten für das Bundesumweltministerium und den BSW-Solar festgestellt, dass 30 Gigawatt ohne Probleme eingespeist werden könnten. „Die lokale Erzeugung reduziert die Belastung der Netze, insbesondere der Übertragungsnetze“, heißt es darin. Was aber ist mit den 52 bis 70 Gigawatt, die der BSW-Solar mittlerweile anpeilt? Probleme könne es auch im Übertragungsnetzbereich in abgelegenen ländlichen Regionen mit einer hohen Photovoltaikleistung geben, sagt IWES-Mitarbeiter Stefan Bofinger. Die Solarwirtschaft müsse diskutieren, ob sie in solchen Fällen darauf bestehe, zu Spitzenzeiten sämtlichen Strom ins Netz einzuspeisen oder auf den dafür notwendigen Netzausbau verzichte.

Henzelmann hält ein weiteres Gutachten für sinnvoll, „eine groß angelegte empirische Untersuchung mit regionaler Clusterbildung, bei welcher Auslastung man in den Verteilnetzen welche Probleme erwartet“. Auch Rosa Hemmers bringt die Überlegung einer neuen Studie für die Integration der Erneuerbaren auf der dezentralen Ebene inklusive Biomasse und Speicherbau ins Spiel. Doch derzeit taugt das Thema „Solarstrom und Netzausbau“ zwar für öffentliche Polemiken gegen die Photovoltaik, aber kaum für differenzierte Studien.

Vor allem aber sieht es so aus, als hätte die Dena mit ihrem Gutachten Pflöcke eingeschlagen: Im Januar forderten die Grünen in einem Papier den beschleunigten Ausbau der Netze. Darin wird unter anderem die „Verbindung von Offshore-Windparks in der Nordsee mit Solarkraftwerken im Süden und Wasser-Speicherkraftwerken in Skandinavien“ gefordert. Eine Diskussion von möglichen Alternativen scheint nicht beabsichtigt – noch bleibt sie Solaraktivisten der ersten Stunde wie Wolf von Fabeck vorbehalten.


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