Das Ende des Must-run-Märchens und ein total peinlicher Energieminister

Kategorie: Meinung Karl-Heinz Remmers

Am 16.9.2014 wurde in Schwerin nach Angaben von WEMAG und Younicos der größte Batteriespeicher Europas formal in Betrieb genommen: Kapazität 5 MWh, Anschlussleistung ebenfalls 5MW integriert in das Mittelspannungsnetz der WEMAG. Die WEMAG ist als ein großer Energieversorger in Mecklenburg tätig, Younicos ist als Berliner Unternehmen mit tiefen Wurzeln ihrer Gründer in der Leistungelektronik und der Photovoltaik spezialisiert auf Batterie- Systemlösungen im Großspeicherbereich.

Gerade in den Netzgebieten der WEMAG gibt es sehr viel Windenergieanlagen, während gleichzeitig die an vielen Stellen dünn besiedelte Region nur in den Ballungsräumen signifikante Lasten im Netz hat. Man kann das Netzgebiet also vereinfachend als EE-Stromexporteur bezeichnen.

„Was für eine Batterie“ - entfuhr es einem der Gäste bei der Besichtigung des Batterieraums, welcher ergänzt um einen Wechselrichterraum und Transformatoren den Inhalt des von außen unscheinbaren Gebäudes füllt, in dem dieses „Batteriekraftwerk“ steht. Die Batteriezellen sind von Samsung, die Konzeption und Software von Younicos - daran besonders ist eine 20 Jahresgarantie der Firma Samsung auf die wesentlichen Eigenschaften der Batteriezellen (für die mobilen Brüder dieser Zellen gibt Samsung laut Aussage vor Ort eine Garantie von 7 Jahren, woraus BMW für seinen i3 eine Batteriegarantie von 8 Jahren macht.

Hintergrund dieser als sehr gewichtig zu nennenden Aussage von Samsung ist der stationäre Betrieb der Batterie unter optimalen Klimabedingungen - das Kraftwerk ist daher klimatisiert - und eine optimierte Nutzung der Batterien durch die Younicos-Softwareumgebung. Das ganze Objekt ist dabei vollautomatisiert, vor Ort befindet sich im Betrieb kein Personal.

Um Verwechselungen zu vermeiden: Die Batterie dient nicht zu Erhöhung eines Eigenverbrauchs oder als Basiskomponente eines Inselnetzes. So geht es also nicht primär um das Speichern von Energie, um damit z.B. einen Staubsauger zu betreiben, sondern darum das Stromnetz stabil zu halten.

Ihr Ziel ist klar die Frequenzhaltung im WEMAG-Netz und damit die Bereitstellung von Primärregelenergie - also derjenigen Komponente im Netzbetrieb, die durch sehr schnelle Reaktionen und hohe Verfügbarkeit gekennzeichnet ist. Und die als solche, nicht mit einem Satz zu erklären ist. Ich verweise daher zum vertiefenden Studium auf Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Regelleistung%28Stromnetz%29

Und damit sind wir bei der Hauptbedeutung dieses Batteriekraftwerks und dem Ende des Must-run-Märchens. Es ersetzt mit seiner "puren" Regelleistung von 5 MW laut WEMAG direkt 50 MW fossile Kraftwerksleistung (oder Pumpspeicherkraftwerk) mit höherer und schnellerer Verfügbarkeit.

Damit ist klar, dass sehr schnell überhaupt keine fossilen Kraftkwerke mehr gebraucht werden und die gerne erzählte Geschichte von den Mindestkapazitäten oder der Nicht-Teilnahme von Photovoltaik und Wind an der Bereitstellung von Regelenergie - wie so viele andere scheinbare Weisheiten der alten Energiewirtschaft - in die Tonne können (an dieser Stelle ist der Wikipedia-Artikel veraltet). Denn die Speicher kann man überall in geeigneter Form und Größe im Netz verteilen oder eben auch direkt zu den Photovoltaik- oder Windkraftanlagen rücken und damit wesentlich feiner regeln. Verluste fossiler Brennstoffe aufgrund unnötiger Ineffizienzen von Kraftwerken können somit umgehend reduziert werden.

Mit diesen immer billiger werdenden Speichern kann also die Systemstabilität erhöht werden, während mit jedem weiteren "must run" Kapazitäten aus den Netzen entfernt werden können, was sich wiederum auf den Netzausbau und -umbau sowie dem Betrieb auswirkt. Der Einsatz dieser Technik ist daher geeignet, einmal mehr die Netzplanungen in Deutschland signifikant zu verändern. Weshalb diese Planungen dringend komplett neu aufgesetzt werden müssen, denn sie beinhalten noch immer viel zu viele konventionelle Anlagen.

Die Dimension des möglichen Umbaus und den daraus auch denkbaren Kostensenkungen im Netzbetrieb zitiere ich mal aus Wikipedia: "Der von Amprion geführte Netzregelverbund der Bundesrepublik Deutschland ist in vier Regelzonen aufgeteilt, in denen jeweils ein Übertragungsnetzbetreiber die Verantwortung für das Gleichgewicht von Ein- und Ausspeisungen im Stromnetz hat. In Deutschland werden insgesamt 7000 Megawatt positiver Regelleistung (zusätzliche Leistung für den Engpassfall), und 5500 Megawatt negativer Regelleistung (Senkung der Produktion bzw. künstliche Erhöhung des Verbrauchs) vorgehalten. Die Kosten dafür betragen etwa 40 Prozent des gesamten Übertragungsnetzentgeltes.
Zum 1. Mai 2010 wurden auf Anordnung der Bundesnetzagentur in Deutschland der bis dato bestehende Netzregelverbund der drei Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz Transmission (früher: Vattenfall Europe Transmission), TransnetBW (früher: EnBW Transportnetze), Tennet TSO (früher: E.ON Netz) um die vierte Regelzone vom Amprion (früher: RWE Transportnetz Strom) erweitert, sodass es seither einen einheitlichen deutschlandweiten Netzregelverbund gibt.[9] Dies soll ein sogenanntes Gegeneinanderregeln verhindern, bei dem in verschiedenen Regelzonen gleichzeitig sowohl positive als auch negative Regelenergie eingesetzt wird. Durch den Regelverbund muss weniger Regelleistung vorgehalten und weniger Regelenergie eingesetzt werden, weil sich Leistungsüberschüsse und -bedarfe der vier Regelzonen teilweise kompensieren. Dies soll laut Bundesnetzagentur Einsparungen in dreistelliger Millionenhöhe bewirken.
Die Bundesnetzagentur schließt eine künftig noch intensivere Zusammenarbeit der Übertragungsnetzbetreiber nicht aus. Auch könnte der Regelverbund in Richtung der europäischen Nachbarländer erweitert werden."

Cool, oder?
Ja, ich finde das sehr cool und inspirierend. Die Chancen sind gewaltig und aufgrund der massiven Kostensenkungen im Batteriebereich durch die E-Mobility - die Industrie spricht von jährlichen Kostensenkungen um 20 Prozent für die Batterien - stehen wir erst ganz am Anfang der Möglichkeiten in der Anwendung.

Und wir sehen am Ende eines wirklich spannenden Tages in Schwerin, was alles geht mit Erneuerbaren und deren Speicherkomponente. Und auch was wir alles nicht brauchen, von dem seit Jahrzehnten behauptet wird, das es alles so alternativlos ist.

Und wären wir gestern in China gewesen, dann wären die Offiziellen aus der Regierung alle vor Stolz geplatzt und hätten die Zukunft gepriesen und die großen Chancen - ohne auf den Investitionen rumzuhaken. Aber wir waren in Deutschland und da gibt es diesen Minister.

Mal wieder voll daneben: Sigmar Gabriel

Der Vortrag von Bundeswirtschafts- und -energieminister Gabriel ging gar nicht - denn statt stolz auf unser Land und die Leistungen zu sein, die gerade auch an diesem Tag erbracht werden, ging sofort die Leier von den Subventionen los. Die Erneuerbaren sollten halt nicht nach Subventionen schreien, diese müssten zurückgefahren werden und überhaupt müsse endlich wieder der Markt Maßstab für das Handeln sein.

Okay, nachdem Sigmar Gabriel dann diverse Einheiten vertauscht hatte und es sonnenklar wurde, dass er nicht wirklich weiß, wovon er redet, waren die Subventionen ohne sie zu nennen, dann doch wieder toll. Er lobte den Offshore-Windbereich über den grünen Klee und als ein Einzelner dafür applaudierte, meinte Gabriel dann bierselig: „Du bist wohl der Einzige von Wind offshore hier - ich komm nachher zu Dir!“ Ich musste mich sehr beherrschen, nicht mit Zwischenrufen auf ein Ende dieser üblen, einfach dummen und beleidigenden „Öffnungsrede“ hinzuwirken. Aber es war knapp und wenn ich die Gesichter vieler Anwesenden gesehen habe, dann ging es vielen so. Aber gut, die SPD hat ja in Thüringen und Sachsen beeindruckend gezeigt, wo es mit ihr hingeht: Richtung 10 Prozent - mit Sigmar Gabriel bekommen sie das bestimmt bald auch im Bund hin. Denn auch der Letzte dürfte gemerkt haben, wie unglaubwürdig und arrogant dieser SPD-Vorsitzende agiert.

Die erneuerbaren Energien wird er damit global nicht aufhalten, aber Deutschland in der Technik zurückwerfen.


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