Anpfiff in Südafrika

Kategorie: Ausland, 07 / 2010 Oliver Ristau

Südafrika: Eine exzellente Vergütung für Solaranstrom könnte die Photovoltaik am Kap eigentlich nach vorne bringen. Doch der Stromkonzern muss die Energie nicht abnehmen, und der Anschluss ans Netz ist Verhandlungssache. Viele Privatleute setzen daher auf Inselanlagen.

Fußball-Weltmeisterschaften sind für das Ausrichterland besonders spannend. Der südafrikanische Stromversorger Eskom hat sich drei Jahre vorbereitet, damit in den Stadien nicht das Licht ausgeht.
Foto: Ritztrade International

Eine eigene Stromversorgung macht sorglos. Die Ranger-Ausbildung im südafrikanischen Binnenland bleibt von den andauernden Stromausfällen im Rest des Landes unberührt.
Foto: Oliver Ristau

Moderne Stadien, die vom Gesumme der Vuvuzelas vibrierten, und jubelnde Menschenmengen, die jedes Tor begeistert feiern. Das war das eine Gesicht der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika. Die andere Seite war Johannesburg im Dunkeln – außer dort, wo die FIFA residierte – und lahmgelegte Züge, die 2.000 Fußballfans nicht nach Hause kommen ließen. Der Grund: Stromausfall.

Seitdem die Wirtschaft im größten Schwellenland südlich der Sahara wächst, sieht sich der zentrale Stromversorger Eskom immer wieder gezwungen, die Stromversorgung abzustellen. Er hatte es vor Jahren versäumt, die Kraftwerkskapazitäten auszubauen, um die sprunghaft gestiegene Nachfrage bedienen zu können. Die Konsequenzen sind schwerwiegend. An manchen Tagen wird der Strom mehrere Stunden lang abgestellt, im Boomjahr 2008 mussten Großverbraucher aus der Industrie ihren Verbrauch um 15 Prozent drosseln. Neue Kraftwerke zu planen und zu bauen nimmt mehrere Jahre in Anspruch und erfordert Milliardeninvestitionen.

Beste Voraussetzungen

Eigentlich eine Chance für die Photovoltaik, die schneller und günstiger umgesetzt werden kann. Mit bis zu 2.200 Kilowattstunden pro Quadratmeter sind die Strahlungsbedingungen in Südafrika genauso gut wie in der Sahara oder in Australien. Eine Einspeisevergütung ist auch bereits beschlossen, allerdings nur für Großanlagen. Außerdem gibt es keine Garantie, dass die Eskom den Strom abnehmen und vergüten muss. Privatleute mit kleinen Anlagen gehen bei der bisherigen Regelung völlig leer aus.

Ben Bremer hat sich trotzdem für Solarenergie entschieden. Seit 2009 unterhält er in der Provinz Eastern Cape eine Schule für Wildhüter. Als es um die Stromversorgung der Farm ging, war seine Entscheidung schnell gefallen. Er wählte die Selbstversorgung. „Wir hatten in Südafrika 2008 an zwei von sieben Tagen keinen Strom“, erinnert er sich.

Deshalb ließ er sich neben der Schule eine 5.200 Kilowatt starke Inselanlage vom deutschen Hersteller Solarworld installieren. Auf Holzgestelle montiert, passt sich die Installation gefällig in die naturbelassene Savannenvegetation der Rangerschule ein. „Das Solarkraftwerk versorgt die gesamte Schule und die beiden Studentenunterkünfte problemlos mit Strom.“ Dabei lädt der Solarstrom zunächst eine Batteriestation außerhalb des Hauses auf, die den Strom schließlich an die Verbraucher verteilt. „Warum hätte ich die Schule an das vier Kilometer entfernt liegende Stromnetz anschließen sollen?“, fragt er. „Die Verbindung wäre teurer als mein Solarkraftwerk geworden und hätte mir keine Versorgungssicherheit gebracht.“ Wer seinen Strom aus dem Netz bezieht, muss außerdem in der Zukunft mit kräftig steigenden Tarifen rechnen. Der staatliche Regulator Nersa, das steht für National Energy Regulator of South Africa, hat dem Stromerzeuger Eskom bis ins Jahr 2013 bereits Preissteigerungen von jährlich mehr als 13 Prozent für Haushalte genehmigt. Das entspricht – je nach Verbrauch – umgerechnet sechs bis 17 Cent je Kilowattstunde.

„Eine Solaranlage muss mehr Sicherheit bieten als Strom aus dem Netz”, sagt André Friend, der die Photovoltaikanlage für Bremer installierte. Für den Firmenchef von Telekom Techniques aus Port Elizabeth steht mit der Zuverlässigkeit der Systeme bares Geld auf dem Spiel. Seine Kunden leben hunderte Kilometer weit verstreut in dem dünn besiedelten Land. „Wenn die Anlagen ständig ausfallen, lohnt sich das Geschäft nicht“, sagt er. Ansonsten reicht es, im Schnitt alle sechs Monate zu Wartungsarbeiten zu fahren. Friend hat in den letzten 15 Jahren in Südafrika mehr als 1.000 Systeme ausgeliefert, davon vor allem Solar-Home-Systeme sowie Anlagen für Wasserpumpen, Telekommunikation und die Versorgung ländlicher Farmen.

Keine Chance ohne Solarstrom

„Ohne Solarenergie wäre ich nicht mehr hier“, erklärt Hans Calitz von der Lodge „Living Waters“. Sein rund 800 Hektar großes Anwesen in der Nähe des Weinbaustädtchens Calitzdorp rund 300 Kilometer östlich von Kapstadt wird seit mehr als zehn Jahren von einer Photovoltaikanlage versorgt, doch das Telefon-Festnetz in der abgelegenen Hügelwelt der Little Karoo ist ständig überlastet, der Zugang ins Internet kaum möglich. „Seit hier in der Nähe ein solar versorgter Mobilfunkturm steht, ist Kommunikation kein Problem mehr“, freut er sich. Die zwölf Siemens-Module auf dem Flachdach der Farm arbeiten „von jeher ohne Probleme“, wie seine Frau Erika sagt – und versorgen einen Pool an Elektrogeräten wie Mikrowelle, Fernseher und Waschmaschine. „Man muss nur lernen, bewusst mit der Energie umzugehen.“

Versorgungssicherheit ist nicht nur auf dem Land, außerhalb der Reichweite der Stromnetze, ein wichtiges Argument für Solarenergie, sondern auch in den südafrikanischen Metropolen. Die Stromausfälle haben bei vielen Firmen die Geschäftsaktivitäten gestört, wenn etwa die EDV-Systeme zusammengebrochen sind. Besonders schwer betroffen waren davon die Banken, die während der Blackouts die Arbeit fast vollständig einstellen mussten.

Gefahr für die Wirtschaft

Nach Auskunft der Development Bank of Southern Africa (DBSA) aus Midrand bei Pretoria zählen solche Zwangsunterbrechungen zu den größten Risiken von Banken überhaupt – etwa für den weltweiten Börsenhandel. Die DBSA, die sich vor allem um Entwicklungsprojekte kümmert, zieht die Lehren aus der Stromkrise. „Für Südafrika lohnt es sich, die reichen Wind- und Solarressourcen auszubeuten”, sagt Chantal Naidoo vom Environmental Finance der DBSA. „Eating our own dogfood“ nennt sie das, was so viel bedeutet wie auf eigene Produkte und Ressourcen statt auf Importe zu setzen. Als Pilotprojekt hat die DBSA in diesem Jahr eine Photovoltaikanlage mit 29 Kilowatt Leistung installiert, bestehend aus 168 monokristallinen Solarworld-Modulen. Ein erster Schritt, um Erfahrungen in der Anwendung von Photovoltaik zu sammeln. Sie sollen einem geplanten Aktionsprogramm zur Finanzierung von Solarsystemen in Südafrika zugute kommen. Die DBSA könnte dabei so ähnlich agieren wie die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in Deutschland, die zinsgünstige Kredite anbietet. „Wir werden ein Ein-Megawatt-System installieren und eine solarthermische Anlage mit 200 Kilowatt. Zusammen werden sie zwei Drittel unseres Bedarfs decken”, kündigt Graham Tate an, der für das Gebäudemanagement der Bank zuständig ist.

Voraussetzung dafür ist eine Übereinkunft mit dem Stromerzeuger Eskom. Er muss der DBSA eine Lizenz als „Independent Power Producer“ (IPP), also als unabhängiger Stromerzeuger, erteilen. Eine solche Vereinbarung mit Südafrikas einzigem Stromerzeuger ist auch die Voraussetzung dafür, in den Genuss des Einspeisetarifs REFIT (Renewable Energy Feed-in Tariff) zu kommen, den die südafrikanische Regierung Ende letzten Jahres beschlossenen hat. Eingespeister Solarstrom soll hiernach mit 3,94 Rand pro Kilowattstunde vergütet werden, das entspricht rund 40 Eurocent. Das gilt allerdings nur für Anlagen, die mindestens ein Megawatt Leistung bringen. Kleinere netzgekoppelte Anlagen gehen leer aus.

Abnahme nicht garantiert

Noch hat die Regulierungsbehörde Nersa allerdings keinerlei Abnahmepflichten festgelegt. „Kein Investor weiß, wer ihm den Strom abkaufen soll“, moniert Jean-Vincent Ridon, Chef des CO2-Handelshauses Carbon Footprint aus Kapstadt. Einen Anspruch auf die Vergütung gibt es juristisch nicht. „Das Potenzial für Photovoltaik in Südafrika ist gleichwohl enorm. Wir könnten in der Welt ganz vorne sein“, ist er überzeugt. In Kapstadt werden rund 1.650 Kilowattstunden pro Quadratmeter als Ertrag gemessen, in Johannesburg sogar 1.950.

Die fehlende Einspeisegarantie ist der wichtigste Grund, warum trotz der attraktiven Vergütungshöhe im Jahr 2010 noch kein einziges Megawatt-Projekt realisiert worden ist. Ridon geht von weiteren politischen Verhandlungen über die Ausgestaltung des Netzzugangs aus. „Vielleicht wird der REFIT auch auf kleinere Anlagen ausgedehnt“, hofft er. Denn das würde die Photovoltaik in Südafrika insgesamt gewaltig voranbringen. „Der Markt für die Großanlagen wird kaum vor Mitte 2011 in Fahrt kommen.“

Gregor Küpper, Chef von Solarworld South Africa, sorgt sich jetzt schon vor einer rücksichtslosen Goldgräbermentalität. „Man hört von angeblichem Interesse für Projekte mit zusammen einem Gigawatt“, sagt er. „Es ist zu befürchten, dass es wie in Spanien vielen nur um das schnelle Geld geht.“ Der Photovoltaik wäre damit ein Bärendienst erwiesen, denn damit könnte ihr größtes Kapital, ihre Zuverlässigkeit, untergraben werden. Wegen der steigenden Wettbewerbsfähigkeit wächst der Markt zurzeit auch ohne staatliche Förderung. 2010 könnte er laut Küpper bei vier bis fünf Megawatt liegen – und damit doppelt so hoch wie noch vor drei Jahren.

Solarworld ist seit Übernahme der Shell-Assets 2006 am Kap der Guten Hoffnung vertreten. Shell wiederum hatte das Südafrika-Geschäft von Siemens Solar fortgeführt. Den meisten anderen großen Solaranbietern ist Südafrika bisher kein eigenes Vertriebsbüro wert. Das gilt derzeit auch noch für Chinas Produzenten. Doch angesichts des Engagements, das klassische Energieunternehmen aus China auf dem Kontinent bereits entfalten, dürfte die Offensive in Südafrika nur eine Frage der Zeit sein. Und mit Yingli greift das erste chinesische Unternehmen dafür bereits tief in die Tasche. Die Rolle des Werbepartners der Welt-Fußballorganisation FIFA für die Weltmeisterschaft 2010 lässt sich

das Unternehmen aus Baoding einen zweistelligen Millionenbetrag kosten.

Den Fußball als Vehikel zum Transport der solaren Botschaft nutzt auch die Solarworld. So haben die Bonner ein Fußball-Camp der FIFA im Kapstädter Township Khayelitsha mit einer kostenlosen Solaranlage ausgestattet. Das Unternehmen versucht außerdem, mit der landesweiten Installation solar betriebener und kostenloser Fernseher und DVD-Player zu punkten, mit denen sie dörfliches „Public Viewing“ der Spiele ermöglichen will.

Nationale Produkte bevorzugt

Eine eigene Produktion unterhält Solarworld in Südafrika nicht – und ist damit im Nachteil, wenn es um die Vergabe öffentlicher Aufträge geht. Denn die Regierung achtet bei öffentlichen Ausschreibungen akribisch auf die inländische Herkunft von Produkten und Produktion. Größter Hersteller am Kap ist die französische Tenesol – einst ein Pionier für Photovoltaikinstallation in Afrika – heute ein Joint Venture zwischen dem Pariser Ölkonzern Total und dem Stromerzeuger EdF. Tenesol unterhält seit 1996 eine Modulfabrik in Kapstadt. Aktuell verfügt über eine Jahreskapazität von 55 Megawatt und beschäftigt mehr als 200 Mitarbeiter. Durch den Einsatz von zwei neuen Stringern will Fabrikchef Fabien Gouzil die Leistung auf 80 Megawatt hochfahren. Die mono- und polykristallinen Module werden in einer Spanne von zehn bis 240 Watt weltweit abgesetzt, das Gros in Asien und Amerika. Kleinere Modulproduktionen unterhalten außerdem die französische Solaire Direct und die einheimische Setsolar, die ihre Produkte fast ausschließlich im Süden Afrikas vertreiben. Sitz ist ebenfalls Kapstadt.

Ob es gelingen wird, das Photovoltaikpotenzial des sonnenverwöhnten Landes auszunutzen, bleibt fraglich. Falls die WM im fußballverrückten Südafrika, wie erhofft, die wirtschaftliche Entwicklung wieder anschiebt, könnte aber auch die Solarstrombranche punkten. Denn bei einem Wirtschaftswachstum ohne verlässliche Energieversorgung werden die Lichter in Südafrika immer wieder ausgehen. Und zuverlässig war zuletzt vor allem der Solarstrom.


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