230 Millionen Euro für die digitale Energiewende

Kategorie: Topnews, Politik und Gesellschaft

Das Bundewirtschaftsministerium hat fünf Schaufensterregionen ausgewählt, die die Digitalisierung der Energiewende voranbringen sollen. Unter den Gewinnern sind Regionen mit hohem Solar- und Windstromanteil. Es geht vor allem um die intelligente Vernetzung von Erzeugung und Verbrauch.

Die Digitalisierung der Energiewende eröffnet große Chancen für neue Geschäftsmodelle und die Integration der Photovoltaikanlagen.
Foto: Fotolia/denisismagilov

Fünf Modellprojekte in fünf Schaufensterregionen werden in den nächsten vier Jahren mit bis zu 230 Millionen Euro gefördert. Das Ministerium erwartet, dass private Investoren noch einmal ein Vielfaches dazugeben und 600 Millionen Euro in die Projekte investieren. Offiziell hat das Programm den sperrigen Namen: "Schaufenster intelligente Energie - Digitale Agenda für die Energiewende" (SINTEG).

Q/sells bekommt den Zuschlag

Eine der Gewinner-Projekte ist die Modelregion C/sells der Smart-Grid-Plattform Baden-Württemberg, das Gebiete in Baden-Württemberg, Bayern und Hessen umfasst. Im Zentrum von C/sells steht der Prosumer, der nicht nur Energie verbraucht, sondern auch erzeugt. Ihm soll die Möglichkeit gegeben werden, seine Leistungen anzubieten und zu handeln. Es sollen Methoden entwickelt werden, wie der regionale Ausgleich von Erzeugung und Verbrauch vonstatten gehen kann.

Im Einzugsbereich des Projektes liegen nach eigenen Angaben 40 Prozent aller Photovoltaikanlagen in Deutschland. 100.000 Anschlussstellen sollen am Ende mitmachen. „Da entsteht eine große technische Komplexität“, sagte Ole Langniß im September. Er und seine Mitstreiter wollen das mit viel IT und Kommunikationstechnik lösen. „Wir brauchen dazu die Automatisierung und Industrialisierung, um die Transaktionskosten zu senken“. Der Stuttgarter Energiewirtschaftler hat die SINTEG-Projektskizze koordiniert. Partner der Plattform, darunter Netzbetreiber und Anlagenbauer wollen (Stand September) selbst 68 Millionen Euro mitbringen.

Eine der wichtigsten derzeitigen Diskussionen geht darüber, wie dezentral die Energiewende sein sollte und in wie lokal der Ausgleich von Erzeugung und Verbrauch stattfinden sollte. Während die VDE-Studie zum „zellularen Ansatz“ sehr kleine Einheiten untersucht, die weitgehend autonom arbeiten und dann zu größeren Systemen vernetzt werden, sprechen sich andere für einen möglichst großen überregionalen Marktplatz dafür aus. (Einen Überblick über Studien, Projekte und Konzepte finden Sie hier).

enera bekommt ebenfalls einen Zuschlag

Im Projekt enera im Nordwesten Niedersachsens, das ebenfalls einen Förderzuschlag bekommen hat, versuchen die Projektpartner beide Konzepte zu vereinen. Über so genannte regionale Orderbücher sollen Anbieter so genannte Flexibilitäten auf einem überregionalen Marktplatz handeln, sie aber gleichzeitig für die Region zur Verfügung stellen können. Ein Teil des Projekt ist die Einbindung von Batteriespeichern. Laut Projektpartner Younicos ist möglich, innerhalb von wenigen Millisekunden zwischen Netz, Markt und Batteriekraftwerk zu kommunizieren.

Die Netzdienstleistungen sind allerdings nur ein Teil des Projekts. Der andere Teil des Projekts bezieht sich auf neue Produkte und digitale Innovationen. „Wir haben Kontakt zu 3.000 Versorgern“, sagt Horst Neunaber, der beim Projektpartner SAP im Bereich strategische Innovation arbeitet. „Viele haben keine Vorstellung, was aus der Digitalisierung erwachsen könnte.“ Er zieht in der Novemberausgabe des pv magazine den Vergleich zur Entwicklung des Musikmarktes. Die größte Revolution hat nicht die Einführung der CD als erstes digitales Mudikmedium gebracht, sondern die neuen Geschäftsmodelle durch das Onlinestreaming. Diese haben dazu geführt, dass jetzt Apple & Co das große Geschäft machen, das früher in der Hand der Musikverlage war.

Bei enera sind 75 Projektpartner, darunter SAP, Siemens, Ernst & Young und Tennet, unter Führung des norddeutschen Energieunternehmens EWE beteiligt. Voraussichtlich wird die Förderung durch SINTEG 50 Millionen Euro betragen. (Lesen Sie hier eine ausführliche Diskussion des enera-Projekts)

Weitere SINTEG Gewinner

Außer C/sells und enera haben den Zuschlag bekommen:
-> "Designetz: Baukasten Energiewende - Von Einzellösungen zum effizienten System der Zukunft" in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und im Saarland.
-> "NEW 4.0: Norddeutsche EnergieWende" in Hamburg und Schleswig-Holstein
-> "WindNODE: Das Schaufenster für intelligente Energie aus dem Nordosten Deutschlands" in den fünf ostdeutschen Bundesländern und Berlin

Hier finden Sie weitere Informationen zu den Regionen auf der Webseite des BMWi.

Smart-Meter-Rollout und Gesetzentwurf zur Digitalisierung der Energiewende

Viele Ansätze in den Modellregionen verlangen vermutlich, dass Smart Meter eingesetzt werden. Trotzdem besteht kein direkter Zusammenhang mit dem Gesetzentwurf zur Digitalisierung der Energiewende, der stark kritisiert wird. Der Gesetzentwurf legt eine teure Technik fest und zwingt alle, diese zu benutzen. Dazu gehört das aktive Einspeisemanagement für alle Photovoltaikanlagen über sieben Kilowatt Anlagenleistung und eine große Anzahl von Messpunkten bei den Verbrauchern.

Doch die Schaufensterregionen dienen der Erprobung, die ja eigentlich vor der Festlegung stehen sollte. Um etwa im enera-Projekt die größeren Anlagen einzubinden, was geplant ist, muss man die Kleinanlagen nicht mit der gesamten Kommunikationsinfrastruktur ausstatten. Es reicht eine bestimmte Anzahl an Messpunkten im Netz. „Heute kann man noch nicht sagen, mit welcher Kleinteiligkeit das nötig ist“, sagt Ulf Brommelmeier, Projektmanager bei enera, in der Novemberausgabe des pv magazine. Das herauszubekommen ist eine Aufgabe von Enera.

Spricht man mit Experten, legen etliche nahe, erst einmal Ergebnisse zum Beispiel aus den Modellregionen abzuwarten. Bezüglich der neuen Geschäftsmodelle wäre es durchaus vorstellbar, so hört man, Kunden vom Mehrwert zu überzeugen, statt sie zum Einbau zu zwingen und ihnen dann die Rechnung zu schicken. Denn dann könnten sie sich freiwillig für Smart Meter entscheiden. (Michael Fuhs)

Die neue Energiewelt
In drei pv-magazine-Ausgaben von Juni bis November 2015 haben wir in Schwerpunkten auf über 90 Seiten erst das Zusammenwachsen von alter und neuer Energiewelt analysiert, dann die Frage, was Dezentralität wirklich bedeutet und zu guter Letzt ausgewählte Lösungen, die Photovoltaik beinhalten. Zur Themenseite


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